Handelskriege schmerzen vor allem die Kleinen

Vielen kleinen und mittelgrossen US-Firmen geht die Unsicherheit des Handelskriegs an die Substanz.

Arbeiterinnen von Controltek in einem Werk in Vancouver im US-Bundesstaat Washington. Foto: Getty Images

Arbeiterinnen von Controltek in einem Werk in Vancouver im US-Bundesstaat Washington. Foto: Getty Images

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Andy LaFrazia hat sich mächtig getäuscht. Als die US-Regierung im vergangenen Jahr die ersten Strafzölle gegen China verhängte, glaubte der Chef des Elektronikausrüsters Controltek aus dem US-Staat Oregon noch an ein schnelles Ende des Konflikts. Doch stattdessen eskalierte der Streit immer weiter. Und bereitet LaFrazia und seinem Unternehmen grosse Probleme.

«Apple ist für das iPhone auf etwa 200 Bestandteile angewiesen. Wir dagegen beschaffen 17'000 Komponenten, die ­meisten aus China. Das ist es, was den Handelskrieg für kleinere ­Firmen so viel schwerer macht als für grosse Unternehmen», sagt ­LaFrazia im Gespräch.

Controltek mit Sitz in der Nähe von Portland (Oregon) wurde 1971 von Andy LaFrazias Vater gegründet. Heute erzielt der Elektronikausrüster einen Umsatz von 25 Millionen Dollar und beschäftigt 130 Angestellte. Der Mittelständler steht beispielhaft für die Probleme der Tausenden kleineren und mittelgrossen Firmen in den USA, denen der Handelskonflikt zunehmend an die Substanz geht.

Chaos am Zoll

Als Erstes muss Controltek versuchen, eine neue Zulieferkette zu bilden und den Einkauf von chinesischen Firmen auf ein Minimum zurückzufahren. Dabei bieten die Zulieferer aus China in vielen Fällen die besten und günstigsten Produkte. «Selbst wenn wir wollten, könnten wir uns nie ganz aus China zurückziehen. Wichtige Bestandteile wie die Leiterplatten sind in ­gleicher Qualität anderswo in Asien nicht zu haben», erklärt LaFrazia.

Zudem haben die Strafzölle die Profitmargen des Unternehmens von fünf auf nur noch etwa zwei Prozent gesenkt, rechnet er vor. Verantwortlich sei zwar auch ein zyklisches Überangebot in der Halbleiterindustrie, «doch der grösste Teil der Gewinn­erosion ist eine Folge des Handelsstreits».

Als die Strafzölle in Kraft ­traten, stand LaFrazia zunächst vor einem grossen Chaos. Denn das Tracking-System des Unternehmens führte nur die Zulieferbetriebe auf, nicht aber die ­Herkunftsländer des Materials, von denen die Strafzölle abhängen. Selbst der US-Zoll war überfordert. Wie Tausende andere Firmen erhielt Controltek Zollformulare mit falschen Herkunftsangaben und Steuernummern. Es kamen Rechnungen für Güter an, die zwar aus China importiert wurden, deren Bestandteile aber ganz oder teilweise anderswo beschafft wurden. «Wir verloren Wochen, bevor wir diese Probleme einigermassen unter Kontrolle hatten», so La­Frazia.

Importe und Exporte verlangsamt

Andere Firmen könnten vom Chaos sogar profitieren, weil der Zoll das effektive Herkunftsland China nicht richtig erfasst und somit keine Abgabe erhebt. «Diese Firmen beklagen sich natürlich nicht.» Controltek hat versucht, die durch die Zölle verursachten Mehrkosten auf die Kunden zu überwälzen. «Sie waren gar nicht happy. Doch was können wir tun? Wir haben nicht die gleiche Verhandlungsmacht wie Apple», sagt LaFrazia.

