Zum Hauptinhalt springen

Biodiversität, Armut, Unterernährung«Extremer Reichtum muss reduziert werden»

Die Berner Wissenschaftlerin Sabin Bieri erklärt, wie weit wir von «Planet Hope» entfernt sind, den das neue Lichtspektakel ans Bundeshaus projiziert.

Sieht trotz allem auch Hoffnung: Sabin Bieri, Co-Direktorin des Centre for Environment and Development (CDE) der Universität Bern.
Sieht trotz allem auch Hoffnung: Sabin Bieri, Co-Direktorin des Centre for Environment and Development (CDE) der Universität Bern.
Foto: Franziska Rothenbühler

Frau Bieri, können Sie mit der Idee, das komplexe Thema der nachhaltigen Entwicklung als Lichtshow am Bundeshaus zu inszenieren, etwas anfangen?

Wir können die Welt nicht allein an der Hochschule retten oder mit Diskussionen im Spätabendprogramm am Fernsehen. Der sinnliche, populäre Zugang, den die Veranstalter des Lichtspektakels gewählt haben, scheint mir sinnvoll. Aus der Wissenschaft ergreifen wir nun die Gelegenheit, mit einem Rahmenprogramm thematische Vertiefungsfenster anzubieten.

Sie sind Co-Direktorin des Centre for Development and Environment (CDE) der Universität und Spezialistin für nachhaltige Entwicklung. Kann man den Zustand der Welt im Ernst als «Planet Hope» bezeichnen, wie das die Lichtshow tut?

Aus Hoffnung entsteht Handlungsfähigkeit. Wenn man nur den Krisenblick betont, löst das oft Ohnmacht aus. Aber Sie haben schon recht. Schaut man die Dringlichkeit und Dynamik der Probleme ander rasende Verlust der Artenvielfalt etwa, die ungerechte Verteilung des Reichtums oder die neuerdings wieder zunehmende Unterernährung –, muss man sagen: Wir sind daran, die Welt mit vollem Tempo an die Wand zu fahren.

190 Staaten, darunter die Schweiz, haben sich 2015 auf eine UNO-Agenda für nachhaltige Entwicklung verständigt. Ist das ein Papiertiger, oder spürt man etwas von ihr?

Ich halte diese Agenda für wegweisend. Das Schwierige an der Nachhaltigkeit sind die Verhaltensänderungen, die es dafür braucht. Im Kleinen, Konkreten gibt es Veränderung. Man schliesst ein Gemüseabo ab, weil man Produkte aus der Region konsumieren will. Das ist sehr wichtig, aber reicht allein nicht. Es braucht auch Veränderungen im grossen, globalen Zusammenhang, und dort, wo sie grundlegende Werte dieser Gesellschaft berühren, wird es besonders zäh. Gleichzeitig läuft uns die Zeit davon.

Besonders zäh was zum Beispiel?

Wir können uns keine Alternative zu einem Wirtschaftssystem vorstellen, das auf Wachstum ausgerichtet ist. Weil wir glauben, unser Wohlstand sei davon abhängig.

«Das ist die Wohlfühlgeschichte, die Bill Gates gerne erzählt oder die Weltbank.»

Das ist er doch.

Die Verbindung von Wachstum und Wohlstand ist der grosse politische Konsens, der seit Jahrzehnten hält. Das linke und grüne Lager braucht das Wachstum, um den Sozialstaat zu finanzieren, auf der bürgerlich-liberalen Seite gehört das Wirtschaftswachstum ohnehin zur DNA. Diese Übereinstimmung führte zu unserem Wohlstand der Nachkriegszeit, der aber ein westlicher Wohlstand ist und auf Ausbeutung der natürlichen Ressourcen sowie auf globalen Benachteiligungen basiert. Und er unterfüttert auch unsere funktionierende Demokratie. Es ist sehr, sehr schwierig, dieses Wertemuster aufzubrechen und neue Koalitionen zu finden, die für eine nachhaltige Entwicklung nötig sind.

Versuchen Sie es?

Wir gehen am CDE zum Beispiel der Frage nach, ob sich Wohlstand anders ausdrücken könnte als in Konsum. Was passiert, wenn wir Arbeitsprozesse anders organisieren und Zeit gewinnen? Ich habe den Eindruck, wir sind in dieser Hinsicht eine recht arme Gesellschaft. Wir machen uns vor, unser Leben autonom einzuteilen, aber wenn man genau hinschaut, sieht man, dass wir alle oft gehetzt Statussymbolen hinterherrennen.

Die Erde als Ort der Hoffnung, eine Arche Noah legt ab und landet am Bundeshaus in Bern: Die Botschaft des Lichtspektakels «Rendez-vous Bundesplatz» ist sehr optimistisch angesichts des Zustands der Welt.
Die Erde als Ort der Hoffnung, eine Arche Noah legt ab und landet am Bundeshaus in Bern: Die Botschaft des Lichtspektakels «Rendez-vous Bundesplatz» ist sehr optimistisch angesichts des Zustands der Welt.
Foto: Keystone 

Über Wohlstand zu sinnieren, ist ein Privileg des satten Westens. In den Armutsregionen der Welt braucht es Wirtschaftswachstum.

