«Gopfridstutz, was ist denn da los?»

Claudio Sulser weilt mit der Nati in Russland. Im grossen Interview spricht er über die WM, Neymar und seine verpasste Chance.

Cupfinal 1978 im Berner Wankdorf: Claudio Sulser (rechts) im Duell mit einem Servettien. Foto: Walter L. Keller (RDB/Dukas)

Cupfinal 1978 im Berner Wankdorf: Claudio Sulser (rechts) im Duell mit einem Servettien. Foto: Walter L. Keller (RDB/Dukas)

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Wären Sie heute gern Fussballer?
Natürlich wäre ich das gern.

Weil man ein paar Franken mehr verdient als zu Ihrer Zeit?
Das ist sicher auch ein Teil der Über­legung. Es ist immer auch eine Frage der Proportion. Was möchte ich? Gebe ich meine Freiheit zu einem ordentlichen Teil auf? Dafür zahlt man einen hohen Preis. Und wenn ich ihn zahle, möchte ich auch das Maximum erreichen.

Sie waren Fussballer und Jusstudent.
Bei mir war die Frage: Was bin ich? Ein fussballspielender Student? Oder ein studierender Fussballer?

Und die Antwort?
Ich war Fussballer auf dem Fussballplatz und ein Mensch ausserhalb, der gern unter die Leute ging und ein ganz normales Leben führen wollte. Man kannte mich zwar auch, aber dann ging ich in ein Restaurant und suchte mir einen Platz mit Blick gegen eine Mauer. Es war aber auch dann nicht angenehm, zu essen und sich beobachtet zu fühlen.

Die Fussballer von heute . . .
. . . beneide ich nicht – mit den ganzen sozialen Medien. Da muss man immer aufpassen: Wer ist da? Hört jemand zu? Nimmt einer ein Handy hervor? Das ist sicher ein Eingriff in die persönliche Freiheit. Da möchte ich nicht gern Fussballer sein.

In Toljatti lebt die Mannschaft völlig abgeschottet, wie das im Fussball Usus geworden ist. Hätten Sie das gern gehabt?
Das finde ich gut für die Privatsphäre. Man ist für sich und kann offener miteinander umgehen. Sonst gibt es schnell irgendwelche Fotos, die man so oder so interpretieren kann. Alle fragen dann: Was ist passiert? Was ist los? Aber so ­haben wir unsere Ruhe.


Bilder: Das WM-Camp der Schweizer Nati


Welchen Skandal haben wir hier denn verpasst?
Warten Sie – ah, einer hat Pommes frites gegessen.

Was war früher besser?
Die Identifikation mit dem Club. Das ist heute nicht mehr der Fall. Heute gehst du weg, wenn du kannst. Wir waren viel freier, was die Verpflichtungen neben dem Platz betraf. Das war angenehm. Heute ist mehr Entertainment. Alles ist viel professioneller. Es gibt Spieler­vermittler, die wir nicht hatten.

Als Sie mit 21 von Vevey zu GC ­wechselten, sassen Sie dem grossen Präsidenten Karl Oberholzer ganz allein gegenüber.
Ja, genau. Ich diskutierte und machte Fehler. Was ich im Fussball erlebt habe, ist eine Lehre fürs Leben gewesen. Du musst für deine Sachen kämpfen, und wenn du etwas erreicht hast, musst du dich sofort wieder bestätigen. Das ist noch schwieriger.

Aber noch einmal: Wie war das mit Oberholzer?
Ich kam rein und sagte . . . (bricht ab) Es war auch komisch, wie ich überhaupt zu GC kam. Helmuth Johannsen als Trainer und Fritz Jucker als Coach fuhren zu einem Spiel nach Grenchen. Da wurden sie gefragt: «Beobachtet ihr einen Spieler? Ja? Dann müsst ihr aber nach Vevey gehen.» Mein Name wurde genannt. Sie hatten immerhin die ­Demut, zu sagen: «Den kennen wir nicht.» Dabei lag ich als Torschütze ganz vorn. Aber sie hatten die Nationalliga B gar nicht beobachtet. Ich hatte auch ein Angebot von Basel.

1976?
Um diese Zeit, ja. Rational hätte ich zu Basel gehen müssen, Basel lag mit dem FCZ an der Spitze. Trainer Helmut Benthaus rief mich an: «Haben Sie Interesse?» Ich sagte: «Ich kann nicht, ich habe im Oktober Maturaprüfungen.» Ein Jahr später fragte Benthaus nochmals: «Was ist?» Und ich sagte: «Ich muss ins Militär.» Wegen Maturaprüfungen kann man nicht alles infrage stellen. Aber wegen des Militärs? Wenn ich das heute selbst höre . . . (lacht) Sechs Monate nach dem Militär: Wer kommt? GC. Und ich sagte zu, obschon es nur Siebter oder Achter war.