Deshalb bleibt nichts anderes, als Alternativen zu den chinesischen Zulieferern zu finden. «Das ist eine enorme Herausforderung», sagt LaFrazia. Er ist mit Firmen in Korea, Japan, Taiwan und Osteuropa im Gespräch und glaubt, dass auch Mexiko infrage kommen könnte. Doch der noch immer nicht ratifizierte Handelsvertrag zwischen den USA, Mexiko und Kanada macht Investitionen in die Nachbarländer zu riskant.

Die jüngsten Handelszahlen zeigen, dass der Konflikt immer tiefere Spuren in der US-Wirtschaft zurücklässt. Gemäss dem Handelsministerium haben sich die Importe und Exporte im Frühling verlangsamt, ohne dass das Handelsbilanzdefizit gegenüber China – wie Trump verspricht – geschrumpft wäre.

Die Stimmung habe gekehrt

Sollte Trump China noch weitere Zölle auferlegen oder Nachbar Mexiko wieder in den Würgegriff nehmen, wird es für Firmen wie Controltek eng. «Präsident Trump hat den Diebstahl von geistigem Eigentum richtigerweise zu seinem Thema gemacht. Wir haben viel zu lange geschlafen. Aber Importzölle sind nicht das richtige Mittel. Wenn sie einen globalen Handelskrieg führen, fallen die USA in eine Rezession, und das wird uns böse treffen», fürchtet Controltek-Chef LaFrazia.

Da haben es die Grossen der Branche etwas leichter. Der Chip-Hersteller Intel bereitet eine teilweise Auslagerung aus China vor, und Google verschiebt die Produktion der Nest-Thermostaten und Server-Hardware nach Taiwan. Auch Apple prüft die Verlagerung von bis zu 30 Prozent der Herstellung in andere ostasiatische Länder. Die Neuordnung der Fertigungskette können die Konzerne dank ihrer Finanzreserven und ihres dichten Beziehungsnetzes besser verkraften.

Die meisten US-Firmen hätten noch bis vor kurzem abgewartet, erklärt Pete Guarraia, Handelsexperte der Beratungsfirma Bain, «doch nun hat die Stimmung gekehrt. Wir können nicht mehr länger warten, heisst es reihum, wir müssen handeln.» Gemäss einer Umfrage von Bain bei über 200 US-Unternehmen wollen 42 Prozent ihre Zulieferkette über China hinaus ausbauen. 25 Prozent der befragten Unternehmen wollen ihre Investitionen aus China abziehen.

Doppelter Frust

Die Chip-Industrie gehört dabei zu den global am stärksten integrierten Branchen. Der US-Bundesstaat Oregon mit dem Wirtschaftszentrum Portland ist besonders exponiert. Dabei werden Waren zum Teil mehrmals zwischen China und den USA hin und her verschifft, bis sie den Endkunden erreichen. Letztes Jahr exportierte nur Kalifornien mehr elektronische Produkte nach China als Oregon.

Controltek fertigt mass­geschneiderte Produkte, teils in Handarbeit, unter anderem für die Medizin, die Autoindustrie und die Luftfahrt. Das Unternehmen hat vorsorglich Rohwaren für sechs Monate beschafft und dafür den vollen Zoll bezahlt. Doppelt frustrierend ist aus Sicht von LaFrazia, einem Veteranen der US Air Force, dass Trumps Politik seine Firma viel Geld ­kostet und dabei nicht einmal ihr Ziel erreichen wird, sprich, Jobs aus China in die USA zurück­zuholen. Denn die USA könnten weder lohnmässig noch technisch mithalten, sagt er.

Seiner Meinung nach zeichnet sich eine globale Zweiteilung der Fertigungsketten ab. In China selbst werden die Firmen für den heimischen Markt sowie für Europa produzieren. Für den amerikanischen Markt wird China die Fertigung in andere ostasiatische Länder auslagern. Das schränke seinen Spielraum weiter ein. «Noch denken wir nicht an Entlassungen. Aber wir sind sehr verletzlich.»

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