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Faktencheck zu TV-Serie über DrogenJugendliche dealen digital

In der Netflix-Serie «How to Sell Drugs Online (Fast)» gründet ein Teenager einen Onlineshop für Drogen. Klingt unrealistisch? Mitnichten.

Von seinem versifften Jugendzimmer aus zieht Moritz in der Netflix-Serie «How to Sell Drugs Online (Fast)» ein prosperierendes Drogenbusiness im Darknet auf.
Von seinem versifften Jugendzimmer aus zieht Moritz in der Netflix-Serie «How to Sell Drugs Online (Fast)» ein prosperierendes Drogenbusiness im Darknet auf.
Foto: Netflix

Eigentlich wollte der 17-jährige Moritz der nächste Mark Zuckerberg werden. Ein Visionär, der die Welt aufs nächste Level hievt. Doch dann verlässt ihn die Freundin und aus dem Nerd mit Start-up-Fantasien wird ein geschäftstüchtiger Nachwuchsdealer. Wieso? Weil er seine Ex mit einer Drogenkarriere beeindrucken will. Sein Businessplan: Von seinem versifften Kinderzimmer aus zieht er mit zwei Kumpeln einen Onlineshop für Partydrogen im Darknet auf. Wie Amazon inklusive Versand und Kundenbewertungen. Das Start-up nennt er cool My Drugs und bald schon kommen er und seine Teeniefreunde mit Bestellungen nicht mehr nach.

So weit die Storyline der erfolgreichen deutschen Netflix-Serie «How to Sell Drugs Online (Fast)», deren zweite Staffel soeben angelaufen ist. Erwachsene über 30 mögen das amüsante Szenario für überdrehte Fiktion halten. Erfunden sind aber höchstens die Leichtigkeit und der Witz, womit die unbedarften Kleinstädter das Drogengeschäft aufmischen. Hier unser Faktencheck:

Dealen Teenager mit Drogen im Darknet?

Das Phänomen gibt es. Auch, weil die digitale Welt für sie zum Alltag selbstverständlich dazugehört. Die Netflix-Serie basiert auf dem realen Fall eines Leipziger Jugendlichen, der alias Shiny Flakes im anonymen Darknet ein Drogenimperium aufbaute. Als ihm die Polizei 2015 auf die Schliche kam, war er gerade mal 20 Jahre alt und wohnte noch bei seiner Mutter. Die Lieferungen hortete erwie in der Seriein seinem Zimmer. Die Polizei beschlagnahmte 360 Kilo Drogen aller Art, die Shiny Flakes bis in die USA und nach Australien verschickte. Er soll mit den Lieferungen mehrere Millionen Euro verdient und insgesamt über 900 Kilogramm Drogen verkauft haben. Und in der Schweiz? Die Kantonspolizei Zürich bestätigt, dass auch bei uns junge Erwachsene nicht nur Strassenhandel betreiben. Sie verticken Drogen «oftmals über soziale Medien oder Messengerdienste wie Telegram».

Wie funktioniert Dealen via Messengerdienst?

Ähnlich wie eine Whatsapp-Chatgruppe. Man muss bloss wissen, wie die entsprechende Gruppe in der jeweiligen Stadt oder Region heisst. Die Dealer schreiben im Chat, was sie haben; die Käufer, was sie suchen. Man einigt sich über den Preis und trifft sich dann zur Übergabe kurz auf der Strasse, oder die Bestellung wird innerhalb der Schweiz per Post geliefert. Letztes Jahr ist in Luzern ein solcher Drogenring mit rund 50 Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 21 Jahren aufgeflogen. Die Teenager haben rezeptpflichtige Medikamente, Speed, Marihuana und Ecstasy im Darknet bestellt und die Drogen dann über den Messengerdienst Telegram weiterverkauft. Es waren keine Vollzeitdealer, sondern Gymnasiasten, Lehrlinge und Studenten, deren Drogenexperiment äusserst tragisch endete: Die meisten nahmen die Substanzen selbst, aus Spass am Wochenende, aber auch, um den permanenten Leistungsdruck zu bewältigen. Zwei von ihnen sind an einer Überdosis gestorben.

