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Psychische Probleme im Spitzensport«Ich hasse es, andere Leute zu enttäuschen»

Der Thuner Profi-OL-Läufer Florian Schneider (27) bricht ein Tabu und redet mitten in seiner Karriere offen über seine Depression.

Florian Schneider wünscht sich, dass über Depressionen im Spitzensport so offen gesprochen wird wie über physische Verletzungen.
Florian Schneider wünscht sich, dass über Depressionen im Spitzensport so offen gesprochen wird wie über physische Verletzungen.
Bild: Christian Pfander

Herr Schneider, Sie haben als Spitzensportler ein Buch über Ihre psychischen Probleme geschrieben. Wie geht es Ihnen heute?

Eigentlich gut. Ich sage «eigentlich», weil ich nicht geheilt bin von meiner Depression. Aber mein Zustand ist stabil. Dank Medikamenten, Therapie und Verhaltensänderungen kann ich wieder glücklich durch den Tag gehen.

Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Erkrankung öffentlich zu machen?

Das Buchprojekt war für mich zuallererst mal eine Therapie. Ich wollte mir klar werden, was genau im Frühling 2019 passiert ist und wie es so weit kommen konnte. Als ich dann meinen Text las, merkte ich, dass ein solches Buch für mich genau das Richtige gewesen wäre. Ich hätte dank ihm vielleicht früher gemerkt, dass ich Hilfe brauche. Ich hoffe, dass es nun anderen helfen kann.

Spricht man mit Sportlerkollegen über psychische Probleme?

Ich habe erst diesen Sommer, eigentlich nach der ganzen Bearbeitung, meinem Team gesagt, wie es mir geht. Es gab viele gute Gespräche, und manche hinterfragten sich, ob sie vielleicht zu viel Negatives verdrängen oder sich zu stark fordern. Aber insgesamt wird, so glaube ich, zu wenig darüber gesprochen.

2009 nahm sich der deutsche Goalie Robert Enke, der immer wieder unter Depressionen litt, das Leben. Seither ist das Thema doch präsent.

In Teamsportarten wie etwa Fussball oder Eishockey ist es nach wie vor sehr schwierig, psychische Schwierigkeiten anzusprechen, weil man dort der Starke auf dem Platz sein muss. Vielleicht schafft man es, seine Probleme privat anzugehen. Aber sie auch noch öffentlich zu machen, das ist in einer solchen Position fast unmöglich. Das müssen wir unbedingt ändern. Man sollte über psychische Erkrankungen genauso diskutieren können wie über muskuläre Probleme.

Auch Sie betonen, dass es als Sportler wichtig sei, aus einer Position der Stärke heraus an den Start zu gehen. Das könnte Ihr Buch nun zunichtemachen.

Das glaube ich nicht. Mich macht es stärker, darüber zu reden, wie ich mich fühle.

Können Sie trotz Ihrer Erkrankung noch Sport auf Profi-Niveau betreiben?

Im Moment bindet mich ein Velounfall etwas zurück. Meine alte Stärke als OL-Läufer habe ich noch nicht erreicht. Auch die Lockerheit von früher fehlt, aber ich arbeite daran. Ich glaube nicht, dass mentale Stärke und psychische Gesundheit etwas miteinander zu tun haben. Man kann an einem Wettkampf körperlich alles geben, auch wenn es einem seelisch nicht so gut geht. Es gibt Olympiasieger, die nach den Spielen zugaben, an einer Depression erkrankt zu sein.

Florian Schneider erzählt bei sich daheim in Thun von seinem Buch «Matt trotz Glanz. Depression im Spitzensport – ein Tabuthema».
Florian Schneider erzählt bei sich daheim in Thun von seinem Buch «Matt trotz Glanz. Depression im Spitzensport – ein Tabuthema».
Bild: Christian Pfander

Wer?

Ich will keine Namen nennen. Aber auch die Skifahrerin Lindsay Vonn, die an der Weltspitze mitfuhr, litt an Depressionen. Ebenso die Kunstturnerin Ariella Kaeslin, die immerhin Europameisterin wurde und WM-Medaillen gewann.

