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Der Anti-Superstar

Tattoofetischist? Nein. Ständig neue Frisuren? Nein. Genialer Fussball? Ja. Kevin de Bruyne ist der fast perfekte Spieler.

Endlich jubelt auch er: der belgische Mittelfeldspieler Kevin de Bruyne. Foto: Shaun Botterill (Getty Images)
Endlich jubelt auch er: der belgische Mittelfeldspieler Kevin de Bruyne. Foto: Shaun Botterill (Getty Images)

Wenn man möchte, könnte man Roberto Martinez beschimpfen und seine Massnahme, Kevin de Bruyne an der WM lange Zeit zu verstecken, als Verbrechen am Fussball bezeichnen. Man könnte Martinez aber auch feiern für seine taktische Meisterleistung im Viertelfinal. Martinez hätte grosses Verständnis dafür. Nach dem 2:1 gegen Brasilien sagte der Spanier: «Ich habe noch nie ein Fussballspiel taktisch verloren.»

Martinez ist Belgiens Nationaltrainer, ihm steht eine aussergewöhnliche Ansammlung aussergewöhnlicher Fussballer zur Verfügung. Allerdings gab es in den letzten Jahren angesichts des belgischen Überangebots an Hochbegabten auch immer wieder Knatsch im Team. Zum Beispiel, weil sich die zwei besten Fussballer, Kevin de Bruyne und Eden Hazard, auf dem Feld in die Quere kamen. Beide beanspruchen viel Einfluss, de Bruyne als Regisseur im Zentrum, Hazard als Spielmacher auf dem Flügel.

Mit dieser Parade rettet Courtois den Sieg im Viertelfinal – über Brasilien. Video: SRF

Kevin de Bruyne ist für viele Experten der beste Passgeber der Welt. Sein Clubtrainer Pep Guardiola, als Fussballer ein Grossmeister des präzisen Abspiels, schwärmte nach dem Gewinn der Meisterschaft mit Manchester City: «Kevin ist einer, wie es Xavi, Andrea Pirlo und Andres Iniesta zu ihren besten Zeiten waren. Man muss ihm einfach den Ball geben, dann kommt es gut.»

Kompletter als Iniesta

De Bruyne besitzt nicht nur die Gabe, eine Partie zu lenken, er ist auch torgefährlich, relativ schnell und deshalb sogar ein kompletterer Fussballer, als es Xavi, Pirlo und Iniesta waren. Und doch wird er nicht genannt, wenn es um die Grössten des Spiels geht, um die Ronaldos, Messis, Neymars, manchmal sogar um die Hazards, Griezmanns, Kanes. Das dürfte den 27-Jährigen nicht stören, er ist ein zurückhaltender Mensch. Er muss nicht in jeder Partie eine neue Frisur präsentieren, ist kein Tattoofetischist und frei von Allüren. Er sagt: «Ich bin ein Teamspieler, so habe ich immer funktioniert.»

Den belgischen Siegtreffer im Achtelfinal gegen Japan leitete de Bruyne sehenswert ein. Video: SRF

Diesen ausgeprägten Sinn für die Gemeinschaft erlaubt es de Bruyne, die Debatten über seine gewöhnungsbedürftige Rollenbesetzung an dieser WM gelassen zu kommentieren. «Ich spiele immer dort, wo es der Trainer verlangt.» In den ersten Begegnungen entschied sich Martinez für ein radikal stürmisches 3-4-3-System – mit de Bruyne im zentralen Mittelfeld mit vielen defensiven Pflichten. 20, 25 Meter weiter hinten als beim Club.

Martinez hatte den unberechenbaren, tattooverzierten Radja Nainggolan nicht an die WM mitgenommen, weil er dessen wilde Art während des wochenlangen Aufenthalts als Gefährdung für die Teamchemie betrachtete. Aber ein rabiater Zweikämpfer wie Nainggolan fehlt nun manchmal auf dem Feld, zumal die kräftigen Marouane Fellaini und Mousa Dembélé vorerst auf der Bank sassen.

Siegestreffer eingeleitet

De Bruyne prägte das Spiel nicht wie gewohnt, er enttäuschte gar – und hatte seine beste Szene bis letzten Freitag in der Nachspielzeit des Achtelfinals gegen Japan, als er den sehenswerten Konter zum 3:2-Siegtreffer magistral einleitete. Es war eine Partie, die Martinez in taktischer Hinsicht schon verloren hatte. Mit Fellainis Einwechslung korrigierte er seine Fehleinschätzung nach dem 0:2-Rückstand.

Gegen Brasilien aber wäre eine derart waghalsige Spielweise wie in den Auftritten zuvor nicht angebracht gewesen. Martinez überraschte den Favoriten mit seiner Idee, de Bruyne diesmal sehr weit vorne aufzustellen, fast schon im Sturm. Das Zentrum riegelte er mit Fellaini ab.

Traumtor gegen Brasilien

Brasilien lag bald 0:2 hinten, de Bruyne hatte den zweiten Treffer nach einem schnellen Gegenstoss mit einem herrlichen Schuss erzielt. Und nach der Pause reihte er sich klaglos ins belgische Bollwerk ein. Mit Glück, Geschick und dank Goalie Thibaut Courtois überstand Belgien den brasilianischen Sturmlauf.

De Bruynes 2:0 gegen Brasilien. Video: SRF

Courtois hatte de Bruyne vor ein paar Jahren die Freundin ausgespannt, was für atmosphärische Störungen in der ohnehin heterogenen Auswahl sorgte. Nach dem 2:1 gegen Brasilien umarmten sich die beiden herzlich, später äusserte sich de Bruyne für seine Verhältnisse geradezu euphorisch. Er sprach von einem «grossartigen Sieg» gegen das beste Team des Turniers. Und davon, dass der Titel sein Leben verändern würde. «Davon habe ich immer geträumt.»

«Kevin ist ein Siegertyp»

Es ist davon auszugehen, dass de Bruyne im Halbfinal gegen Frankreich nicht wieder seiner Stärken beraubt und im defensiven Mittelfeld versteckt wird. Sein Trainer ist ja ein Taktikgenie. «Kevin ist auf jeder Position ein Siegertyp», sagt Martinez, «aber das weiss die ganze Welt.» Wenn der letzte Eindruck nicht täuscht, hat de Bruyne an dieser WM gerade noch rechtzeitig Fahrt aufgenommen.

Nun bietet sich ihm in den nächsten Tagen die Gelegenheit, mit Belgien einen historischen Erfolg zu realisieren – und wenn er dabei nicht aufpasst, rückt er auch für die breite Öffentlichkeit in die Kategorie der Superstars auf. Sein Leben würde das nicht verändern. Kürzlich sagte er, Eden Hazard treffe derart viele richtige Entscheidungen auf dem Feld, dass sich die Frage erübrige, wer der beste Spieler Belgiens sei: «Das ist ganz klar Eden, das bin nicht ich.»

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