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Bildband zum AKW MühlebergGrandioser Rückblick auf die Ära der Atomkraft

Vier Jahre lang war Fotograf Manuel Stettler im AKW Mühleberg unterwegs. Der dabei entstandene Fotoband ist ein Abschiedsgeschenk für alle Angestellten.

Mitarbeitende der Reaktorgruppe sind daran, mit einem Kran den mächtigen Deckel des Reaktordruckbehälters zu öffnen.
Mitarbeitende der Reaktorgruppe sind daran, mit einem Kran den mächtigen Deckel des Reaktordruckbehälters zu öffnen.
Foto: Manuel Stettler

Das Geschenk an das Personal im Atomkraftwerk (AKW) Mühleberg ist drei Kilogramm schwer und über 400 Seiten dick. Zwischen zwei Buchdeckeln finden die Mitarbeiter dort auf rund 250 ausdrucksvollen Fotoporträts fast alle ihre Kolleginnen und Kollegen in der Arbeitskleidung. Dazu ihre spektakulären oder gefährlichen Arbeitsplätze: im Dschungel der Leitungsrohre im Untergrund des Reaktors, am meerblauen Pool mit den radioaktiven Brennstoffelementen oder vor den zahllosen Bildschirmen und Schalterkolonnen im Kommandoraum.

«Wir sind KKM – eine Reise»: So heisst das grandiose Fotoalbum, das die Betreiberin BKW den Angestellten am letzten Donnerstag und Freitag übergeben hat – um den langen Abschied vom AKW zu erleichtern. Denn am 20. Dezember 2019 hat die BKW das Werk in Mühleberg abgestellt. Nun ist das Personal daran, seine langjährige Arbeitsstätte zurückzubauen.

Bis ins Jahr 2034 soll die Anlage demontiert sein. Alle heute noch dort Wirkenden sind dann pensioniert oder in einem neuen Job. Im Fotobuch hat das AKW für sie noch einmal einen Auftritt im vollen Leistungsbetrieb, den die Angestellten während über vier Jahrzehnten stolz verantworteten. Das Buch ist eine Exklusivität. Nur rund 600 Exemplare davon sind gedruckt, es ist nicht öffentlich käuflich.

Wie Ungeheuer von HR Giger

Hinter dem mächtigen Bildband steht der Fotograf Manuel Stettler (35) aus Aeschi SO, der in Burgdorf sein Atelier betreibt. Auf seinen Fotos ist das AKW aufregend und schön. Denn auf seinen zahlreichen Gängen durch das AKW setzte Stettler dessen Innenleben spektakulär ins Bild. Gebäude, Leitungen, Rohre sind im AKW aus Gründen der Unterscheidbarkeit oder für den Notfall in auffälligen, leuchtenden Farben bemalt. Stettler präsentiert eine richtige Farborgie aus den 1970er-Jahren, als das AKW gebaut wurde.

Wie ein mächtiges ruhendes Tier. Der innere Torus mit 2000 Kubikmetern Wasser. Dieses Sicherheitssystem hätte im Notfall den Dampf zu Wasser kondensiert.
Wie ein mächtiges ruhendes Tier. Der innere Torus mit 2000 Kubikmetern Wasser. Dieses Sicherheitssystem hätte im Notfall den Dampf zu Wasser kondensiert.
Foto: Manuel Stettler

So fällt ihm auf, dass gigantische Abgasrohre im gleichen Goldgelb leuchten wie die Schutzanzüge der Reaktorarbeiter. Die eingepackten Männer lässt er wie in einer Ballettformation ameisenklein auf dem überdimensionierten Reaktordeckel herumkrabbeln. Rohre, Leitungen, Kräne sehen auf Stettlers Bildern aus wie Riesenspinnen und surreale Monster des finsteren Designers und Filmausstatters HR Giger. «Das AKW ist ein Paradies für einen Fotografen», gesteht er.

700 bis 1000 Stunden habe er über vier Jahre im AKW verbracht, sagt der Fotograf. Er hatte einen eigenen Garderobenschrank, einen Zugangsbadge. «Erst brauchte das Passieren der Eingangs- und Ausgangsschleusen viel Zeit und Energie», erzählt Stettler. Je vertrauter er mit der Anlage geworden sei, desto sicherer habe er sich gefühlt und desto mehr optische Details seien ihm aufgefallen. Die BKW habe ihm viel Freiheit gelassen.

Stettler lernte, was im Werk gerade abging. Er war dabei, als die letzten Brennelemente eintrafen oder wenn für Revisionen mächtige Tore geöffnet und Deckel angehoben wurden. Er richtete ein Studio ein, in dem die Angestellten freiwillig zum Fotoshooting erscheinen konnten. Fast alle kamen und posierten stolz mit typischen Arbeitsinstrumenten.