Spieler wie Shaqiri oder Xhaka machten das, was Sie nicht machten. Sie brachen die Lehre ab, kaum hatten sie den ersten Profivertrag.
Der Fussball hat einen ganz anderen Stellenwert. Wir schauten, dass wir auf zwei Beinen standen. Für mich ging es dabei gar nicht um die Sicherheit, sondern es war eine Genugtuung, noch ­etwas anderes zu machen.

Wie viel verdienten Sie mit Ihrem ersten Vertrag bei GC?
Einen Monatslohn von 6000 Franken plus Prämien.

Das ist aber gut.
Ich rechnete aus, was ich brauche, und sagte: Das, das und das muss ich haben.

Claudio Sulser, 1978 bei GC. Foto: Keystone

Johannsen war Ihr Trainer. Wäre einer mit seiner Feldherrenart noch denkbar?
Nein, die Zeiten haben sich geändert. Heute ist die Dimension ganz anders. Wir erziehen unsere Kinder ja auch ­anders, als wir selbst noch erzogen ­worden sind.

Später arbeiteten Sie unter dem legendären Hennes Weisweiler. Der hatte offenbar etwas gegen Ihr Studium.
Er sagte immer: «Sie könnten einer der besten Stürmer Europas sein, doch Sie studieren.» Wir hatten ohnehin ein ­etwas konfrontatives Verhältnis. Er sagte mir auch: «Sie sind ein Wehleidiger.» Das war nach einem Training, ich war umgeknickt und hatte wirklich grosse Schmerzen im Fuss. Ein Band war gerissen. Ich fragte den Arzt: «Was machen wir?» Er sagte: «Einbinden oder operieren.» Ich: «Also operieren wir.» Weisweiler informierte ich nicht darüber. Das war eine reine Trotzreaktion.

Wenn eine Koryphäe wie Weisweiler Ihnen sagt, ohne Studium könnten Sie einer der Besten Europas sein, bringt einen das nicht zum Denken, etwas zu ändern?
Nein. Ich war zufrieden mit dem Leben. Ich brauchte einen Ausgleich, und mein Ausgleich war das Studium. Ich konnte doch Fussballer sein und trotzdem auch Student, ich ging ja nicht jassen oder machte weiss Gott was.

Bereuen Sie nicht, einmal bei einem Grossclub in Europa gespielt zu haben?
Ich hatte ein Angebot von Inter Mailand, ich war Fan von Inter, und darum gefiel mir das auch. 1982 kamen bei mir aber verschiedene Sachen zusammen: Das Studium war noch nicht zu Ende, ich heiratete, GC wollte unbedingt, dass ich bleibe, und mir gefiel es in Zürich. Sollte ich das alles aufgeben? Ich war zufrieden. Darum war der Entscheid, nicht zu Inter zu gehen, richtig für mein Leben.

Also haben Sie nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben?
Doch, gewisse Dinge sicher. Ich würde gern sagen können: Ich bin bei Inter ­Mailand zurechtgekommen. Das ist meine unerfüllte Seite.

Als Stürmer konnten Sie drei ­Verteidiger auf einem Bierdeckel ausdribbeln.
Wollen Sie sagen, dass das heute nicht mehr möglich wäre?

Wir sehen einfach keinen Schweizer, der das kann.
Und?

Claudio Sulser wurde mit GC viermal Schweizer Meister. Foto: Keystone

Wo sind die Stürmer, wie Sie einer waren, geblieben?
Es war ein anderer Fussball. Heute Morgen habe ich zum Beispiel die Torhüter beobachtet, wie sie trainieren. Zu unserer Zeit mussten sie noch Kondition bolzen. Ich sehe Roger (Berbig) noch, wie er dreimal um den Platz rennen musste und dabei dreimal überrundet wurde. (lacht) Er war ein armer Kerl, weil das völlig unnötig war. Heute trainieren die Torhüter einen technischen Fussball.

Trotzdem, wieso gibt es keinen mehr wie Sie?
Weil ich einmalig war? Jeder hat seinen Stil. Ich war mit sechs Jahren schon in den Ball verliebt, ich hatte immer einen Ball am Fuss. Wir spielten auf dem Pausenplatz, auf der Strasse. So war die Zeit.

