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Lärmstreit in Familiensiedlung«Kindern das Lärmen verbieten: Wie krank ist denn das?»

Kindergeschrei treibt viele Nachbarn in den Wahnsinn. Verwaltungen versuchen sie durch Regelungen ruhigzustellen. Völlig falsch, sagt eine Logopädin.

Bitte schreien: Kinder lernen dadurch, ihre Stimme und damit ihre Persönlichkeit zu entwickeln.
Bitte schreien: Kinder lernen dadurch, ihre Stimme und damit ihre Persönlichkeit zu entwickeln.
Foto: Getty Images

Eine Familiensiedlung im aargauischen Buchs ist in Aufruhr – wegen Kindern, die mit ihrem Gebrüll und Geschrei «das verträgliche Mass zu überschreiten scheinen». So stand es im Schreiben «Reklamation Extrem-Lärm», das die Liegenschaftsbesitzerin, die Migros-Pensionskasse Mitte Juli an ihre Mieterschaft verschickte; mehrere Bewohner hätten sich beschwert.

Zwischen 12 und 13 Uhr und ab 19 Uhr gelte es übermässigen Lärm zu vermeiden. Und damit sich auch ja alle daran halten, sorgt nun ein Ordnungsdienst für Ruhe in der Überbauung.

«Das Geschrei und Gebrüll macht regelrecht Angst.»

Kommentarschreiber

Der entsprechende Artikel in dieser Zeitung sorgt für einigen Diskussionsstoff. Viele Leserinnen und Leser berichten von ähnlichen Erlebnissen. «Unsere Wohnqualität wird komplett ruiniert, wir müssen frühabends flüchten, wenn wir etwas Erholung und Ruhe brauchen», schreibt einer. Andere zeigen für das Verhalten der Verwaltung vollstes Verständnis: «Entschuldigung, was ist falsch daran, sinnloses Gebrüll und Gekreisch einzudämmen? In meiner Siedlung denke ich manchmal, es werde jemand umgebracht, so bestialisch wird von Kindern und Halbwüchsigen geschrien. Es macht regelrecht Angst», berichtet ein Leser.

Andere finden die Aktion mit dem Sicherheitsdienst völlig übertrieben: «Im heissen Sommer mit Tageslicht bis gegen 22 Uhr den Kindern ab 19 Uhr das Lärmen verbieten: Wie krank ist denn das?» Vor allem in der Corona-Ausnahmesituation solle man doch bitte ein bisschen mehr Verständnis zu zeigen.

Mehr Geschrei, aber auch mehr, die es hören

Aber genau diese Ausnahmesituation ist ein Teufelskreis: Mehr Familien als sonst verbringen ihre Sommerferien gezwungenermassen daheim. Gleichzeitig gibt es potenziell mehr Personen, die sich an lauten Kindern stören könnten – weil sie coronabedingt im Homeoffice sind statt im Büro und das Geschrei so ganztags mitbekommen statt nur wie üblich an Feierabend. Die Nerven liegen blank. Lange bevor um 22 Uhr die Nachtruhe beginnt.

Viele Kommentarschreibende sind sich einig, wer die Hauptschuld am Lärm trägt: die Eltern. «Heute ist es oft so, dass Eltern ihren Kindern keine Schranken mehr setzten und so das Herumtollen zeitweise massiv über das Normale hinausgeht», findet ein Leser. Heute werde keine Rücksicht genommen. «Und das hat nichts mit der Corona-Krise zu tun, das ist schon länger so.»

«Kinderlärm in Wohnzonen ist grundsätzlich zu dulden.»

Grundsatz, an den sich das Bundesgericht hält

Juristisch gesehen haben Eltern mit lauten Kindern wenig zu befürchten. Das Gesetz hält zwar fest, dass jeder verpflichtet ist, den Nachbarn nicht übermässig zu stören. Verboten sind unter anderem unzumutbare Geräusche – umgekehrt muss jeder ein gewisses Mass davon erdulden. Das Tückische daran: Lärm ist relativ und vor allem subjektiv. Was ist noch zumutbar und was übermässig? Das Bundesgericht hält sich in seinen Urteilen an folgenden Grundsatz: «Wohnzonen sind offensichtlich auch für den Aufenthalt von Kindern bestimmt, womit Kinderlärm grundsätzlich zu dulden ist.»

Schreien ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung

Die Frage ist nur: Müssen Kinder so laut schreien? «Irgendwie schon», sagt die Logopädin Dietlinde Schrey-Dern. «Für die Entwicklung der Stimme ist das ganz wichtig.» Kinder müssten ihre Stimmbänder wie einen Muskel trainieren, dazu gehöre auch, unterschiedliche Lautstärken zu produzieren. «Und das geht nun mal am besten mit Singen, lautem Rufen oder zuweilen auch mit Schreien und Brüllen.»

Genauso wichtig für die Entwicklung und Sozialisierung sei das Spiel, und dabei brauchten Kinder ihre Stimme, um sich beispielsweise in einer Gruppe zu behaupten. «Die Stimme ist Ausdruck der Persönlichkeit und Befindlichkeit», sagt Dietlinde Schrey-Dern. «Bei gewissen Spielen gehört es dazu, zu rufen oder zu schreien. Erwachsene Männer brüllen ja auch auf dem Fussballplatz.» Das sei eine völlig spontane Reaktion, im Spiel mitzugehen und seinen Emotionen freien Lauf zu lassen.

«Erwachsene Männer brüllen ja auch auf dem Fussballplatz.»

Dietlinde Schrey-Dern, Logopädin

Der einzige Unterschied: Kinder im Entwicklungsalter könnten sich dabei noch kaum bis gar nicht kontrollieren. Aber geht es denn wirklich nicht auch ein wenig leiser? «Selbstverständlich kann man ihnen beibringen, in bestimmten Situationen Rücksicht zu nehmen, und das können sie auch verstehen», betont die Logopädin. Von Kindern jedoch zu verlangen, grundsätzlich still zu sein, sei falsch. «Wer permanent ruhig sein muss, neigt dazu, sich zurückzuziehen. Ich würde Eltern auf jeden Fall davon abraten, ihren Kindern das Schreien grundsätzlich zu verbieten.»