«Ich grüsse diese Muffel trotzdem»

Viele Leute scheinen heutzutage mit Grüssen überfordert zu sein. «Forum»-Leser Ronald Münger aus Bern ärgert sich darüber. Er ist damit nicht allein.

Viele Leute blicken lieber ins Mobiltelefon, als zu grüssen.

Viele Leute blicken lieber ins Mobiltelefon, als zu grüssen.

(Bild: KEYSTONE)

«Warum gibt es eigentlich Leute, die nie grüssen?» Mit dieser Frage beklagte sich Ronald Münger aus Bern an der Redaktionshotline dieser Zeitung. «Wem Mitmenschen nicht gleichgültig sind, nimmt diese auch mit einem ‹Grüessech› wahr und zeigt damit Anerkennung und Respekt», schreibt Ueli Schmutz aus Toffen dem «Forum».

Er ist einer von zahlreichen Leserinnen und Lesern, die unserem Aufruf, sich zu diesem Thema zu äussern, gefolgt sind. Seine Erwartungen an die Leute seien deshalb auch realistisch, denn jemandem einen Gruss aufzuzwingen, bringe nichts: «Wer nicht grüssen will, soll auch dabei bleiben.»

Ganz anderer Meinung ist da Sabine Heiniger aus Bützberg. Sie arbeitet in einer Bibliothek an einer Mittelschule. Ihre Grüsse würden von den Schulkindern nur selten erwidert. Bei der Ausleihe besteht Sabine Heiniger aber darauf, richtig gegrüsst zu werden. «Zurechtweisen nützt aber nichts – Vorbild sein ist besser.» Ähnlich klingt es auch bei Fritz Moser aus Huttwil. Seine Parole wenn jemand nicht grüsst: «Ich grüsse diese Muffel trotzdem.»

Schweizer Besonderheit?

Ist das Verschwinden vom alltäglichen Grüssen ein Generationenphänomen? Markus Reist aus Blumenstein beobachtet, dass insbesondere junge Leute «das Handy wie einen Schutzschild vor das Gesicht halten, um ja nicht einen Blickkontakt entstehen zu lassen». Er stelle aber auch ein spürbares Unbehagen bei diesen fest: «Ihnen ist eigentlich bewusst, dass ein Gruss wohl angebracht wäre.»

Einige Leser sehen in der Grussverweigerung gar eine Schweizer Besonderheit. «Die Schweizer sind allgemein darauf eingestellt, nicht zu grüssen. Sie sind zu arrogant», schreibt Maria Gugger aus Ostermundigen. Ihre jahrelange Erfahrung als Zeitungsverträgerin und der damit verbundene Kontakt zu Leuten bestätigten ihre Skepsis bezüglich des Themas Grüssen.

«Ich kann mich, nach über fünfzig Jahren in Bern, einer Stadt, die ich liebe, noch immer nicht daran gewöhnen, dass die Leute nicht grüssen», schreibt Roland Jakubowitz aus Köniz. Ein solches Verhalten sei in seiner Heimatstadt Cuxhaven an der Nordsee nicht denkbar.

«Es bräuchte so wenig, freundlich zu sein. Ist denn das zu viel verlangt, liebe Mitschweizer?», schreibt auch Ursula Gunti aus Nant. Sie erzählt von einem Erlebnis im Zug, welches sie bei der Heimreise nach einem längeren Aufenthalt in Afrika erlebt hatte. Als sie sich zu einer Frau ins gleiche Abteil setzen wollte, selbstverständlich mit einem Gruss, kam ihr ein «Kennen wir uns?» entgegen.

«Diese Worte genügten, um mir zu bestätigen, dass ich zurück in der Schweiz war. Sie wirkten wie eine kalte Dusche auf mich, wie eine Ohrfeige.» Das Ganze sei ein Kulturschock gewesen, nachdem sie in Afrika jeden Morgen mit «einem Hello, einem Jambo oder einem Good Morning» begrüsst worden sei.

Colin Farmer aus Niederscherli, gebürtig aus England, versteht die Verschlossenheit der Schweizer ebenfalls nicht. Sein Rat an die Mitmenschen kommt in Form eines englischen Sprichworts: «The shortest distance between two people is a smile.» Oder auf gut Deutsch: «Die kürzeste Entfernung zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln.»

Es geht auch anders

Ist das Grüssen eine aussterbende Höflichkeitsart? Sollten wir es gänzlich belassen? Unsere Leserinnen und Leser sagen dazu klar Nein. «Ein frischer, ausgesprochener Gruss ist etwas ganz Besonderes, und man sollte davon regen Gebrauch machen», schreibt Heinz Furrer aus Blumenstein. Auch Beatrice Ho­stettler-Schmid aus Bern lässt sich keine Umgangsformen aufzwingen: «Lassen wir diejenigen in Ruhe, die es nicht mögen. Grüssen wir die, die es gernhaben.»

Berner Zeitung

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