Ich tippe, also bin ich

Die Art und Weise, wie jemand das Smartphone bedient, verrät (fast zu) viel über dessen Alter, Coolnessfaktor und «kulturellen» Hintergrund.

Abenteurerin, Zögerer oder einfach Emoti(c)onslos? Es ist alles eine Frage der Haltung.

Abenteurerin, Zögerer oder einfach Emoti(c)onslos? Es ist alles eine Frage der Haltung.

(Bild: Illustrationen: TA/Sandra Niemann)

Früher, also vor ungefähr 5 Jahren, erkannte man das Alter einer Person daran, wie sie ihr Smartphone bediente: Wer es mit dem Zeigefinger tat, war alt. Wissenschaftler haben den rasanten gesellschaftlichen Aufstieg des Daumens (lat. Pollex) bei den Jüngeren untersucht und festgestellt, dass ihre Daumen muskulöser, stärker und beweglicher waren, als die der älteren Generation. Nicht nur das. Der Daumen übernahm immer häufiger die Funktionen des Zeigefingers: Jugendliche klingelten gemäss der Forscher mit dem Daumen an Türen, drückten damit Klinken herunter und einige würden damit sogar auf Dinge zeigen, stellten sie erschreckt fest.

Doch die Zeiten ändern sich: die Smartphones wurden immer grösser, die Daumen aber, sie wurden nicht länger, weshalb heute an Bushaltestellen oder im Tram in der Stadt die unterschiedlichsten Tipp-Techniken zu beobachten sind:

Einhändig mit Daumen Es ist noch immer die am weitesten verbreitete Technik. Oldschool eben, und irgendwie cool. Mit dieser Technik zeigt man Risikobereitschaft: Dass das Smartphone mit seiner zerbrechlichen Hülle aus Glas beim kleinsten Anrempler auf den Asphalt fallen (oder knallen) und das Display dabei in tausend Scherben zersplittern könnte, nimmt man lässig in Kauf. Es ist fast wie mit der Zigarette früher, bevor es uncool wurde, drohendem Lungenkrebs genauso nonchalant zu begegnen.

An dieser Stelle eine Warnung: Gesundheitliche Konsequenzen hat auch das Festhalten an der Ein-Daumen-Technik. Da seit Einführung des ersten iPhones im Jahr 2007 (das rückblickend einen winzigen Screen hatte) die Bildschirme immer grösser werden, wird auch das Überstrecken des Daumens immer öfter nötig. Die Folge: Karpaltunnelsyndrom! Der mittlere Armnerv wird eingeklemmt, die Hand schläft ein, schmerzt, lahmt, manchmal für immer.

PS: Die gewachsenen Screens haben zusätzlich bewirkt, dass sich der kleine Finger nicht mehr hinter, sondern an der Unterkante des Telefons befindet, um es beim Überstrecken des Daumens am Wegkippen zu hindern. Ein hochpräziser Balanceakt, auf den Sie ruhig ein wenig stolz sein dürfen.

Zweihändig mit einem Daumen Sie tippen mit dem Daumen, halten das Smartphone aber gleichzeitig mit der anderen Hand fest? Dann gilt für Sie alles bisher Gesagte – ausser, dass Sie nicht risikobereit (ergo uncool) sind. Abgesehen davon sind Sie vermutlich (verhältnismässig) alt, und Ihr Handy trägt eine Schutzhülle, genau wie ihr Sofa.

Zweihändig mit zwei Daumen Der neue Klassiker, vor allem bei jungen Menschen. Denn mit zwei Daumen ist man sauschnell, was einfach wichtig ist, wenn sich das Sozialleben überwiegend am Bildschirm abspielt. Und: Das Risiko für das Karpaltunnelsyndrom ist quasi null. Eine weitere gute Nachricht: Die Technik ist auch im fortgeschrittenen Alter lernbar. Ein Kollege hat kürzlich umgestellt. Er ist jetzt zwar nicht schneller beim Tippen, wie erhofft, und er macht auch nicht weniger Tippfehler. Dafür, bilanziert er, sei die Körperhaltung beim Zweidaumentippen «mindestens so cool wie jene der Einhänder-Cowboys … aber viel entspannter.»

Mit der Stimme Wer nichts neues lernen und trotzdem rasend schnell sein will, nutzt die Diktierfunktion moderner Smartphones. Ein Nachteil: Siri und Bixby verstehen kein Züritüütsch. Und: Es führt nicht nur zur Erregung des Chat-Partners, wenn man die Nachrichten der Dating-App im Tram laut ins Telefon diktiert, sondern möglicherweise auch öffentlichen Ärgernisses. Die Sache ist also eher geeignet für Administratives. «Hab vergessen die Waschmaschine zu starten, kannst du?» Oder: «Lina hat heute Zeigetag im Kindergarten, denk dran, ihr den Plüsch-Kraken einzupacken.»

Mit einem (oder zwei) Zeigefinger(n) Das System Adler (seit der Erfindung der Schreibmaschine das System mit der weitesten Verbreitung und auch heute noch die bevorzugte Tipptechnik diverser Redaktionskollegen) hat es selbstverständlich ins Mobile-Zeitalter geschafft. Verbreitet bei Nutzern von Riesensmartphones, die auch als Tablet durchgingen, die man also ohnehin am besten auf den Schoss legt fürs Simsen. Beliebt auch bei Menschen, die hauptsächlich per Emoticon kommunizieren.

Mit dem Mittelfinger Weshalb nur tut man sowas? Vielleicht, weil man lange, kunstvoll bemalte Fingernägel hat, und es weniger klappert beim Tippen (da die Fingerkuppe des Mittelfingers bei den meisten Menschen weniger flach ist als jene beim Daumen und Zeigefinger). Beobachtungen lassen aber darauf schliessen, dass auch Menschen mit kurzen Fingernägeln die Mittelfingertechnik anwenden. Es ist also möglicherweise eine rein «kulturelle» Angelegenheit: Vielleicht sind das Leute, die generell gerne den Mittelfinger nutzen, um sich auszudrücken.

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