Wie sehr erinnern Sie sich an die Tore, die Sie erzielten?
Ich erinnere mich mehr, wie ich Chancen vergab. In Sochaux im Viertelfinal des Uefa-Cups stand es fünf Minuten vor Schluss 1:1, damit wären wir weiter­gekommen. Dann hatte ich eine Chance, ich schoss und war überzeugt, dass der Ball drin ist. Aber er ging daneben. Ich fragte mich: Gopfridstutz, was ist denn da los? Und was passierte? Genghini schoss ein Tor für Sochaux, und wir ­waren ausgeschieden. Solche Sachen bleiben.

Ihre berühmtesten Tore erzielten Sie 1978 gegen Real Madrid im ­Meistercup . . .
. . . und das gegen England mit dem Nationalteam war auch gut (beim 2:1, 1981). Drei Tore gegen Real in zwei Spielen, das ist gut, ja. Aber man kann nicht sagen, dass so etwas das Leben verändert.

Die Spiele gegen Real Madrid, bester Stürmer mit elf Toren in jener Meistercup-Saison – heute wäre einer wie Sie nicht mehr lange bei GC.
Heute schon, aber damals war das anders. Damals war die Ausnahme, dass ein Spieler ins Ausland ging. Heute ist die Ausnahme, dass ein guter Spieler bleibt. Ich hatte auch ein Angebot von PSV Eindhoven. Aber als ich das Finanzielle diskutierte, waren die Unterschiede zur Schweiz nicht so gross. Heute ist das ganz anders. England, Deutschland, Italien, Spanien, Portugal, Russland, China . . . was man da ver­dienen kann!

Ich bin mehr ein Messi-Fan. 
Bei Ronaldo bin ich immer hin- und hergerissen, wie er nach einem Tor reagiert.

Heute müssen die Nationalspieler knapp noch ihren Kulturbeutel selbst tragen. Wie war das auf einer Reise zu Ihrer Zeit?
Ganz anders. Wir hatten unsere Taschen, trugen alles selbst, wir hatten auch nur wenige Betreuer, einen Arzt, einen Teammanager, zwei Masseure, die ­zusammen mit den jüngeren Spielern das Material trugen. Es war alles viel ­bescheidener.

Und was können Sie vom Zusammenleben berichten? Wie schafften es die Spieler, einander nicht auf den Wecker zu gehen? Sie konnten sich sozusagen ja noch nicht ins Handy flüchten.
Viele jassten. Ich spielte Backgammon und las viel, Bücher – ab und zu Bundesgerichtsentscheide.

Ein Fussballer, der ein Buch liest, gilt als Exot.
Jeder ist frei, zu machen, was er möchte. Schon damals lasen nicht viele. Musik hörten wir. Wir hatten noch Walkman mit Kassetten, wir trainierten noch mit denen und rannten stundenlang mit denen auf dem Förrlibuck herum. Wenn ich gerade vom Förrlibuck rede: Den gibt es auch nicht mehr so, wie er einmal war. Ab und zu gehe ich trotzdem dorthin.

Warum das?
Ich gehe gern an Orte, wo ich als Fussballer oder als Privatperson etwas erlebt habe.

Was ist das? Wehmut?
Nein, das nicht. Erinnerungen kommen hoch, vor allem gute Erinnerungen. Ich habe Zürich gern gehabt.

Kommt dann auch ein Bild vom Spiel gegen Real?
Nein, ich habe andere Bilder: Da trainierten wir, dort parkierten wir das Auto. Ich schwebe in dieser Zeit. Ich bin dann ganz bei mir selbst. Was habe ich gemacht? Wo komme ich her? Wo möchte ich noch hin? Diese Momente habe ich gern.

Schweben Sie manchmal auch beim Nationalteam? Oder ist das alles ganz anders?
Das ist wie ein Buch, das erst noch geschrieben werden muss. Ich muss zuerst meine Erfahrungen machen. Die Erinnerungen kommen mehr als Fussballer. Ich beobachte vor allem die Stürmer, wie sie sich bewegen, was die Offensive macht, was ich in einer speziellen Situation machen würde.

Was sehen Sie, wenn Sie Neymar zuschauen?
Ich sehe einen, der sehr provozierend wirkt. Er ist natürlich ein sehr begabter Fussballer. Aber er kann auch schauspielern. Als ehemaliger Fussballer weiss ich in den meisten Fällen, wann einer Schmerzen hat oder simuliert.