Bis zu einem gewissen Grad stimmt das. Alles andere wäre naiv.

Aber?

Aus meiner Sicht braucht es zur Armutsbekämpfung auch eine Reduktion des extremen Reichtums. Was oft verdrängt wird: Von der globalen Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahrzehnte profitieren fast ausschliesslich die wohlhabendsten zehn Prozent der Weltbevölkerung. Nicht die Armen, nicht der Mittelstand. Wann diese Umverteilung von unten nach oben begann, ist klar datierbar: mit den neoliberalen Regierungen von Margret Thatcher in England und Ronald Reagan in den USA in den Achtzigerjahren. Erstaunlich ist, dass wir bis heute glauben, dass dieses Modell allen etwas bringt.

Immerhin hat es dazu geführt, dass eine Milliarde Menschen aus der Armut geholt wurden.

Das ist die Wohlfühlgeschichte, die Bill Gates gerne erzählt oder die Weltbank. Sie stimmt, wenn man von der konservativen Armutsschwelle von zwei Dollar am Tag ausgeht, die von der Weltbank propagiert wird. Wir wissen aber aus der wissenschaftlichen Literatur, dass es fünf bis sieben Dollar pro Tag für ein würdevolles Leben braucht. So gerechnet, lebt eine Mehrheit der Weltbevölkerung in Armutsverhältnissen. Umso absurder, was für astronomische Vermögen am allerobersten Ende der Reichtumsskala angehäuft werden.

Das Wirtschaftswachstum kann man nicht einfach abschaffen.

Aber man kann aus der Geschichte lernen. Anstatt zuzuschauen, wie die Reichen immer reicher werden, wäre es wichtig, das Wachstum an zusätzliche Bedingungen zu koppeln. An die Einrichtung sozialer Sicherheitsnetze oder fairer Steuersysteme etwa. Die Schweiz war da leider zu wenig mutig, als sie sich die Strategie der nächsten vier Jahre für die Entwicklungszusammenarbeit verpasst hat.

«Die Zahl der Menschen, die unter Hunger leiden, nimmt sogar wieder zu, aber noch stärker wächst die Zahl derjenigen, die stark übergewichtig sind.»

Wir reden über nachhaltige Entwicklung, aber nicht wie meistens über Klimawandel, sondern über Reichtumsverteilung.

Selbstverständlich ist der Klimawandel ein zentrales Thema, aber eben nicht das einzige. Ohne Gerechtigkeit ist keine nachhaltige Entwicklung denkbar. Genauso wenig wie ohne Gesundheit, wo wir global verstörende Trends sehen. Die Zahl der Menschen, die unter Hunger leiden, nimmt sogar wieder zu, aber noch stärker wächst die Zahl derjenigen, die stark übergewichtig sind, vor allem in Schwellenländern wie Brasilien, Mexiko oder Russland.

Wieso in Schwellenländern?

Ich kann Ihnen ein Beispiel aus Bolivien erzählen, wo ich oft arbeite. Der umstrittene frühere Präsident Evo Morales hat das Land vorwärtsgebracht auf einen Wachstumskurs, es gibt zum Beispiel mehr berufliche Chancen für junge Frauen, weil sie besser ausgebildet sind und seltener bloss die Möglichkeit haben, als Haushalthilfe zu arbeiten. Das ist positiv. Aber eine Folge davon ist, dass in bolivianischen Haushalten niemand mehr kocht, die Menschen ungesünder essen und teilweise stark zunehmen.

Verschärft Corona problematische Entwicklungen?

Etwas Gesichertes lässt sich dazu jetzt nicht sagen. Wenn dereinst etwas von Corona zurückbleiben wird, dann vielleicht die Einsicht, wie schnell unsere Vorstellungen von der Realität eingeholt werden können. Veränderungen, auch positive, können sich im Krisenmodus beschleunigen, umso wichtiger ist es, handlungsfähig zu bleiben.

3 Kommentare
    Jürg Brechbühl, Diplombiologe

    Mit folgender Aussage disqualifiziert sich die Autorin

    "Wann diese Umverteilung von unten nach oben begann, ist klar datierbar: mit den neoliberalen Regierungen von Margret Thatcher in England und Ronald Reagan in den USA in den Achtzigerjahren. "

    Solche Sprüche kann man eigentlich nur mit fehlendem Horizont, fehlender Welterfahrung begründen. Sie legen die Vermutung nahe, dass diese Frau einfach ihre Vorurteile aus der Studienzeit zum akademischen Hobby gemacht hat. Schade, dass wir für solche Pseudo-Wissenschaft auch noch Steuergelder hergeben.

    Extreme Armut und Superreiche gab es schon vor 200 Jahren und auch vor 2000 Jahren. Die USA haben zum Beispiel die Standard Oil vor 100 Jahren zerschlagen, genau, um solche Misstände zu brechen.