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Die Monopolisierung des Fussballs durch Europa

Bei der WM stehen vier europäische Teams im Halbfinal – das bestätigt einen Trend.

Schnell und spektakulär: Die Franzosen stehen neben drei anderen europäischen Teams in den WM-Halbfinals.
Schnell und spektakulär: Die Franzosen stehen neben drei anderen europäischen Teams in den WM-Halbfinals.
KIRILL KUDRYAVTSEV, AFP

Die Halbfinals sind noch nicht angepfiffen. Doch schon jetzt steht fest: Der Weltmeistertitel wird zum vierten Mal nacheinander an eine europäische Mannschaft gehen. Oder, anders herum gesprochen, keinesfalls an eine Mannschaft aus dem Kontinent, der neun von bislang 20 Weltmeistern gestellt hat: Südamerika. «Europa kolonisiert den Fussball», konstatierte die brasilianische Zeitung «O Estado de São Paulo» am Sonntag. Und der Kontinent fragt sich: warum?

Zahlen sprechen gegen Südamerika bei Weltmeisterschaften

Dabei ist die Entwicklung alles andere als überraschend, es ist im Grunde die Zuspitzung eines lang anhaltenden Prozesses: Europa hat seit der WM 1974 in Deutschland 75 Prozent aller Halbfinalisten gestellt, 36 von 48. Südamerika kam im gleichen Zeitraum auf elf (23 Prozent). Seit Brasilien im Jahr 2002 im Finale von Yokohama Deutschland besiegte, hat Südamerika nur drei von insgesamt 16 Halbfinalisten gestellt. 2006 kam kein Team aus der Neuen Welt unter die letzten vier; 2010 schaffte es immerhin Uruguay; 2014 scheiterten Brasilien und Argentinien jeweils am späteren Weltmeister Deutschland – Brasilien krachend im legendären Halbfinale von Belo Horizonte (1:7), Argentinien im Finale von Rio.

Monokausale Erklärungen für die Monopolisierung des Fussballs durch Europa gibt es nicht. Auch der Zufall spielte seine Rolle. Uruguay und Kolumbien scheiterten bei der WM auch deshalb, weil ihre besten Spieler in den entscheidenden Spielen verletzt waren: Edinson Cavani bei Uruguay, James Rodríguez bei den Kolumbianern.

Aber: Es dürfte mehr als eine Anekdote sein, dass die respektabelsten südamerikanischen WM-Leistungen von Teams kamen, die die dienstältesten Trainer des Kontinents beschäftigen: Óscar Tabárez regiert Uruguay seit 2006, José Luis Pékerman arbeitet seit 2012 in Kolumbien. Zum Vergleich: Seit seinem Debüt 2004 hat Argentiniens Lionel Messi acht Nationaltrainer defilieren sehen. Trainer Nummer acht, Jorge Sampaoli, steht nach dem Achtelfinal-K.-o gegen Frankreich vor der Absetzung – nach nur einem Jahr. Brasilien wiederum blickt seit der WM 2014 auf drei Trainer zurück. Doch die Gründe für den Niedergang der Südamerikaner, der vom Glanz von Figuren wie Messi oder der Brasilianer überdeckt wird, liegen tiefer.

Sie haben viel mit den Effekten der Globalisierung des Fussballs zu tun, die sich zu einem fast perversen Sturm entwickelt hat. Seit Jahren begnügt sich Südamerika nicht mehr damit, die besten «fertigen» Spieler zu exportieren. Sondern alle, die nicht bei drei auf dem Baum sind. Die exportierten Fusswerker werden immer jünger. Die Gewinne landen in den Händen von Magnaten, die nicht am fussballerischen Allgemeinwohl, sondern an ihrer Rendite interessiert sind.

Die Champions League wird zur globalen Superliga

Die nationalen Ligen bluten seit Jahren aus und sind international nicht wettbewerbsfähig. Seit 2005 hat es bei der Klub-WM nur drei südamerikanische Meister gegeben, zuletzt schaffte das 2012 Corinthians São Paulo. Europas Champions League ist für den Rest der Welt das geworden, was die US-amerikanische NBA für den globalen Basketball ist: unerreichbar.

Die Dominanz Europas ist aber vor allem die logische Folge einer Entwicklung, die der portugiesische Fussball-Lehrer Carlos Queiroz in einem Interview mit der Zeitung El País «die Qualitätsspirale» nannte. Der Fussball ist in vielerlei Hinsicht komplexer geworden – vor allem in seinen taktischen Anforderungen und damit auch jenen an die Ausbildungsprozesse von Spielern und Trainern. Diese Qualitätsspirale dreht sich in Europa seit Jahren nach oben, weil dort die Ausbildung revolutioniert wurde, der Rest der Welt hinkt komplett hinterher. Das dürfte sich noch verschärfen, meint Queiroz, der bei der WM Irans Elf trainierte. Auf Nationalmannschaftsebene könnten nur Länder mithalten «die das Glück haben, Spieler im Ausbildungsalter in Europa zu haben».

Nur: Europa hat auch die Einwanderer entdeckt. So wie die Brasilianer zu einer Weltmacht wurden, als sie die Nachfahren afrikanischer Sklaven als Nationalspieler zuliessen, zehrt nun Europas Fussball von der Immigration. Viele junge afrikanische Spieler, die etwa in Belgien oder Frankreich aufwachsen, wenden sich von Heimatländern ab, die ihnen kein Fortkommen bieten, schon gar kein finanzielles. Im Grunde war die WM schon lange vor dem Halbfinale eine EM, denn 75 Prozent der WM-Spieler kicken in Europa.

Dazu kommt das Problem der Korruption, das der Fifa-Skandal offenlegte. Zahlreiche Verbände in Südamerika wurden kopflos, ihre Präsidenten wanderten in den Knast. «Das Geld ist vorhanden», sagt Brasiliens früherer Nationalspieler Edmílson, «es fehlt ein Plan.» So gesehen ist Südamerika, einst Grossmacht, auf dem Niveau Afrikas. Auch dort gibt es Geld, das «effizienter eingesetzt werden müsste», sagte Afrika-Kenner Otto Pfister der Neuen Zürcher Zeitung: «Es fehlt an Investitionen in Infrastruktur und Trainerausbildung.» Die Vorboten einer dauerhaften Herrschaft der Alten Welt sind längst da: Auch die letzten drei U20-Weltmeister kamen aus Europa.

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