Neymar während dem Spiel gegen die Schweiz. Foto: Keystone

Ist Neymar 222 Millionen Euro Ablöse wert und 30 Millionen Euro netto Jahressalär?
Wie schwer ist er?

Knapp 70 Kilo.
Pro Kilo 3 Millionen . . . Was bedeutet das? Dass die anderen Spieler auch teurer werden. Und was ist das? Angebot und Nachfrage.

Ist das gesund?
Für mich sind diese Zahlen nicht so ­relevant. Wer so viel investiert, hat das Geld auch. Er leistet sich etwas. Ist ein Picasso 20 Millionen wert oder 100 Millionen? Was ist ein Giacometti wert?

Neymar als Liebhaberobjekt?
Das ist etwas Spezielles, das für mich nicht sein müsste. Das ist irreal. Aber man muss ökonomisch denken. Wie lange läuft sein Vertrag?

Fünf Jahre.
Über diese Zeit müssen die 222 Millionen abgeschrieben werden, das sind ­etwas mehr als 40 Millionen pro Jahr. Setzt Neymar diesen Betrag um? Ein Spieler ist wie eine Aktie, auf die ich ­alles setze: Holt er mir den Titel? Und welchen Wert hat ein Titel? Ein Spieler wie Neymar ist auch eine Investition. Die Einnahmen des Clubs steigen. Vielleicht kommt Real Madrid und ist bereit, noch mehr zu bezahlen.

Wer sind die drei besten Fussballer für Sie?
Mir gefällt Messi . . .

. . . aber kaum, wenn er einen Elf­meter verschiesst wie gegen Island.
Das zeigt, wie sehr er unter Druck steht.

Und Ronaldo?
Ich bin mehr ein Messi-Fan. Bei Ronaldo bin ich immer hin- und hergerissen, wie er nach einem Tor reagiert. Aber seine Effektivität, die ist unwahrscheinlich. Wer hat mehr Tore erzielt? Ronaldo oder Messi?

Sie sind fast gleichauf, Ronaldo 570, Messi 560.
Unfassbar!

Jetzt fehlt noch der dritte Spieler, für den Sie den Fernseher ­einschalten.
Schwierig zu sagen. Ich sah Xavi gern oder Iniesta, die so schnell denken. Ich schaue gern Spiele, bei denen Schweizer beteiligt sind, Mönchengladbach oder Arsenal. Diese Saison hat mir Napoli gefallen, ich schaue gern Manchester City oder Barcelona, auch wenn sein Spiel manchmal tiki-tuki-taka-taka ist. Fussball ist nicht nur das. Fussball ist mehr als Ballbesitz.

Und diese Schweizer National­mannschaft gefällt Ihnen?
Sie gefällt mir. Ist ja auch normal, dass ich das sage, oder?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2018, 06:37 Uhr

Sulser

Stürmer und Anwalt

Der Tessiner Claudio Sulser (62) hatte seine grosse Zeit als Stürmer von 1977 bis 1986 bei GC, wo er viermal Meister wurde. Für die Schweiz erzielte er 13 Tore in 50 Länder­spielen, nahm aber nie an einer Endrunde teil. Seit dem Ende seiner Karriere arbeitet er als Anwalt, heute mit eigener Kanzlei. Er führte bei der Fifa von 2010 bis 2017 erst die Ethik-, dann die Disziplinarkommission. Seit August 2016 ist er Delegierter des Nationalteams.

Sulser zum Gegner Serbien

«Ich erwarte ein sehr hartes Spiel am Freitag und mit der Schweiz und Serbien zwei sehr disziplinierte Mannschaften. Ich erwarte wenig Torchancen, das heisst, man muss bei Standardsituationen besonders aufpassen. Es wird nicht einfacher, sollten wir in Rückstand geraten. Aber die Tatsache, dass die Mannschaft nun zweimal, gegen Spanien und Brasilien, ein 0:1 aufgeholt hat, ist gut für die Moral, für den Glauben, dass man das kann. Früher hiess es bei der Nationalmannschaft immer: ‹Ihr habt gut gespielt.› Trotzdem verloren wir. Das verfestigte sich mit der Zeit, dieses Bild von den ehrenvollen Niederlagen. Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Darum lieber schlecht spielen und gewinnen als umgekehrt. Die Mannschaft geht ins Spiel gegen Serbien und weiss ganz genau, sie hat ihre Chancen. Sie denkt nicht: Oh, wenn wir verlieren, sind wir draussen. Nein, sie geht auf den Platz und denkt an den Sieg.»

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