Huawei hat das ländliche Amerika fest im Griff

Trumps Boykott bedroht Dutzende Telecom-Betriebe und bringt Mehrkosten in Milliardenhöhe. Auch Farmer sind dringend auf die Technologie der Chinesen angewiesen.

Ohne schnellere Mobilfunknetze gerät die industrielle Landwirtschaft in die USA in Schwierigkeiten. Foto: Andrew Burton (Getty Images)

Ohne schnellere Mobilfunknetze gerät die industrielle Landwirtschaft in die USA in Schwierigkeiten. Foto: Andrew Burton (Getty Images)

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Alle grossen US-Telecomfirmen haben sich vollständig von Huawei abgekoppelt. Sie sind vom Importverbot der US-Regierung nicht betroffen. Doch auf dem Land sieht es anders aus: Huawei rüstet rund ein Viertel der kleinen, ländlichen Telecombetriebe aus. Die Produkte des chinesischen Anbieters sind für viele die einzige Option, ihre Anlagen zu einem günstigen Preis zu modernisieren und ihre knappen Budgets nicht zu sprengen.

«Der Grund, weshalb wir unsere Kunden bedienen können, ist unser Kostenbewusstsein», sagt Joseph Franell, Chef von Eastern Oregon Telecom, einem kleinen Betrieb, der die Bauern in den endlosen Ebenen von Oregon bedient und wegen der Preise schon vor Jahren Huawei als Zulieferer gewählt hat. «Wenn wir einen Ford-Pickup haben können, werden wir sicher keinen Lamborghini kaufen», erklärt er die ausschlaggebende Differenz.

Auch für den Telecomanbieter Nemont im Agrarstaat Montana steht der Preis im Vordergrund. Nemont bedient eine Fläche von 36'000 Quadratkilometern, nahezu die Grösse der Schweiz. Dies erfordert Hunderte von Antennen und ein weites Netzwerk an Leitungen. Doch mit lediglich 11'000 zahlenden Kunden war das Budget schon vor 9 Jahren überaus eng, als Nemont eine Modernisierung des Netzes in Angriff nahm und dafür lediglich 4 Millionen Dollar zur Verfügung hatte.

Gepflügt, gesät und geerntet wird auf den weiten Flächen des Mittleren Westens mithilfe der mobilen Datenübertragung.

Zwar meldete die Regierung Obama Zweifel an Huawei an und machte geltend, die Chinesen könnten amerikanisches Know-how entwenden oder in die Computer von Unternehmen eindringen. Die Bedenken seien aber nicht sehr spezifisch gewesen, sagt Nemont-Chef Mike Kilgore.

Auch Montana-Senator Jon Tester habe nicht vom Kauf abgeraten. Huawei offerierte die Antennen und Router 20 bis 30 Prozent günstiger als die Konkurrenz, und Nemont griff zu. Seither hat das Unternehmen das Netzwerk weiter mit Huawei modernisiert und selbst einen Vertreter des staatsnahen chinesischen Konzerns in den Verwaltungsrat der Rural Wireless Association berufen. Huawei hat damit Platz genommen am Tisch jener Netzwerke, die das ländliche Amerika bedienen.

Schlaflose Nächte

Doch nun stellt das Importverbot der Regierung Trump die Ausbaupläne der ländlichen Anbieter infrage. «Wir haben keine Ahnung, was wir tun sollen», sagte Kilgore der «New York Times». «Es bereitet mir schlaflose Nächte.» Ohne Huawei müsse Nemont 50 Millionen Dollar mehr zahlen, schätzt Kilgore, und das könnte ihn zur Betriebsschliessung zwingen.

Die Rural Wireless Association schätzt, dass der Boykott gegen Huawei die 55 ländlichen Telecomfirmen zusätzlich 800 Millionen bis eine Milliarde Dollar kosten könnte. Verschärft wird die Situation durch die Abhängigkeit der Telecombetriebe von den Subventionen der US-Regierung. Sie aber droht, den Unternehmen künftig alle Zuschüsse zu streichen, sollten sie weiterhin Huawei oder den kleineren Anbieter ZTE benützen.

Ohne modernisierte Breitbandnetze aber kommt die industrielle Landwirtschaft in die Klemme. Gepflügt, gesät und geerntet wird auf den weiten Flächen des Mittleren Westens mithilfe der mobilen Datenübertragung. Die Traktoren werden nicht von Fahrern gelenkt, sondern von mobil gesteuerten Computern und GPS-Systemen.

Diese Effizienz der Agrartechnik erklärt unter anderem, weshalb die USA führend ist im Export von Weizen, Soja und Mais. China war der grösste Abnehmer von Soja, bevor das Land als Druckmittel im Handelskrieg die Sojaeinfuhren völlig stoppte und die US-Regierung zwang, ein Subventionspaket an die Landwirtschaft von 16 Milliarden Dollar zu schnüren.

Reparatur dank Handy

Doch auch für Probleme mit der Ausrüstung sind die Bauern heute aufs Smartphone angewiesen. Sie nehmen eine Foto eines defekten Ausrüstungsstücks und schicken es zur nächstgelegenen Reparaturwerkstätte, die einen Mechaniker mit neuen Bestandteilen schickt, aber mehr als 100 Kilometer entfernt sein kann.

Ohne schnelle mobile Verbindung, sagte Farmer Kevin Nelson, wird das Foto nicht übermittelt und die Reparatur verzögert sich. Es sei frustrierend, mitten in Arbeitstagen von bis zu 18 Stunden stoppen zu müssen, nur weil das Mobilnetz veraltet sei.

Huawei und das ländliche Amerika zeigt, wie völlig vernetzt beide Länder sind und wie ungleich die Waffen sind. Huawei kann den US-Firmen nur deswegen günstigere Netzwerke verkaufen, weil der Konzern von der chinesischen Regierung subventioniert wird.

Ein Beispiel aus Holland: Dort gab der KPN-Konzern gemäss der «Washington Post» Huawei gegenüber Ericsson den Vorzug, weil die Chinesen 60 Prozent günstiger waren. Noch krasser ist das Missverhältnis bei den Krediten.

Chinesische Banken bieten Vorschüsse mit günstigen Zinsen, mit denen auch die US Export-Import Bank nicht mithalten kann. Insgesamt stehen aus China Kredite von hundert Milliarden Dollar bereit, wovon bisher zehn Milliarden Dollar abgerufen wurden. Dagegen verblassen die 200 Millionen Dollar der staatlichen amerikanischen Kreditbank.

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