Bern

Detektivarbeit vor der Kremation

BernDer Rechtsmediziner Christian Jackowski glaubt, dass in der Schweiz mindestens jedes zweite Tötungsdelikt unerkannt bleibt. Im Krematorium Bern startet er ein Forschungsprojekt, um erstmals die Dunkelziffer unnatürlicher Todesfälle zu beleuchten.

Will die Dunkelziffer unnatürlicher Todesfälle genauer fassen. Christian Jackowski, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, an seinem Arbeitsort vor einem abgedeckten untersuchungsbereiten Leichnam.

Will die Dunkelziffer unnatürlicher Todesfälle genauer fassen. Christian Jackowski, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, an seinem Arbeitsort vor einem abgedeckten untersuchungsbereiten Leichnam. Bild: Christian Pfander

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Sein Job ist einer, bei dem emotionale Distanz eine zentrale Anforderung ist: Christian Jackows­ki (42), Direktor des Instituts für Rechtsmedizin (IRM) an der Universität Bern, legt alltäglich an Personen Hand an, die durch Delikt, Unfall oder Suizid ums Leben gekommen sind und deren Leichen oft schwer verunstaltet sind.

Er blickt Toten, wenn sie auf den altertümlichen Wannen im IRM in der Berner Länggasse liegen, in alle Körperöffnungen. Bei Bedarf schneidet er sie auf, klappt Haut und Muskeln zur Seite, legt Knochen frei, untersucht Blut oder schiebt die Leiche in den Computertomografen.

Was er und sein Team an derzeit rund 900 untersuchten Leichen pro Jahr erkennen, halten sie in wissenschaftlicher Sprache fest. Sie entschlüsseln die Umstände des Todes. Wenn es möglich ist.

Zuerst leblos, dann tot

Zu oft, findet Jackowski, ist das nicht der Fall. Und wenn er daran denkt, wie häufig in der Schweiz wohl Tote kremiert werden im Glauben, sie seien eines natürlichen Todes gestorben, dabei waren sie Opfer eines Verbrechens, eines Unfalls oder pflegerischen Versagens, dann kommt der nüchterne Rechtsmediziner ins rhetorische Feuer.

«Wenn eine Leiche einmal eingeäschert ist, kann man nie mehr etwas nachweisen», sagt Jackowski. Und erinnert sich an einen Vorfall vor ­einigen Jahren in Zürich.

«Wenn eine Leiche einmal eingeäschert ist, kann man nie mehr etwas nachweisen.»Christian Jackowski

Mit einem Berufskollegen beobachtete er im Krematorium durch das Guckloch das Verbrennen eines Leichnams, sie blickten direkt auf den Hinterschädel­knochen, und die beiden Experten identifizierten dort zweifelsfrei ein Ausschussloch.

Sekunden später zerfiel die Hirnschale zu Asche. In den Tagen zuvor hatte niemand die Leiche auf Tod durch Schusswaffe untersucht.

Es ist diese Dunkelziffer unerkannter unnatürlicher Todesfälle, die Jackowski umtreibt – und der er und sein Team jetzt in Bern nach mehrjähriger Vorarbeit ein Forschungsprojekt widmen wollen.

Um zu verstehen, was Jackows­ki vorhat, muss man sich zuerst in die administrativen Vorgänge vertiefen, die einen nach dem Ableben erwarten. Stellt der Körper seine Funktionen ein, gilt man als leblos, bis ein Arzt den Tod feststellt und auf dem Totenschein ein Kreuz anbringt – und dort entweder eine natürliche, un­natürliche oder unklare Todesart bescheinigt.

Während unnatürliche (Unfall, Delikt, Suizid) und unklare Todesfälle Rechtsmedizinern zur Untersuchung vorgelegt werden, wird, wer laut Arzt eines natür­lichen Todes gestorben ist, direkt zur Bestattung oder Kre­mation freigegeben. Genau hier ortet Christian Jackowski das Problem.