Zusammen mit BKW-Kommunikationsfrau Caroline Domenghino und dem Grafiker Simon Häberli inszenierte Stettler den Bildband als Reise durch das AKW, wie der Titel besagt. Sie beginnt am Eingang des AKW und führt bis ins Reaktorinnerste. Man kommt fotografisch durch die ganze Anlage und begegnet dabei auf Fotoporträts den Angestellten an ihren Arbeitsstätten.

Wie eine Choreografie: Das Öffnen des Reaktordeckels ist eine Abfolge nach einem strengen Sicherheitsprotokoll.
Wie eine Choreografie: Das Öffnen des Reaktordeckels ist eine Abfolge nach einem strengen Sicherheitsprotokoll.
Fotos: Manuel Stettler
Signalfarbe grün: Mächtiges Sicherheitssystem im Untergeschoss des Reaktorgebäudes.
Signalfarbe grün: Mächtiges Sicherheitssystem im Untergeschoss des Reaktorgebäudes.
Wegweiser am Boden durch den Dschungel der Kabel und Rohrleitungen im Maschinenhaus.
Wegweiser am Boden durch den Dschungel der Kabel und Rohrleitungen im Maschinenhaus.
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Manuel Stettler hat während seiner Fotografenausbildung an der Schule für Gestaltung in Bern seine Liebe für Architektur und Technik sowie für die Langzeitfotografie entdeckt. Sein erstes Projekt war es, den Rückbau der Solothurner Papierfabriken Attisholz und Biberist zu dokumentieren. «Mich interessiert der Mensch und seine Arbeit, die Angestellten sind die Seele eines Unternehmens», sagt er. In Attisholz liess er frühere Angestellte an ihrem Arbeitsort von ihrer Tätigkeit erzählen. Auch im Mühleberg-Buch berichten die Menschen von ihrer Arbeit – in längeren Zitaten, die Caroline Domenghino mit den Angestellten formulierte.

Herzensdisziplin: Langzeitprojekte

Stettler lebt heute als freier Fotograf von kunstvoller Industrie- und Architekturfotografie für Websites, Broschüren oder Jahresberichte privater Unternehmen. Seine Herzensdisziplin aber sind die Langzeitprojekte, die Schritt für Schritt ein Wachstum oder ein Verschwinden verfolgen. «Diese langsame Disziplin erfordert aber viel Zeit und ist nicht einfach zu finanzieren», sagt der Fotograf.

Die vier Jahre im AKW Mühleberg waren für ihn ein Glücksfall. Als die BKW bekannt gab, das Werk abzustellen, meldete sich Stettler mit seiner Projektidee. Das Energieunternehmen hatte Interesse. Stettler erhielt den Auftrag, alle Angestellten zu porträtieren und das noch laufende Werk zu dokumentieren.

Fotograf Manuel Stettler mit seinem monumentalen Buch über das AKW Mühleberg und dessen Angestellte.
Fotograf Manuel Stettler mit seinem monumentalen Buch über das AKW Mühleberg und dessen Angestellte.
Foto: svb

Auf den Abschalttermin bot die BKW Stettler kurzfristig an, im Besucherpavillon vor dem AKW in einer Pop-up-Schau eine Auswahl seiner Bilder zu zeigen. Sorgfältig inszenierte er imposante Grossformate seiner Bilder. Wer sie ansah, kam sich vor, als schreite er oder sie durch das AKW. Die eigentlich bis Mai geplante Schau blieb aber vorerst im Schatten der pompösen Abschaltzeremonie vom 20. Dezember. Dann musste sie wegen des Corona-Lockdown vorzeitig beendet werden.

Am Abschalttag war Manuel Stettler mit seiner Kamera zuerst im Kommandoraum und dann im Personalrestaurant. Auf den Gesichtern der Angestellten beobachtete er die Emotionen beim Stopp des Werks. Er muss nun selbst Abschied nehmen: von seinem Projekt, das aus seiner Sicht noch nicht fertig ist. Gern hätte er mit seiner Kamera den Rückbau verfolgt, bis das Werk demontiert ist. Aber die BKW verlängerte seinen Auftrag nicht mehr. Sie will nun während des Rückbaus periodisch Medienfotografen Zugang gewähren und ihn mit eigenen Mitarbeitern fotografisch begleiten.

Manuel Stettler könnte seine aussergewöhnlichen Bilder aus der nach und nach verschwindenden Anlage allerdings immer noch einer grösseren Öffentlichkeit zeigen. Als Erinnerung an eine versinkende Ära.

Die Garderobe: Overalls und Schutzhelme für den Zutritt in die kontrollierte Zone im Inneren des AKW.
Die Garderobe: Overalls und Schutzhelme für den Zutritt in die kontrollierte Zone im Inneren des AKW.
Foto: Manuel Stettler