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«Das ist das wahre Italien»

Coach Cesare Prandelli und seine Azzurri freuten sich, wie sie Titelverteidiger Spanien beim 1:1 in Danzig Probleme bereiteten.

Weltmeister und Titelverteidiger aus der Balance: Sergio Ramos gegen Italiens Abwehrchef Daniel de Rossi und Goalie Gianluigi Buffon.
Weltmeister und Titelverteidiger aus der Balance: Sergio Ramos gegen Italiens Abwehrchef Daniel de Rossi und Goalie Gianluigi Buffon.
Reuters

Gianluigi Buffon reckte nach dem Schlusspfiff beide Daumen in die Höhe. Mit dieser triumphalen Geste wollte der italienische Captain aber nicht den Endstand anzeigen. Das Team von Cesare Prandelli fühlte sich offensichtlich als Sieger dieses mitreissenden 1:1 an der Ostseeküste, das war auch dem Mitspieler herzenden Daniele De Rossi anzusehen. Italiens Bester riss sich begeistert das Trikot vom Leib – er hatte als improvisierter Libero «nach dem Vorbild Beckenbauer» («Gazzetta dello Sport») die je nach Bedarf mit drei bis fünf Mann agierende Abwehrkette glänzend organisiert. Es war Erleichterung, Befreiung: Die Italiener müssen bei diesem Turnier, so viel ist nach der überaus couragierten Leistung gegen den Weltmeister klar, nicht Gefangene ihrer Ängste (Wettskandal) und Probleme (Verletzungen) sein.

«Wir hätten gewinnen können, wir hätten verlieren können», sagte ein stolzer Prandelli, «das Wichtigste aber ist, dass wir ein Lächeln im Gesicht haben. Wir müssen lächeln. Es ist ein wunderbarer Wettbewerb.» Dass in diesem auch die Azzurri eine positive Rolle spielen könnten, hatten vor dem Match bei mediterranen Bedingungen die wenigsten geglaubt.

Weltmeister lange ohne Stürmer

Prandelli aber stellte die in extremis auf ihr Kurzpassspiel vertrauenden Spanier mit seinem modern interpretierten Retrosystem vor unerwartete Probleme. Italien verdichtete gegen die zunächst ganz ohne Stürmer in einer 4-6-0 Formation angetretenen Weltmeister und Titelverteidiger geschickt den Raum und glänzte nach vorne mit feinen, präzisen Kontern. «Wir haben in der Kabine vor dem Anpfiff gescherzt, weil wir beim Gegner keine Angreifer auf dem Spielbogen fanden», sagte De Rossi hinterher.

Die Spanier hatten natürlich mehr vom Spiel, entschieden sich in Strafraumnähe aber oft falsch. Zudem hatten sie Probleme mit dem etwas stumpfen Rasen. Sie hätten ihn gerne gewässert gehabt, doch die Italiener wollten lieber einen trockenen, langsameren Untergrund. Am gefährlichsten wurde es, wenn es Andrés Iniesta, der auffälligste Akteur bei der Furia Roja, oder der als «falscher Neuner» von der Peripherie her agierende Cesc Fàbregas mit Distanzschüssen versuchten. Die zwingenderen Torchancen hatte allerdings Italien. Der von den spanischen Fans mit unablässigen «Iker, Iker»-Sprechchören gefeierte Torhüter Casillas hatte von seinen vielen Flugeinlagen bald verdreckte Knie.

Die Auswahl von Vicente Del Bosque wollte in der Goldschüssel der PGE-Arena nicht in Schönheit straucheln. Sie kam zwar immer noch ohne echten Stürmer, aber mit deutlich mehr Entschlossenheit aus der Kabine, Fàbregas und Iniesta scheiterten nur knapp. «Wir hatten gut kombiniert, aber die Tiefe hat uns in der ersten Hälfte gefehlt», sagte Del Bosque, «das haben wir später sehr viel besser gemacht.» Auf der Gegenseite lief erst einmal Mario Balotelli völlig alleine auf Casillas zu. Der kapriziöse Stürmer von Manchester City wurde aber auf den letzten Metern so unerklärlich langsam, dass der zurückeilende Sergio Ramos mit einer Grätsche klären konnte. Prandelli nahm den 21-Jährigen kurz darauf vom Platz. Ersatzmann Antonio Di Natale setzte sich sofort entscheidend durch: Nach einem kurzen Antritt von Andrea Pirlo und dessen grossartig in die Schnittstelle der spanischen Abwehr gespielten Pass schlenzte der Veteran von Udinese den Ball überlegt ins Netz.

Schneller Ausgleich

So verdient das 1:0 auch war, es währte nur drei Minuten. Xavi spielte Fàbregas frei, und der Katalane überwand Buffon aus kurzer Distanz (64.). Die spanische Geduld und der Glaube an den eigenen Weg hatten sich ausgezahlt.

Del Bosque wollte jetzt jedoch den Sieg. Er brachte eine Viertelstunde vor Schluss für Fàbregas endlich einen Stürmer. Fernando Torres’ Auftritt geriet aber tragisch-spektakulär. Der ChelseaAngreifer stellte zwar die etwas müde gelaufene Abwehr der Italiener vor grosse Probleme. Erst lief er allein auf Buffon zu, verlor aber im entscheidenden Moment den Ball aus den Augen. Kurz darauf lockte er De Rossi aus dem Zentrum und versuchte, Buffon mit einem Heber zu überwinden, doch der Ball ging einen Meter über die Latte.

In der packenden Schlussphase hätte Di Natale mit einem Volley frei vor dem spanischen Tor das 2:1 erzielen müssen, doch mit dem Remis können die beiden favorisierten Teams in der Gruppe C gut leben, ganz besonders die Italiener. «Wir hätten unsere Führung besser verwalten sollen, aber man sieht, dass diese Mannschaft wächst», freute sich Prandelli. «Das ist das wahre Italien.»

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