Karriere eines Kusses

Markus Somm über Vergangenheitsbewältigung in den USA.

Markus Somm@sonntagszeitung

Es gibt ein Foto, das 1945, kurz nach der Kapitulation Japans, in New York entstanden ist: Es zeigt einen Matrosen auf dem Times Square, der aus lauter Freude über den Sieg der Alliierten eine ihm nicht bekannte junge Frau in den Arm nimmt und küsst. Mit sicherem Instinkt von Alfred Eisenstaedt, einem Meister der Fotografie, verewigt, ging das Bild um alle Welt, es wandelte sich zu einer Ikone, einem Heiligenbild, weil es so gut und so einfach ausdrückte, was wohl fast alle Menschen zu jenem Zeitpunkt fühlten.

Jahrzehnte später hat ein Künstler aus diesem Sujet eine Statue geformt, die in Sarasota, einer kleinen, schicken Stadt in Florida, steht. Vor kurzem haben Aktivisten die Statue mit einer Nachricht besprayt: #MeToo, um darauf hinzuweisen, dass die Krankenschwester dem Matrosen wohl keine Einwilligung erteilt hatte, bevor sie von ihm geküsst wurde. Zwar haben sich die beiden später wieder unter unverdächtigeren Bedingungen getroffen, ohne dass sie sich je Vorwürfe machten, und insbesondere die Krankenschwester, Greta Friedman, betonte in Interviews, dass sie den Kuss nie als sexuellen Übergriff empfunden habe, ­sondern als Ausdruck der Erleichterung eines Mannes, der noch vor wenigen Tagen damit gerechnet hatte, bald an der Invasion Japans teilzunehmen und vielleicht zu sterben – doch in Zeiten der politischen Korrektheit reicht das nicht.

Opfer haben in diesem Fall nicht immer recht, selbst wenn sie sich nicht als Opfer betrachten. Als Helen Rosenthal, eine Politikerin in New York, von der Attacke auf die Statue in Florida hörte, drückte sie sogleich ihre Befriedigung ­darüber aus, dass endlich jemand klargestellt hat, dass es nicht angehe, eine wildfremde Frau anzufallen. Rosenthal befindet sich im Wahlkampf um ein Amt in ihrer Stadt.

Wenn man sich fragt, in welchen Schurkenstaat man da geraten ist, dann kann etwas nicht stimmen.

Der Vorfall ist bizarr – und doch bezeichnend für ein Land, das, anders als wir in Europa glauben, sich einer verbissenen, oft kleinkarierten Vergangenheitsbewältigung unterzogen hat, als handelte es sich bei den USA um eines der übelsten Gebilde der Weltgeschichte. Drittes Reich? Das können wir auch. Wenn in der Schule, die unser Sohn hier besucht, der Zweite Weltkrieg auf dem Lehrplan steht, dann erfährt er wenig über die Leistungen der Amerikaner, sondern er hat sich vorwiegend mit deren Fehlern zu befassen: So lernt er, dass man Amerikaner japanischer Herkunft in Lagern interniert hat oder dass es Schwarzen fast unmöglich war, sich als Piloten am Krieg zu beteiligen – Ungerechtigkeiten gewiss. Dass die USA aber zur gleichen Zeit, so nebenbei, möchte man sagen, auch zwei verbrecherische Diktaturen besiegt und beseitigt haben, diese Tatsache ist kaum ein Thema für die Lehrer dieser Schule, die sonst als eher konservativ gilt.

Ohne Frage weist Amerika wie jedes Land dunkle Seiten auf, ob in der Gegenwart oder in der Vergangenheit. Das Justizsystem wirkt ab und zu mittelalterlich, Armut scheint die Amerikaner wenig zu kümmern, die Klassengesellschaft nimmt überhand. Historisch schwer wiegen ­Vertreibung und Tod der Indianer, nicht zu reden von der Sklaverei, einer grausamen Einrichtung, deren Hinterlassenschaft dem Land keine Ruhe lässt. Das eine soll man ­bekämpfen, das andere kritisch aufarbeiten, dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn aber am Ende die Bilanz so einseitig ausfällt, dass man sich fragt, in welchen Schurkenstaat man da geraten ist, dann kann etwas nicht stimmen. Warum sonst sind in den vergangenen zwei Jahrhunderten Millionen von Menschen hierher geflohen? So schrecklich kann Amerika nicht gewesen sein. Wer kann, kommt noch heute – und bleibt.

Wahrscheinlich ist das allen bewusst – auch jenen gebildeten, in behaglichen Verhältnissen lebenden Amerikanern, die wir hier in Harvard so zahlreich antreffen, kluge, freundliche Menschen, wo diese Selbstkritik grassiert. Oft grenzt sie an Selbsthass. Man kann sich in diesen Kreisen nicht kritisch genug über das eigene Land äussern. Rassismus, Kapitalismus, Trump. Es ist ein Wettbewerb der ­Tugendstolzen ausgebrochen. Doch ist es Selbsthass? Bei näherem Hinsehen trifft die Kritik immer die andern: die Rassisten im Mittleren Westen, die den Teufel gewählt ­haben, oder die Vorfahren, die angeblich versagt haben. Vielleicht lenkt eine Generation, der es nur gut gegangen ist, davon ab, dass sie dafür nicht allzu viel getan hat.

George Mendonsa, so hiess der Matrose, ist letzte ­Woche im Alter von 95 gestorben. Greta Friedman starb 2016, sie war 92. Sie war 1939 als Jüdin aus Österreich geflohen. Den Kuss bedauerte sie nie.

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