Gute Gabe

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Tausch oder Geschenk.

Gaben müssen erwidert werden, wenn man den Gebenden nicht kränken will. Foto: iStock

Gaben müssen erwidert werden, wenn man den Gebenden nicht kränken will. Foto: iStock

Peter Schneider@PSPresseschau

Wenn ich frühmorgens in unserem personaleigenen Restaurant der Firma für die Bezahlung meines Kaffees an der Kasse anstehe, so überrasche ich gerne die Person hinter mir, indem ich ihren/seinen Kaffee ebenfalls bezahle. Es freut mich jeweils, der Person den Start in den Tag mit dieser kleinen Geste zu erleichtern. Die Reaktionen sind immer positiv und ein kleines Gespräch die Folge. Was mich nervt, ist die Tatsache, dass mir am folgenden Tag, falls ich der gleichen Person wieder begegne, der Kaffee zurückspendiert wird. Damit wird meine kleine Aufmerksamkeit vom Vortag wieder relativiert, und ich ärgere mich – und ja, ich fühle mich in meinem Ego jeweils etwas verletzt. Betrachtet die Menschheit eine solch kleine Geste bereits als Nötigung, die umgehend wieder abgegolten werden muss? Vielleicht bin ich zu altmodisch oder nur zu nett?? S. P.

Lieber Herr P.

Weder noch. Sie haben nur noch nie etwas vom «Potlatch» gehört. Es gab eine Zeit, da dachte man, in sogenannten primitiven Gesellschaften hätte das ökonomische Prinzip des einfachen Tauschs geherrscht. Der eine hat Kühe, die andere Schafe; der mit den Kühen braucht nun auch ein paar Schafe, und die mit den Schafen hätte gerne eine Kuh. Also tauschen die beiden: eine Kuh gegen drei Schafe. Die jeweilige Nützlichkeit oder eine allgemeine Erfahrung über den Nutzen von Kühen und Schafen bestimmt dabei den Wechselkurs.

Dann aber kamen der französische Anthropologe Marcel Mauss und sein Werk «Die Gabe». Das war 1925. Und damit veränderte sich der Blick auf die Tauschverhältnisse. Marcel Mauss entdeckte das, was er «Geschenk-Ökonomie» nannte. Eine extreme Form dieser Ökonomie ist eben der «Potlatch» kanadischer Indianer – ein «Fest», bei dem das Schenken von überaus wertvollen Gaben zu einer Art ruinösem Kampf ausartet.

Mauss hat die Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, dass der soziale Austausch von Gütern nicht immer nur durch Bedürfnisse und den «Warenwert» des Ausgetauschten geregelt wird. In einer Gabe mischen sich Sachen und Güter. Und darum müssen Gaben erwidert werden, wenn man den Gebenden nicht kränken will. Eine unerwiderte Gabe ist wie eine unerwiderte Liebe.

Das funktioniert nicht nur in den «archaischen» Gesellschaften, die Mauss untersucht hat, so, sondern scheint alle ökonomischen Verhältnisse, also auch das kapitalistische Geld-Ware-Geld, zu kontaminieren (Bonusprogramme) bzw. parallel dazu zu existieren. Das haben Sie nun von Ihrem Kaffee. Am einfachsten ist es, sie nehmen den Gegenkaffee einfach an und versuchen, der Verlockung des Potlatchs – doppelter Espresso gegen einfachen Espresso – zu widerstehen.

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