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Im Chor lebt sie ihre Kultur

In ihrer alten Heimat sang Rosa Lili Rocabado Rüegger im Schul- und Kirchenchor. In Bern hat die Bolivianerin selbst einen Chor mitgegründet, den Coro Latinoamericano de Mujeres de Berna.

Chorprobe: Rosa Lili Rocabado Rüegger übt zusammen mit ihren Kolleginnen im Proberaum im Berner Monbijouquartier fürs nächste Konzert.

«Heute bist du unser Stern – oder wie sagt man», begrüsst Jamille Paz Andrade ihre Chorkollegin Rosa Lili Rocabado Rüegger im Proberaum im Berner Monbijouquartier. «Star», antwortet Rocabado. Die Aufmerksamkeit macht sie ein wenig verlegen. Sie sei kein Star, auch wenn in der Zeitung ein Porträt über sie erscheine. «Früher habe ich davon geträumt, Opernsängerin zu werden», erzählt Rosa Lili Rocabado, «doch meine Stimme passt eher zu einem Chor. Vielleicht im nächsten Leben.» Sie lacht.

Der Chor, mit dem die 56-Jährige jeden Montagabend zwei Stunden probt, heisst Coro Latinoamericano de Mujeres de Berna.Die Bernerin, die ursprünglich aus Bolivien stammt, hat den Lateinamerikanischen Frauenchor Bern 1999 zusammen mit der ebenfalls aus Bolivien stammenden Rosario Hügli-Barremechea gegründet. «Mein Traum war ein interkulturelles Frauenprojekt», erzählt Rocabado in beinahe akzentfreiem Hochdeutsch.

Dreissig Frauen und ein Mann

Anfangs hatte der Chor elf Mitglieder, zurzeit singen dreissig Frauen aus neun Nationen im Chor. Ein Mann gibt den Takt an. Dirigent Abdiel Montes de Oca stammt aus Kuba. Er kann damit umgehen, dass nicht alle Chorsängerinnen Noten lesen können. Rocabado erklärt: «In Bolivien singt man oft nach Gehör.»

An den Chorproben wird Spanisch gesprochen, die Lieder stammen aus spanischsprachigen Ländern. Die Frauen hätten zwar nicht dieselbe Herkunft, aber eine «memoria colectiva», eine gemeinsame Erinnerung, sagt Rocabado, die den Chor zusammen mit Maria Inés Carvajal und Susanne Lanz präsidiert. «Wir Frauen leben und arbeiten hier in der Schweiz, aber es ist wichtig, einen Ort zu haben, an dem wir unsere Kultur leben können.» Zu Hause übt Rocabado eher wenig. «Ich konzentriere mich während der Proben.» Sie lacht, überlegt und ergänzt: «Ja, doch, vor den Konzerten übe ich schon.»

Alle anderthalb Jahre tritt der Chor in Bern mit einem neuen Programm auf, immer steht es unter einem bestimmten Motto: Lieder aus Filmen des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar, eine Reise durch Latein­amerika mit Klassikern aus den Heimatländern der Chormitglieder oder eine Hommage an die kubanische Sängerin Celia Cruz, zum Beispiel. «Am Anfang besuchten vor allem Familie und Freunde unsere Konzerte, aber seit ein paar Jahren erreichen wir ein breiteres Publikum», sagt Rocabado. Und für die Latinos in Bern seien die Konzerte ein Anlass, die Gemeinschaft zu pflegen.

Auch im Chor wird das Zusammensein grossgeschrieben, den Sängerinnen geht es nicht in erster Linie um den professionellen Auftritt, sondern darum, unbeschwert in der Muttersprache zu singen und die lateinamerikanische Musik in der Schweiz bekannt zu machen.

«Destination Liebe»

Rosa Lili Rocabado singt schon ihr ganzes Leben lang. Als Jugendliche war sie in Bolivien im Schul- und im Kirchenchor, und während ihres Soziologiestudiums an der Uni war die Musik ihr ein Ausgleich: «Wir haben intensiv gelernt, und dann haben wir eine lange Pause gemacht mit Singen und Tanzen.» Musik aus dieser Zeit hört die Mutter dreier erwachsener Kinder noch heute gern. «Wenn ich zu Hause einen Moment für mich habe, ­höre ich alte Lieder aus Lateinamerika.» Doch auch die Klavierstücke von Frederic Chopin wecken bei ihr nostalgische Gefühle: «Schon meine Eltern hörten seine Werke.»

Im Alter von 27 Jahren kam ­Rocabado nach Bern: «Destination Liebe», sagt sie verschmitzt. Ihr Mann, Christian Rüegger, hat 1982 in Rocabados Heimatstadt Cochabamba ein Kulturaustauschjahr absolviert. Sie hat sich als Regionalkoordinatorin für die Austauschschüler engagiert. An einem Abschiedsfest für eine deutsche Gastschülerin lernten sich die beiden kennen. Nach sechs Jahren Fernbeziehung folgte Rosa Lili Rocabado Christian Rüegger in die Schweiz.

«Es war mir wichtig, vor unserer Heirat mein Studium in Bolivien abzuschliessen», sagt sie. Seither ist Bern ihr Lebensmittelpunkt. Sie hat Deutsch gelernt, arbeitet bei der Informationsstelle für Ausländerfragen als Beraterin und engagiert sich in der Kirchgemeinde ehrenamtlich für Asylsuchende. Und sie hat auch Berner Musik für sich entdeckt: «Patent Ochsner habe ich sehr gern. Ihre Lieder sind für mich auch ein Teil Heimat, meiner Schweizer Heimat.»

«A mi manera»

Im Proberaum am Monbijouquartier stellen sich die Frauen nach Singstimmen auf. Ihr «Stern» steht vorne links, Rosa Lili Rocabado singt Sopran. Auf dem Probeplan für das nächste Konzert im Juni 2018 stehen Welthits, gesungen auf Spanisch. Die Sängerinnen sind ein bisschen aufgeregt, schliesslich kommt nicht alle Tage ein Zeitungsfotograf zur Probe. Der Dirigent schlägt auf dem Keyboard die ersten Takte von Frank Si­natras «My Way» an. Beim Coro Latinoamericano de Mujeres de Berna heisst das «A mi manera».

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