Bestellen also die meisten Jungen Drogen per Smartphone?

Nein, aber sie tun es immer öfter. Gemäss dem Global Drug Survey hat letztes Jahr ein Viertel der Befragten MDMA/Ecstasy, Cannabis oder LSD im Darknet bestellt, Tendenz steigend. Die meisten Partygänger kaufen ihre Drogen längst nicht mehr auf der Strasse von einem zwielichtigen Dealer, sondern bei einem Kollegen, der sie wiederum von einem «Kollegen» hat. «Über 80 Prozent der Leute, die zu uns kommen, besorgen sich die Substanzen über private Kontakte, nur etwa 10 Prozent direkt im Darknet», sagt Joël Bellmont vom Drogeninformationszentrum der Stadt Zürich, wo Konsumenten ihre Ware anonym testen lassen können.

Wie sehen Onlineshops für Drogen aus?

Tatsächlich sind die Marktplätze im Darknet von gängigen Onlineplattformen wie Amazon oder Ricardo kaum zu unterscheiden. Käufer können sich bequem vom Sofa aus durch eine breite Drogenpalette klicken, die Ware legen sie dann einfach in den digitalen Warenkorb. Wie bei Amazon verraten Kundenbewertungen, ob der Händler vertrauenswürdig ist. Ausserdem wird das Geld meist auf ein Sperrkonto überwiesen und erst bei Erhalt der Lieferung ausbezahlt. Viele Teenager haben schon mal im Darknet gesurft, aber am Schluss wahrscheinlich doch nichts gekauft. «Die Beschaffung von Drogen ist relativ komplex. Es braucht eine anonyme und verschlüsselte E-Mail-Adresse, man muss Bitcoins beschaffen und die Transaktion dann auch möglichst anonym abschliessen», so Bellmont. Wegen ein paar Pillen am Wochenende lohnt sich der Aufwand kaum.

Wie viele junge Erwachsene nehmen am Wochenende Drogen?

Das lässt sich nur schätzen, weil bei Drogen-Umfragen längst nicht alle mit der Wahrheit herausrücken. Offiziell ergab zum Beispiel eine Befragung von Partygängern in der Westschweiz, dass 23 Prozent von ihnen im letzten Monat Ecstasy-Pillen eingeworfen hatten. Gemäss dem Global Drug Survey machen über 40 Prozent ihre erste Ecstasy-Erfahrung noch vor dem 18. Lebensjahr.Fakt ist: Im Schnitt führt das Drogeninformationszentrum der Stadt Zürich jede Woche 45 Drogentests durch. Joël Bellmont schätzt, dass der Konsum vor allem am Wochenende relativ verbreitet ist. Das belegen übrigens auch Abwasserstudien: Ab Freitag steigen MDMA- und Kokaingehalt jeweils deutlich an.

Welche illegalen Drogen sind populär?

Nummer eins ist Cannabis, gefolgt von Kokain und der Partydroge MDMA/Ecstasy.

Wie gefährlich sind die derzeit erhältlichen Substanzen?

Sehr. Bei 82 Prozent der getesteten Pillen gibt das Drogeninformationszentrum der Stadt Zürich eine Gesundheitswarnung heraus. Der Grund: Ecstasy-Tabletten haben heute einen mehr als doppelt so hohen MDMA-Gehalt wie noch vor zehn Jahren. «Es besteht also die Gefahr einer Überdosierung», sagt Bellmont. Die Folgen können schwerwiegend sein: Kreislaufkollaps, Krampfanfälle, Panikattacken, Nieren- und Leberversagen. Zahlreiche Studien belegen zudem, dass regelmässiger und hoch dosierter MDMA-Konsum die Gehirnfunktionen beeinträchtigt. Bei einem Drittel der getesteten Ecstasy-Tabletten ist der MDMA-Gehalt sogar derart hoch, dass eine einzige Pille zu einer lebensgefährlichen Überdosierung führen kann.