Zum Hauptinhalt springen

Haben wir den Planeten nur geliehen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum bekannten Spruch von den Enkeln.

Heutige Entscheide beeinflussen die Zukunft unserer Nachkommen: Die Erde fotografiert von Apollo 17.
Heutige Entscheide beeinflussen die Zukunft unserer Nachkommen: Die Erde fotografiert von Apollo 17.
Keystone

Haben wir diese Erde nur von unseren Enkeln geliehen? C.M.

Liebe Frau M.

Mir scheint, diese Redensart ist ein rhetorischer Trick, das eigene gegenwärtige Leben mit der Autorität der Zukunft aufzuladen und seine Nachfahren für die eigenen Interessen (und seien diese durchaus ehrenwert oder vorausschauend) einzuspannen. Und warum haben wir die Erde nicht von unseren Urenkeln geliehen oder von deren Enkeln? Ad infinitum. Imaginäre Enkel sind eine Instanz, der man schlecht widersprechen kann – es sei denn, man wollte durch alle Instanzen gehen bis zum Jüngsten Gericht. Das war der polemische Teil meiner Antwort, der andere folgt sogleich. Nämlich, dass es ja unzweifelhaft zur Politik gehört, für die Zukunft zu planen. Zu dieser Zukunft gehören natürlich auch künftige Generationen. Auf diesen Aspekt der Politik weist der Satz von der geliehenen Erde zu Recht hin. Aber es sind immer noch wir Gegenwärtigen, die politisch entscheiden müssen. Insofern ist es unredlich, so zu tun, als seien wir nur die gegenwärtigen Vollstrecker eines zukünftigen Willens, der selbstverständlich klar und eindeutig ist.

Ein solcher Wille wäre das Gegenteil von Politik. Denn Politik ist niemals klar und eindeutig, sondern konflikthaft, ambivalent und interessengeleitet. Gerade diesen Wesenszug des Politischen aber blendet der Bezug auf die künftigen Enkel aus. So wenig es jedoch ein geeintes Wir aller gegenwärtigen Erdbewohner gibt, so wenig werden «wir» gemeinsame Enkel haben, die bereits jetzt unisono wissen würden, was gut für sie (und uns) ist, wären sie nur schon geboren. Auch die Nachgeborenen dürften sich ebenso wie wir darüber uneins sein, was für ihre Nachkommen das Beste sein würde: Die Reproduktion der Menschen reproduziert deren Konflikte stets mit. Und zwar kontinuierlich. An der Geschichte muss man arbeiten; aber man kann sie nicht überspringen.

Im Zeitalter von Memes, welche viele Jugendliche täglich unterhalten, fällt es mir schwer, Personen noch ernst zu nehmen, welche ihren Lebensunterhalt durch das Schreiben von satirischen Rubriken oder Kolumnen verdienen. Deshalb frage ich Sie, einen Kolumnisten, ob man Kolumnisten noch ernst nehmen muss. L.H.

Lieber Herr L.

Nein, das muss man nicht. Es ist vollständig freiwillig.

----------

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch