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In der Welt des eSports«Ist Schach ein Sport? Dann ist auch Gamen ein Sport!»

In der realen Welt ist er Facility Manager von Kinderkrippen, in der virtuellen ist er Captain des eSports-Teams der ZSC Lions: Sven Julmi, ein 28-jähriger Zürcher Oberländer, stellt sich vor.

Gamen für die Lions im ZSC-Shirt: Sven Julmi ist Captain der eSport-Mannschaft der Zürcher.
Gamen für die Lions im ZSC-Shirt: Sven Julmi ist Captain der eSport-Mannschaft der Zürcher.
Foto: Dominique Meienberg

Angriffsauslösung, Forechecking, Powerplayformationen, Bully-Varianten. Im Gespräch mit Sven Julmi (hier geht es zum Podcast) über ein Spiel seiner Mannschaft fallen Worte und werden Taktiken erläutert, die aus Eishockey-Partien halt so bekannt sind. Bloss: Wir reden gar nicht über ein echtes Spiel auf dem Eis. Julmi spielt auf der Konsole das NHL-Game von EA Sports, er ist Captain des eSports-Teams der ZSC Lions.

Was er mit seinen Mannschaftskollegen tut, geht aber über das übliche Gamen vor dem Bildschirm hinaus. Julmis Jungs spielen 6-gegen-6-Partien, jeder Spieler auf dem Bildschirm, inklusive Goalie, wird von einem Gamer aus Fleisch und Blut gesteuert, dem Computer, der «künstlichen Intelligenz», wird hier kein Part überlassen. Gleiches gilt für die Gegner, die in ganz Europa verteilt sind, vor allem aber im skandinavischen und deutschsprachigen Raum.

Früher auf dem Eis, heute auf der Konsole

Die Spiele des Zürcher eSports-Teams sind öffentlich, sie werden jeweils live gestreamt auf Twitch TV, der bei Online-Gamern populären Internet-Plattform. Ein Augenschein zeigt schnell: Mit entspanntem Feierabend-Zocken unter Freunden hat das wenig gemein. Spielstruktur und Taktiken sind klar erkennbar, die Anspannung während einer rund 30 Minuten langen Partie ist hoch.

Nebst dem Spielgeschehen ist auch Julmi, der den Mittelstürmer der Mannschaft steuert, selbst am unteren Bildschirmrand eingeblendet. Man sieht ihn mit Headset, wie er ständig Anweisungen an die Mitspieler gibt, man hört auch diese reden, den Lob, den Tadel, die Flüche, den Jubel, den Ärger. Das Eishockey-Verständnis aller Beteiligten ist hoch, muss es sein. Julmi selbst spielte einst im Nachwuchs Rapperswil-Jonas, traf regelmässig auf Nino Niederreiter und Enzo Corvi und spielte mit den beiden Bündner Profis einst in einer Auswahl gar in einer Linie.

Mit farblich angepasstem Steuerungsgerät:  Sven Julmis Controller in den Farben der ZSC Lions.
Mit farblich angepasstem Steuerungsgerät: Sven Julmis Controller in den Farben der ZSC Lions.
Foto: Dominique Meienberg
Gesteuert werden hier auch die Computer-Versionen der ZSC Lions: Goalie Lukas Flüeler macht sich bereit …
Gesteuert werden hier auch die Computer-Versionen der ZSC Lions: Goalie Lukas Flüeler macht sich bereit …
Foto: Dominique Meienberg
… für eine Partie gegen den SC Bern.
… für eine Partie gegen den SC Bern.
Foto: Dominique Meienberg
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eSportler, die reale Sportmannschaften repräsentieren, sind bei deren Fans nicht immer beliebt. Gerade im Fussball sorgen sie für Protestwellen, da sie als Auswuchs der Kommerzialisierung des Sports und als Grund für unnötige Ausgabe von Clubfinanzen angesehen werden. Julmi versteht diesen Aspekt. Und wenn er darauf hinweist, dass er noch von keinen Anfeindungen durch die ZSC-Fans gehört habe, dann liegt das auch daran, dass er und seine Teamkollegen von den Lions keine Löhne beziehen.

Julmis Team steht unter Vertrag bei den Zürcher eStudios, die auch Fifa-Gamer des FC Basel betreuen. Sie waren es, die 2018 auf die ZSC Lions zugingen und wegen eine Zusammenarbeit anfragten. «Die Lions sind eines der grössten und modernsten Sportclubs der Schweiz, wir wollten unbedingt zu ihnen», sagt Julmi.

Die Zürcher waren interessiert und als alle, von VR-Präsident Walter Frey bis zu den ZSC-Hardcore-Fans, ihr Okay gegeben hatten, war es soweit. Das eSports-Team der Lions ist heute eines von nur drei offiziellen in der Schweiz, die anderen vertreten den SC Bern sowie den EHC Basel. Es dürften wohl immer mehr werden, da die Clubs sich dank ihren eSports-Teams einem neuen Zielpublikum präsentieren.

Die Millionen machen andere

In die Schlagzeilen geraten aus der Gamer-Szene jene Profis, die mit den Spielen Fortnite, League of Legends oder World of Warcraft es zu jährlichen mehrfachen Millionen-Prämien schaffen. Mit Eishockey lässt sich noch kein gutes Geld verdienen, Julmi erzählt von den 300 Franken Prämie, die er kürzlich bei einem Turnier im Einzel-Modus gewann. Einen Fixlohn kassieren er und seine Mitspieler auch von eStudios nicht, sie erhalten bloss punktuell Geld, wenn sie zum Beispiel auf Messen sich für Spiele gegen Hobby-Gamer zur Verfügung stellen. Darum gehen alle nebst dem Gamen einem «normalen» Job nach, Julmi arbeitet als Facility Manager einer Kinderkrippe-Kette in Zürich.

Prämien im Team-Modus gibt es beim Eishockey-Gamen nur für jene 16 europäischen Teams, die in der höchsten Liga der ECL spielen. Dieses ist das Ziel der Zürcher, im Moment streben sie den Aufstieg aus der 32 Teams umfassenden zweithöchsten Klasse an. Julmis Team, das sich aus Zürchern, Emmentalern, aber auch Österreichern und Deutschen zusammensetzt, sie ist zwar die Nummer 1 in der Schweiz, auch wenn es hierzulande noch keine offiziellen nationalen Meisterschaften gibt. Doch die Dominatoren mit dem besten Fingerspitzengefühl fürs Konsolen-Eishockey, sie sind in Schweden und vor allem Finnland zu finden.

«Ich bin nach zwei Stunden Ligaspielen im Kopf fix und fertig, auch weil es ja keine Auswechslungen gibt und du permanent konzentriert sein musst.»

Sven Julmi, eSportler ZSC Lions

Für Aussenstehende ist die Welt der Gamer oft eine voller Widersprüche. Der bis zu 25 Stunden pro Woche grosse Trainingsaufwand Julmis hilft gegen das Image des «Nerds vor dem Bildschirm» nicht wirklich. Und dass das 6er-Team nicht im selben Raum sitzt, sondern jeder Spieler seinen Eishockeyaner zuhause vor dem eigenen Bildschirm steuert, dürfte die Vorwürfe an die «asozialen Gamer» nicht weniger machen.

Und Fragen, ob eSports wirklich Sport sei, muss auch Julmi regelmässig beantworten. Er stelle dann immer die Gegenfrage: «Ist Schach ein Sport?» Laute die Antwort Ja, dann betreibe er beim Gamen auch Sport: «Ich bin nach zwei Stunden Ligaspielen im Kopf fix und fertig, auch weil es ja keine Auswechslungen gibt und du permanent konzentriert sein musst.» Für einen amüsanten Widerspruch sorgt Julmi selbst: Im realen Eishockey ist er nach wie vor Fan der Lakers. Lachend erzählt er: «Dafür, dass ich nun eSportler der ZSC Lions bin, werde ich von den Rappi-Fans hin und wieder geneckt.»

21 Kommentare
    Maik Schärer

    Als Hobby-E-Sportler seit über 20 Jahren und Fan von E-Sport-Teams ist es mir eigentlich egal, ob E-Sport als Sport gesehen wird oder nicht. Die Popularität steigt sowieso, und die Diskussion um den Sport-Status empfinde ich nur als Ablenkend. E-Sport ist gross genug, dass es sich nicht krampfhaft an etwas bestehendem anbiedern muss. Es täte uns Gamern gut, diesbezüglich mit mehr Selbstvertrauen aufzutreten.

    In 20 Jahren, wenn die heutige Generation älter ist und E-Sport für den Grossteil der Gesellschaft zur Alltagsrealität gehört, wird die Frage hoffentlich niemanden mehr interessieren.