Trotzdem: Wer an einer Depression leidet, hat oft Mühe, sich zu etwas aufzuraffen.

Wenn man einen klaren Trainingsplan hat und weiss, was genau man machen muss, um weiterzukommen, dann klappt es. Vielleicht ist man dann nicht mit letzter Konsequenz dabei, und es fehlt das letzte Stückchen für die absolute Topleistung. Doch der Sport kann auch helfen, dass die Gedanken nicht ständig kreisen.

Sind Spitzensportler besonders anfällig für Depressionen?

Viele Spitzensportler sind eher jung. In dieser Lebensphase gibt es viele Wechsel: Man zieht von daheim aus, hat die erste ernsthafte Beziehung, den ersten richtigen Job. Gleichzeitig verlangt der Spitzensport einem vieles ab. Das alles zusammen kann leicht zu einer Überlastung führen und damit zu einer Depression.

Dann könnte man im Grunde auch von einem Burn-out sprechen?

Ja, ich wurde depressiv aus einer Erschöpfung heraus. Ich wollte zu vieles gleichzeitig machen und konnte das irgendwann nicht mehr.

Wie schaffen Sie es jetzt, sich nicht wieder zu sehr zu verausgaben?

Die Planung ist entscheidend. Aber es braucht auch die Flexibilität und den Mut zu sagen, der Spitzensport habe im Moment oberste Priorität, ich mache nicht noch zig Projekte nebenbei.

«Ich hatte immer den Anspruch, überall der Beste zu sein», sagt Florian Schneider.
«Ich hatte immer den Anspruch, überall der Beste zu sein», sagt Florian Schneider.
Bild: Christian Pfander

Worauf verzichten Sie?

Meine Haupterkenntnis im vergangenen Jahr war, dass ich nicht der beste OL-Läufer der Welt und der beste Ingenieur gleichzeitig werden kann. Deshalb habe ich meine Stelle gekündigt. Mein Ehrgeiz hätte es nicht zugelassen, dass ich meine Anforderungen im Beruf zurückschraube. Jetzt mache ich ein Masterstudium als Bauingenieur, das kann ich mir freier einteilen. Um Geld zu verdienen, erledige ich Organisatorisches für den kantonalen OL-Verband. Der Vorteil dabei ist, dass ich nicht immer darüber nachdenken muss, ob ich jetzt alles im Detail richtig berechnet habe. Wenn ich eine Teilnehmerliste verschickt habe, ist die Aufgabe erledigt.

Waren Sie schon immer so ehrgeizig?

Ja! Ich hatte schon mit zwölf Jahren die Idee, bei uns in Stettlen eine Skatehalle zu errichten. Ich setzte alle meine Energie darin. Am Ende bekamen wir eine Halle, die wir dann umgebaut haben. Kaum war alles perfekt, suchte ich mir schon die nächste Aufgabe – statt zuerst einmal den Erfolg zu geniessen. Ich hatte immer den Anspruch, überall der Beste zu sein. Als ich dann im OL immer mehr Erfolg hatte, wurde auch da der Ehrgeiz stets grösser.

Was wollen Sie als Nächstes erreichen?

Zuerst will ich wieder stabilere Trainingsleistungen erbringen. Dann möchte ich gerne 2021 oder 2022 an einem Weltcup in den Top Ten landen. Und was ich sicher auch lernen muss: Nein zu sagen. Das fällt mir nach wie vor oft schwer. Ich hasse es, andere Leute zu enttäuschen.

Florian Schneider: «Matt trotz Glanz. Depression im Spitzensport. Ein Tabuthema», Kaleidosbuch 2020, 176 S., 25 Fr.

Buchvernissage: Fr, 2.10. 18.30 Uhr, Fairpflegig Stiftung Transfair, Im Schoren 23, Thun.Anmeldung: info@kaleidosbuch.ch

1 Kommentar
    Stucki Daniel

    Vielen Dank Herr Schneider für Ihren Mut und Ihre Offenheit. Ich bin mir sicher, dass dies vielen Menschen neue Kraft und Hilfe gibt! Hut ab!