Am Hotspot der Literatur

Nie war es wohl heisser zu Festivalzeiten in Leukerbad. Qualität und Stimmung tat das aber keinen Abbruch.

Will der Herr Dichter ein Tänzchen wagen? Ales Steger und der Akkordeonist Jure Tori im musikalischen Dialog. Foto: Hartwig Klappert

Will der Herr Dichter ein Tänzchen wagen? Ales Steger und der Akkordeonist Jure Tori im musikalischen Dialog. Foto: Hartwig Klappert

Martin Ebel@tagesanzeiger

Leukerbad 2019 – das war, nach subjektiver Auswahl, nach subjektivem Eindruck des Besuchers, das Festival der Frauen, der oft jungen, streitbaren Frauen aus aller Welt. Aber es war ein «alter weisser Mann», der das treffende Label für die 24. Ausgabe erfand. «Wir sind hier am Hotspot der Literatur», meinte Adolf Muschg, als er spätabends in der Alpentherme zur Lesung antrat. Tatsächlich meinte man immer noch im Dampf des in der Nacht abgelassenen Quellwassers zu sitzen. Leukerbad liegt 1400 Meter über Meer, aber die Frühsommerhitze kroch auch hier an jeden Leseort.

Hans Ruprecht und Anna Kulp hatten wieder ein exquisites Programm zusammengestellt, das Bekanntes und Unbekanntes, Naheliegendes und Exotisches gekonnt mischte und überraschende Begegnungen ermöglichte, bei Lesungen und Diskussionen, auf dem Dorfplatz oder im Wasser.

Gleich vier Büchnerpreisträger waren vor Ort (neben Muschg noch Durs Grünbein, Terézia Mora und Jan Wagner), dazu die Friedenspreisträger Aleida und Jan Assmann – in Leukerbad pflegt man auch Essay und Debatte, man hütet und hegt die Lyrik, und man stellt auch die Übersetzung ins rechte Licht.

Die «Kultur» des Machismo

(Fast) gleichberechtigt ausgezeichnet für Originaltext und deutsche Version vom Haus der Kulturen der Welt wurden gerade eben die Mexikanerin Fernanda Melchor und ihre Übersetzerin Angelica Ammar. Beide stellten «Saison der Wirbelstürme» vor, den grandiosen Roman über die allgegenwärtige Gewalt in einem namenlosen Dorf im Bundesstaat Veracruz. Diese Gewalt drückt sich in der «Kultur» des Machismo aus, der Frauen wie Männer in Rollen zwängt und deformiert.

Gar nicht so anders klang das, was Nora Amin aus Ägypten erzählte; die Dramatikerin und Performerin berichtete von der «Normalität» der häuslichen Gewalt und empfand ihren Bericht über die Gruppenvergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz – trotz der gewählten Distanzsprache Englisch – so intensiv, dass sie in Tränen ausbrach. Selbst Mariam Al-Saedi aus Abu Dhabi, das durch seinen Ölreichtum zu den entwickeltsten arabischen Ländern gehört, trug eine Geschichte voller Verbote vor: Die Studentin darf nicht ins Ausland, das kleine Mädchen nicht zum Malkurs. Denn: Ist Malen nicht Sünde?

Aufarbeitung der Vergangenheit

Die Schweiz quillt geradezu über vor Literaturfestivals, von Basel bis Zürich, Bern bis Solothurn und noch in kleinsten Städten wird vorgelesen, was das Zeug hält. Aber nirgendwo hört man auf engstem Raum so viele faszinierende Stimmen aus aller Welt wie in Leukerbad. Francesca Melandri aus Italien, Maria Stepanova aus Russland, die über den Kurs ihres Landes ganz deprimierte Lavinia Greenlaw aus England. Weiter Elisa Shua Dusapin, die Franko-Koreanerin aus der Schweiz, und Geraldine Schwarz, die Deutsch-Französin, die anhand ihrer Familiengeschichte erzählt, wie die Verdrängung der Vergangenheit allmählich der kritischen Aufarbeitung Platz macht.

Damit sind noch nicht alle genannt, und die Männer kommen diesmal ohnehin zu kurz. Nur der Slowene Ales Steger muss erwähnt werden: Sein poetisch-musikalischer Dialog mit dem Akkordeonisten Jure Tori war ein Höhepunkt am Hotspot.

Unter all den Festivals ist und bleibt Leukerbad einzigartig. Einziger Einwand: Die Lese- und Gesprächsstrecken sind oft zu kurz, streifen und ritzen die Themen bloss. Aber für die Vertiefung ist ja dann die Festivalbuchhandlung da. Auch die war zu allen Zeiten gut besucht.

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