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Skandal um deutschen KonzernInhaftierter Wirecard-Manager will kooperieren

Einer der wichtigsten Beschuldigten soll in der grossen Finanzaffäre auspacken. Der frühere Vertriebschef Jan Marsalek dagegen wird immer noch weltweit gesucht.

Die Wirecard-Affäre erschüttert nicht nur Deutschland.
Die Wirecard-Affäre erschüttert nicht nur Deutschland.
Foto: Matthias Balk (Keystone/DPA)

Im Bilanzskandal um den mutmasslichen Milliardenbetrug beim deutschen Dax-Konzern Wirecard will einer der wichtigsten Beschuldigten mit der Staatsanwaltschaft kooperieren. Das bestätigte der Anwalt des in Untersuchungshaft sitzenden Ex-Chefs der Wirecard-Tochtergesellschaft Cardsystems Middle East am Freitag.

«Mein Mandant hat sich freiwillig dem Verfahren gestellt und steht – im Gegensatz zu anderen – zu seiner individuellen Verantwortung.» Darüber berichtete zuerst die Nachrichtenagentur Reuters. Der Strafverteidiger betonte, dass er nicht von einem Geständnis gesprochen habe.

Die Münchner Staatsanwaltschaft wiederum erklärte, dass sie die Vernehmung weder bestätigen noch Angaben dazu machen könne. Ebenfalls kooperieren will der frühere Chef Markus Braun, der frühere Vertriebsmanager Jan Marsalek dagegen ist abgetaucht. (Lesen Sie mehr über Marsalek in unserem Artikel «Catch me if you can»).

Zentrale Rolle bei den Scheingeschäften

Die Cardsystems Middle East spielte eine zentrale Rolle bei den mutmasslichen Scheingeschäften, mit denen bei Wirecard die Bilanzen um 1,9 Milliarden Euro aufgebläht wurden. Wie aus der Bilanz der Konzernmuttergesellschaft Wirecard AG für das Jahr 2018 hervorgeht, meldete dieses Unternehmen den Grossteil der verbuchten Gewinne.

Von den insgesamt 45 Gesellschaften gab es demnach überhaupt nur drei, die nennenswert profitabel waren: Die Cardsystems in Dubai steuerte 237 Millionen Euro bei – mutmasslich in Gänze oder zumindest zum allergrössten Teil erdichtet. Diese Gesellschaft ist mittlerweile aufgelöst, über sie lief das Geschäft mit einem grossen Subunternehmer namens Al Alam, der angeblich Zahlungen im Auftrag von Wirecard abwickelte, aber gar keine Lizenzen der grossen Kreditkartenfirmen hatte. Das hatte die britische «Financial Times» im vergangenen Jahr publik gemacht. Wie aus dem öffentlich einsehbaren Handelsregister von Al Alam hervorgeht, wurde das Unternehmen 2013 eingetragen, mittlerweile ist es ebenfalls aufgelöst.

Abgesehen von den mutmasslichen Scheingewinnen der Cardsystems wurde bei Wirecard nicht allzu viel Geld verdient: Die Wirecard Technologies, die die tatsächlich existierende Bezahlplattform des Konzerns betreibt, verbuchte 2018 einen Gewinn von 129 Millionen Euro, eine irische Tochter 62 Millionen. Die übrigen Gesellschaften inklusive der Wirecard Bank machten entweder nur sehr kleine Gewinne oder schrieben Verluste.

Komplexer Fall

Wie komplex und international verwickelt der Fall Wirecard ist, zeigt auch die Entwicklung auf den Philippinen: Dort überprüft die Anti-Geldwäsche-Behörde der Regierung in Manila im Zusammenhang mit dem Skandal mittlerweile 20 Menschen und Organisationen, wie die Regierung in Manila mitteilte.

Die vermissten 1,9 Milliarden Euro sollten sich eigentlich auf philippinischen Treuhandkonten befinden, ein philippinischer Anwalt hatte das Treuhandmandat erst im vergangenen November von einer Singapurer Firma übernommen. Im Juni stellte sich dann heraus, dass weder die Milliarden noch die Treuhandkonten existierten. Der philippinische Treuhänder ist zwar eine reale Person, doch hat dieser mittlerweile in den örtlichen Medien mehrfach erklärt, von der Vorgängerfirma in Singapur getäuscht worden zu sein.

Erheblich schneller als die Ermittlungen könnte für Wirecard jedenfalls der Rauswurf aus dem Dax vonstatten gehen. Am Freitag war Wirecard mit einem Kurs von knapp 2 Euro pro Aktie an der Frankfurter Börse weniger als 250 Millionen Euro wert. Der reguläre Termin für die Neuzusammensetzung des wichtigsten deutschen Aktienindex› steht zwar erst im September an, doch nun soll es schon im August eine sogenannte Marktkonsultation zum Umgang mit insolventen Unternehmen geben, wie der zur Deutschen Börse gehörende Index-Anbieter Stoxx mitteilte.

Sondersitzung im Bundestags-Ausschuss

Zudem zeichnet sich eine Sondersitzung des Bundestags-Finanzausschusses in der Sommerpause ab. Aus Parlamentskreisen erfuhr Reuters am Freitag, am kommenden Montag solle das genaue Datum festgelegt werden. Vier Fraktionen – Union, Grüne, Linke und FDP – seien dafür. Auch Politiker der SPD signalisierten Zustimmung. Damit gilt die Entscheidung für die Sondersitzung beim Treffen der Obleute aus den Fraktionen am Montag als reine Formsache.

Die Opposition, aber auch der Koalitionspartner CDU/CSU sind mit der Aufklärung des SPD-geführten Finanzministeriums unzufrieden. «Finanzminister Olaf Scholz sollte das Thema endlich zur Chefsache machen und sich nicht wegducken», sagte der Wirecard-Experte der Union, Matthias Hauer. «Wir fordern zeitnah eine Sondersitzung des Finanzausschusses zum Thema Wirecard, weil derzeit mehr Fragen offen als beantwortet sind.»

SDA