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Sommerserie Ladina und die Fesseln der Lust

Kommunikation, Ästhetik und das Erkennen von (Schmerz-)Grenzen: Mit Shibari, der japanische Kunst des Fesselns, haben Ladina* und Andreas* ihre Beziehung gerettet.

Ein russischer Fessler verschnürt sein Modell am Shibari-Festival im vergangenen Januar in Minsk.
Ein russischer Fessler verschnürt sein Modell am Shibari-Festival im vergangenen Januar in Minsk.
Foto: Keystone/ EPA

Ladina schliesst die Augen und atmet tief ein. Sie trinkt den Geruch des Hanfseils, mit dem ihr Mann Andreas ihr Gesicht streichelt. Ihre Züge werden weich und friedlich, nehmen einen Ausdruck freudiger Erwartung an. Ladina weiss: In den nächsten Minuten wird ihr Mann sie fesseln, wird die totale Kontrolle über sie ausüben und ihr Schmerzen zufügen. Es werden intime Momente, die sie mit mir, dem Freund und Journalisten, teilen werden.

Sich zu unterwerfen und Schmerzen als Lust zu empfindendiese Faszination kannte Ladina bereits als kleines Mädchen. «Ich stellte mir zum Beispiel vor, ich sei der Hund meiner Kindergärtnerin und würde von ihr an der Leine geführt», blickt sie zurück. Ein erstaunliches Eingeständnis. Denn die Frau in den frühen Vierzigern ist eine selbstbewusste Frohnatur, die sich sich von nichts und niemandem in die Ecke drängen lässt. «Nur beim Fesseln bin ich der Chef», sagt Andreas mit einem zärtlichen Lächeln auf den Lippen.

«Du bist ja vielleicht pervers!»

Andreas spontane Redaktion, als Ladina ihm ihre Passion eröffnete.

In eng anliegender Gymnastikkleidung kniet Ladina am Boden. Andreas, ebenfalls auf den Knien, platziert sich hinter ihr. Mit seinen Händen rückt er sie in die richtige Position. Drückt ihren Rücken durch, bringt den Kopf in leichte Schräglage, wischt ihre Haare zur Seite, damit der weisse Hals in seiner ganzen Verletzlichkeit sichtbar wird. Ladina weilt bereits in einer anderen Welt, ist Wachs in Andreas Händen.

«Du bist ja vielleicht pervers», sagte Andreas vor vielen Jahren, als Ladina ihm erklärte, dass sie auf harten Sex steht. «Ich war anfangs total überfordert», sagt er heute. «Es war für ihn zum Beispiel sehr schwer, mich ins Gesicht zu schlagen», ergänzt Ladina. Das Paar experimentierte mit den Sado-Maso-Spielzeugen, die es in jedem Erotikmarkt zu kaufen gibt, wie Peitschen und Handschellen. Doch dabei ging es letztlich immer nur um Sex.

Eine kunstvolle Fuss- und Unterschenkelfesselung.
Eine kunstvolle Fuss- und Unterschenkelfesselung.
Foto: iStockphoto

Dann kam der Moment, der ihr Zusammenleben verändern und ihre Leidenschaft auf ein neues Niveau heben sollte: Sie entdeckten Shibari, die japanische Kunst des Fesselns (vgl. Box). Das war zu einem Zeitpunkt, als es in ihrer Beziehung kriselte. Shibari sollte zu ihrem Rettungsanker werden.

Plötzlich greift er um sie herum, packt ihre Arme und dreht sie nach hinten. Nun kommt das erste Hanfseil zum Einsatz. Zuerst fesselt er ihre Hände, dann die Oberarme, die er schliesslich mit einem weiteren Seil an ihrem Oberkörper fixiert. Zwischendurch umarmt und streichelt er sie, reisst sie an den Seilen grob zurück und beugt sie danach wieder nach vorne, bis ihr Gesicht den Boden berührt. Süsses und Saures, Zuckerbrot und Peitsche. Schon bald hat er seine Frau wie ein Paket verschnürt, das er nach Belieben hochheben und über den Boden schleifen kann wie einen schweren Koffer.

