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Goalies – zwischen Held und Depp

Brasilien, Deutschland, Argentinien oder Holland? Der Schlussspurt um den 20. WM-Titel ist auch ein Kräftemessen ganz unterschiedlicher Goalies.

Bei keinem Spieler ist der Weg vom Helden zum Deppen und umgekehrt so kurz wie beim Goalie. Ein einziger Fehler reicht, und alle noch so grandiosen Paraden werden überschattet. Und eine entscheidende Intervention im richtigen Moment lässt alle zuvor gezeigten Unsicherheiten vergessen. Die Goalies der vier Halbfinalisten leisteten sich bislang keine entscheidenden Fehler. Brasiliens Julio Cesar schwang sich im Achtelfinal gegen Chile mit seinen gehaltenen Penaltys sogar zum Matchwinner auf. Und auch der Deutsche Manuel Neuer, der Holländer Jasper Cillessen und der Argentinier Sergio Romero traten schon positiv in Erscheinung.

Andere Keeper wie etwa der Amerikaner Tim Howard, der Costa-Ricaner Keylor Navas oder der Mexikaner Guillermo Ochoa blieben mit ihren zum Teil brillanten Leistungen bislang stärker in Erinnerung. Sie hatten aber auch mehr Gelegenheiten, sich auszuzeichnen. Nun dürfte auf Neuer, Cesar, Cillessen und Romero mehr Arbeit zukommen. Die Rangliste der Halbfinal-Goalies:

1. Manuel Neuer, Deutschland

Bayern München, 193 Zentimeter, 50 Länderspiele

Der 28-jährige Deutsche ist ohne Frage der sicherste Wert. Seit der WM 2010 ist Neuer in Deutschland die Nummer eins. Damals kam er zum Zug, nachdem sich René Adler einen Rippenbruch zugezogen hatte. Er wurde nicht mehr infrage gestellt, sondern wurde zu einem der Besten seines Faches. Mit Bayern München spielt er die ganze Saison über auf höchstem europäischem Niveau und hält die Fehlerquote tief. Es wäre interessant, jetzt mit den Tausenden von Fans zu reden, die bei der Verpflichtung des Schalkers wochenlang die «Koan Neuer»-Schilder trotzig in die Höhe hielten.

Bei der WM in Brasilien ist er bislang ohne Fehl und Tadel, immer zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Im Achtelfinal gegen Algerien brillierte er sogar als Libero, indem er diverse gefährliche Pässe der Nordafrikaner ausserhalb seines Strafraums abfing. Im Viertelfinal gegen Frankreich stoppte er in der Nachspielzeit einen Schuss von Karim Benzema stark. Er besitzt derzeit die Aura des Unüberwindbaren und kann mit seinen Paraden ein Spiel entscheiden.

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2. Julio Cesar, Brasilien

Toronto FC, 179 Zentimeter, 85 Länderspiele

An Erfahrung fehlt es dem 34-Jährigen nicht. Er ist von den vier Halbfinal-Goalies derjenige mit den meisten Länderspielen (85). Er hat für Inter Mailand über 200 Spiele in der italienischen Serie A bestritten. Nur: Seit seinem Weggang aus Mailand 2012 ist die Karriere ins Stocken geraten. In England stieg er mit den Queens Park Rangers in die zweite Liga ab und verlor danach seinen Stammplatz. In diesem Jahr sammelte er auf Clubebene beim Toronto FC in der Major League Soccer etwas Matchpraxis. Sieben Partien bestritt er für die Kanadier, acht weitere mit dem brasilianischen Nationalteam.

Dass Luiz Felipe Scolari am Oldie festhielt, wurde nicht von allen verstanden. Bislang rechtfertigt er das Vertrauen. Gegen Chile war er nach seinen gehaltenen Penaltys zu Tränen gerührt. Vor vier Jahren bei der WM 2010 in Südafrika war er noch der Buhmann gewesen, weil er einen Gegentreffer beim Viertelfinal-Out gegen Holland mitverschuldet hatte. Seine Erfahrung dürfte in der Endphase des Turniers mehr ins Gewicht fallen als die fehlende Matchpraxis.

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3. Jasper Cillessen, Holland

Ajax Amsterdam, 188 Zentimeter, 13 Länderspiele

Der 25-Jährige hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Im letzten Sommer wurde er bei Ajax Amsterdam die Nummer 1. Am 7. Juni 2013 bestritt er sein erstes Länderspiel, und vor einigen Wochen bestimmte ihn Louis van Gaal zum WM-Stammkeeper der Elftal. Cillessen steigerte sich im Verlauf des Turniers kontinuierlich. Im Viertelfinal gegen Costa Rica rettete er sein Team mit einer Parade in der 117. Minute ins Penaltyschiessen.

Die Show und die Rolle des Matchwinners musste Cillessen dann Tim Krul überlassen. Ohne vorgängig informiert worden zu sein, hatte ihn Van Gaal in der Schlussminute der Verlängerung ausgewechselt. Mit einem Tritt gegen eine Trinkflasche zeigte er seine Enttäuschung. Mittlerweile hat er sich dafür entschuldigt. An der Hierarchie unter den holländischen Torhütern hat Kruls entscheidender Beitrag nichts geändert. Gegen Argentinien wird erneut Cillessen auflaufen. Seine Unerfahrenheit birgt ein gewisses Risiko.

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4. Sergio Romero, Argentinien

AS Monaco, 188 Zentimeter, 52 Länderspiele

Der 27-Jährige wurde vor dem Turnier als klarer Schwachpunkt Argentiniens angesehen. Mittlerweile hat sich das etwas relativiert. In den ersten beiden Partien gegen Bosnien-Herzegowina und den Iran hielt er stark, seither leistete er sich zumindest keinen folgenschweren Fehler. Mehr als einmal und auch im Achtelfinal gegen die Schweiz liess er aber Bälle gefährlich nach vorne abprallen oder zeigte bei Flanken Unsicherheiten.

Für die AS Monaco, an die er letzte Saison von Sampdoria Genua ausgeliehen war, bestritt er nur neun Spiele. Die meiste Zeit verbrachte er auf der Ersatzbank und sah seinem internen Konkurrenten Danijel Subasic, dem WM-Ersatzkeeper der Kroaten, beim Spielen zu. Louis van Gaal, der holländische Nationalcoach, kennt die Stärken und Schwächen von Romero. Er hatte den Argentinier 2007 nach Europa zu Alkmaar geholt. Bereits damals wurde Romero «Chiquito», der Kleine, genannt. Nicht weil er wirklich klein, sondern einfach viel kleiner als seine über zwei Meter grossen Brüder ist. Von den vier Halbfinal-Goalies ist von ihm am ehesten ein matchentscheidender Fehlgriff zu erwarten. (Si)

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