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Studie über rassistische VorurteileWas Fussball-Kommentatoren über die Spieler sagen

Über 2000 Aussagen aus vier grossen europäischen Ligen wurden auf rassistische Vorurteile analysiert. Das Ergebnis ist eindeutig und die Spielervereinigung beunruhigt.

Raheem Sterling (am Ball) gegen Jordan Henderson oder Citys Flügelflitzer gegen Liverpools Leitwolf: Diese Stereotypisierung der Fussballer 
ist auch von Kommentatoren mitgeprägt.
Raheem Sterling (am Ball) gegen Jordan Henderson oder Citys Flügelflitzer gegen Liverpools Leitwolf: Diese Stereotypisierung der Fussballer
ist auch von Kommentatoren mitgeprägt.
Foto: Getty Images
Während hellhäutige Spieler (wie Joshua Kimmich) vermehrt mit Attributen wie Spielintelligenz, Kampfgeist und Führungsqualität in Verbindung gebracht werden, stehen bei Dunkelhäutigen andere Attribute im Vordergrund.
Während hellhäutige Spieler (wie Joshua Kimmich) vermehrt mit Attributen wie Spielintelligenz, Kampfgeist und Führungsqualität in Verbindung gebracht werden, stehen bei Dunkelhäutigen andere Attribute im Vordergrund.
Foto:  Alexander Hassenstein/Getty Images
Bei ihnen thematisieren die Kommentatoren zumeist Schnelligkeit, Form und Kraft. Auch bei Adama Traore dürften diese Attribute oftmals 
zur Sprache kommen.
Bei ihnen thematisieren die Kommentatoren zumeist Schnelligkeit, Form und Kraft. Auch bei Adama Traore dürften diese Attribute oftmals
zur Sprache kommen.
Foto: Richard Heathcote/Getty Images
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Weisse Spieler sind intelligent, haben eine hohe Arbeitsmoral und sind Leitwölfe. Dunkelhäutige Spieler hingegen sind «nur» schnell und kräftig, haben ihre Stärken also rein im physischen und athletischen Bereich. So zumindest liest sich das Ergebnis einer Studie der dänischen Agentur Run Repeat, die gemeinsam mit der Vereinigung der britischen Profifussballer (PFA) durchgeführt wurde.

Es wurden über 2000 Aussagen von englischsprachigen Kommentatoren in 80 Spielen dieser Saison analysiert und kategorisiert. Es betrifft Partien der höchsten Ligen in England, Frankreich, Italien und Spanien. Auch die Spieler wurden in Kategorien eingeteilt, von hellem bis dunklem Hautton. Nun wurden die Ergebnisse der sechsmonatigen Studie veröffentlicht. Sie zeigen eine deutliche Tendenz.

  • Intelligenz: Wurde in den Livekommentaren die Intelligenz eines Spielers gelobt, so richtete sich dies in 62,6 Prozent der Fälle an einen Spieler helleren Hauttons. Kam es jedoch zu Kritik an der Intelligenz eines Spielers, war diese in 63,3 Prozent der Fälle an einen dunkelhäutigeren Spieler gerichtet.
  • Kraft: Wenn die Kraft eines Spielers kommentiert wurde, so betraf dies sechseinhalbmal so oft einen Fussballer mit dunklerem Hautton
    als einen mit hellerer Haut.
  • Schnelligkeit: Auch dieses weitere athletische und physische Attribut kam bei Kommentaren öfter bei dunkleren Spielern zur Sprache. Fast dreieinhalbmal so oft wurde die Schnelligkeit dunkelhäutiger Spieler kommentiert als die der hellhäutigen.
  • Arbeitsmoral: Auch hier eine klare Tendenz – 60 Prozent des Kommentatoren-Lobes gehen an eher hellhäutige Spieler.
  • Weitere Merkmale: Die untersuchten Kommentare zeigten ebenfalls in anderen Kategorien deutliche Unterschiede in der Thematik. Wird die Form eines Spielers thematisiert, so handelte es sich in rund 60 Prozent der Fälle um einen dunkelhäutigen Spieler. Umgekehrt sind die Verhältnisse, wenn die Führungsstärke angesprochen wird.

Zuschauer werden beeinflusst

«Das kontinuierliche Lob für Spieler mit einem helleren Hautton für ihr Können, ihre Führungsqualitäten und ihre kognitiven Fähigkeiten in Kombination mit der ständigen Kritik für Spieler mit einem dunkleren Hautton wird wahrscheinlich die Wahrnehmung der Fussball-Zuschauer beeinflussen», schreiben die dänischen Forscher.

Auch bei der PFA äussert man Bedenken. «Wenn die Kommentatoren zwei Arten von Spielern beschreiben, ist einer weiss und einer schwarz, und beide tun genau das Gleiche. Und doch nehmen sie für den schwarzen Spieler die negative Seite auf und für den weissen Spieler die positive Seite», sagt Jason Lee, Beauftragter für Gleichstellung bei der PFA, gegenüber BBC.

Lee fordert die Fussball-Industrie zum Handeln auf. Es müssten klare Schritte zur Verbesserung der Chancengleichheit und Beseitigung rassistischer Vorurteile eingeleitet werden. Auf dem Rasen, in den Stadien, aber auch bei den Kommentatoren.

Folgen nach dem Karriereende

Auch nach Ende der aktiven Karriere könne dies für die dunkelhäutigen Spieler zum Problem werden. «Ich denke, es ist auf lange Sicht schädlich. Wenn Spieler ihre aktive Karriere als Spieler beenden und ins Coaching oder Management gehen wollen, haben die Leute diese Wahrnehmung bereits aufgebaut, weil sie 10 oder 20 Jahre lang nur davon gehört haben, dass diese Person schnell, mächtig und aggressiv ist», sagt Lee.

Dass Lees Vermutungen zutreffen könnten, zeigt zumindest die Besetzung der Trainerposten. Während der Anteil der dunkelhäutigen Spieler in Europa in den letzten Jahrzehnten deutlich zunahm, sind dunkelhäutige Trainer weiter eine Seltenheit.

So übrigens auch bei den Fussball-Kommentatoren: Nur rund 5 Prozent der analysierten Aussagen stammen von nicht hellhäutigen Experten.