An diesem Punkt beenden die beiden ihre Session. Wenn Ladina und Andreas aber allein wären, zu Hause im Keller ihres schmucken Einfamilienhauses in einem idyllischen Quartier einer typischen Berner Kleinstadt, würden die beiden jetzt vielleicht Sex haben. Vielleicht aber auch nicht. Sex ist bei der Japanese Bondage, der sich Ladina und Andreas seit ein paar Jahren verschrieben haben, ein Kann, aber kein Muss (vgl. Box). Im Zentrum stehen die Seile und der Schmerz, das Spannungsfeld zwischen Domination und Submission, zwischen beherrschen und beherrscht werden und nicht zuletzt auch die reine Ästhetik.

Der Shibari-Performer Michael Ronsky demonstriert eine Hängefesselung an einer Show in Lausanne.
Der Shibari-Performer Michael Ronsky demonstriert eine Hängefesselung an einer Show in Lausanne.
Foto: KEYSTONE

Wenn Ladina und Andreas zu Hause wären, wäre die Arm- und Oberkörperfesselung vielleicht nur das Vorspiel gewesen. Der Rigger hätte sein Modelso heissen der aktive und der passive Teilnehmer in der Fesselszeneweiter verschnürt. Er hätte ihre Beine gefesselt und sie in einer Position, die bereits beim Zusehen schmerzt, an einen stabilen Querbalken gehängt und das Süss- und Sauerspiel weiter getrieben. Ladinas Schmerzen wären heftiger geworden, ihre Trance tiefer.

« Ganz wichtig ist für mich, dass der aktive Part die Macht hat, mir wehzutun, und ich nichts dagegen tun kann.»

Ladina erklärt ihren Masochismus.

Beim Shibari gibt es weder rosa Plüschhandschellen noch den sonstigen Firlefanz, der unter anderem im Zusammenhang mit den «Fifty Shades of Grey»-Filmen populär wurde. Shibari ist die Welt der Seile, Shibari ist Ästhetik, Rollenspiel und nicht zuletzt Kommunikation. «Der Rigger kommuniziert durch die Seile mit seinem Model», erklärt Andreas. «Er muss genau beobachten, wie es reagiert, und daraus schliessen, was es will und wie weit er gehen darf.»

Keine Fesselungen wider Willen

Einvernehmlichkeit ist deshalb das A und O beim Fesseln. Der Rigger muss die Grenzen des Models respektieren und einhalten. Bei seiner Ladina sind diese (Schmerz-)Grenzen extrem weit gesteckt. «Sie befinden sich dort, wo etwas kaputtgehen könnte», sagt Ladina. Brüche zum Beispiel, oder zerstörte Nervenbahnen, die zu bleibenden Schäden wie Lähmungen oder Taubheit führen können. «Der Rigger muss deshalb über ein anatomisches Grundwissen verfügen», sagt Andreas, «und immer ein Messer dabei haben, um eine missglückte Fesselung sofort lösen zu können.»

Dieses Wissen und die Beherrschung der verschiedensten Fesselungen fällt einem Rigger nicht einfach in den Schoss. «Ladina und ich besuchen deshalb regelmässig Workshops, die verschiedenen Aspekten des Shibari gewidmet sind», sagt Andreas.

Auch die Angst spielt beim Shibari mit. «Ich weiss zwar, dass mein Rigger nichts gegen meinen Willen tut. Wenn er mich aber würgt, sendet mein Körper automatisch Angstsignale aus», sagt Ladina. Es gibt aber auch eine Angst, die Ladina nicht willkommen ist: «Wenn die Dominanz des Riggers übermächtig und demütigend ist, vor allem bei Sado-Maso-Praktiken.»

Warum Ladina den Schmerz geniesst

Warum Ladina sich nicht nur freiwillig Schmerzen aussetzt, sondern diese auch geniesst, kann sie selber nicht genau sagen. «Es sind sicher verschiedene Aspekte. Ganz wichtig ist für mich, dass der aktive Part quasi die Macht hat, mir wehzutun, und dass ich nichts dagegen tun kann. Zu spüren, dass er Spass hat, mir Schmerzen zuzufügen, und es ihm Lust bereitet. Manchmal ist es auch so, dass es mich kickt, das für ihn auszuhalten, weil er das so will. Und nicht zuletzt sind manche Arten von Schmerz für mich auch sehr direkt sexuell erregend. Beim Fesseln kann ein Schmerz oder Druck vom Seil aber auch eine Art von Geborgenheit vermitteln, wie ein sehr starkes Halten.»

*Namen der Redaktion bekannt

Eine Frau in einer Ganzkörperfesselung.
Eine Frau in einer Ganzkörperfesselung.
Foto: Getty Images/iStockphoto