Häufig würden Ärzte Todesfeststellungen flüchtig oder unter ungünstigen Umständen vornehmen und übersähen deshalb Hinweise auf unnatürliche Einwirkungen. Anders als in Deutschland, wo das Gesetz eine Leichenschau durch die Rechtsmedizin unmittelbar vor der Einäscherung vorschreibt, schaut sich in der Schweiz niemand mehr die Leiche an, sofern der Arzt zuvor einen natürlichen Tod festgestellt hat.

Übersehene Schusswunden

Für Laien ist schwer verständlich, dass selbst Schusswunden bei der Todesbescheinigung mitunter nicht erkannt werden. Jackowski erzählt nun ein Beispiel aus der Weihnachtszeit 2010, als die Polizei zu einem Autounfall bei Schwarzenburg ausrückte. Von den drei Autoinsassen war einer so schwer verletzt, dass die Reanimationsbemühungen erfolglos blieben und der Arzt Tod durch Unfall feststellte.

Nachdem man am IRM die Leiche von Blut gereinigt hatte, entdeckte man von Auge einen kleinen Hautdefekt am Rücken, der sich als Einschlussloch entpuppte. Der Mann, ein Hanfdieb, war von einem Hanfbauern, der sich später bei den Behörden meldete, erschossen worden.

In einer von ihm mitverfassten Studie schätzt Jackowski die Dunkelziffer in der Schweiz zu Unrecht als natürlich taxierter Todesfälle ab. Er kommt zum spektakulären Schluss, dass «mehr als nur jedes zweite Tötungsdelikt nicht erkannt wird». Solchen Schätzungen möchte er nun mit dem Forschungsprojekt am Krematorium Bern, wo jährlich rund 3500 Leichen eingeäschert werden, Substanz geben.

Ab einem noch zu bestimmenden Zeitpunkt 2018 will Jackows­ki mit seinem Team während eines Jahres sämtliche Leichen, die durch den Arzt als natürliche Todesfälle taxiert wurden, noch einmal anschauen. Schätzungsweise sind das mindestens 2500 Leichname.

Die ans Krematorium Bern antransportierten Leichen würden aus dem Sarg ge­hoben, ausgezogen, äusserlich untersucht und hinterher wieder so hergerichtet, wie sie vorge­funden wurden. Obduktion oder Blutentnahme seien nicht vor­gesehen. Jackowski geht von ei­nem Aufwand von einigen Mi­nuten für die eigentliche Untersuchung aus. Die Totenscheine, mit denen die Forscher arbeiten, würden anonymisiert.

Kritische Bestatter

Jackowski hat sich für sein Projekt die Zustimmung der kantonalen Ethikkommission geholt und diejenige des Konkordats der kantonalen Justiz- und Polizei­direktoren, deren Präsident, der abtretende Berner Regierungsrat Hans-Jürg Käser (FDP), die Dunkelzifferforschung laut Jackows­ki persönlich unterstützt. Der für Medizinalfragen zuständige Berner Staatsanwalt Klaus Feller attestiert in einem Schreiben die Rechtmässigkeit der temporären Einführung einer Leichenschau.

Trotzdem haben einige Be­stattungsunternehmen Einwände. Sie befürchten, die Totenruhe werde beeinträchtigt. Abgesehen davon müssten die Forscher für den Eingriff in den intimen Moment das Einverständnis der Angehörigen einholen. Das aber würde das Untersuchungsergebnis beeinträchtigen, weil Verwandte, die wissen, dass ihr Angehöriger eines unnatürlichen Todes starb, der Leichenschau kaum zustimmen würden. Jackowski bestätigt, dass er sich kommende Woche noch einmal mit Bestattern ausspricht.

Der Rechtsmediziner betont, sein Hauptziel sei nicht, verborgene Kriminalfälle aufzuklären. Sondern vor allem die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, dass man mit einer seriösen Leichenschau das Wissen darüber stärke, wie wir genau stürben. Der leidenschaftliche Wissenschaftler Jackowski findet es unerträglich, das Sterben der Spekulation zu überlassen.

Der unnatürliche Tod ist weit häufiger, als wir uns heute vor­machen – und die Leichenschau bloss ein erster Schritt, der Rea­lität näher zu kommen. Um Ver­giftungs- oder Erstickungsfälle zu erkennen, müsste man routinemässig obduzieren. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.10.2017, 14:45 Uhr

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