Gender and the City

Wie soll eine Stadt sein, damit sich Frauen sicher fühlen? Und wie weiblich plant und baut man in Schweizer Städten? Auf Spurensuche.

Gendergerechte Stadtplanung ist auch in der Schweiz ein Thema. Unter anderem wird bewusst auf Frauen in Schlüsselpositionen bei der Entwicklung und Umsetzung von Projekten gesetzt. Bild: Pexels

Gendergerechte Stadtplanung ist auch in der Schweiz ein Thema. Unter anderem wird bewusst auf Frauen in Schlüsselpositionen bei der Entwicklung und Umsetzung von Projekten gesetzt. Bild: Pexels

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Frauen sollen sich im öffentlichen Raum sicher fühlen. Nicht aber, weil sie von Polizisten beschützt oder weil Männer, die ihnen vulgäre Sachen nachrufen, bestraft werden – Letzteres ist nun in Frankreich der Fall. Journalistin Karin Janker forderte in ihrem Kommentar auf Bernerzeitung.ch/Newsnet, dass es mehr Frauen geben soll, die den öffentlichen Raum – ihren Lebensraum – gestalten, nach ihren Bedürfnissen. Sie fordert Städte von Frauen für Frauen. Bisher sei das nicht der Fall, «Städte sind noch immer von Männern für Männer gebaut.»

In Bern würde man sich wohl gegen diese Behauptung wehren. Das Stadtplanungsamt ist zu 56 Prozent weiblich, die Geschäftsleitung zur Hälfte. Das Denken sei heute ganz klar nicht mehr männlich dominiert, wenn es darum geht, in der Stadt zu planen und zu bauen, schreibt der Berner Stadtplaner Mark Werren auf Anfrage. In Beurteilungsgremien, Kommissionen und Projektorganisationen würde seine Stadt ganz bewusst Frauen einsetzen.

In Zürich bietet sich ein ähnliches Bild. Der Frauenanteil in der Stadtplanung und Stadtentwicklung liegt bei 50 Prozent oder mehr. Die Führungsebene der beiden Bereiche liegt sogar in Frauenhand: Das Amt für Städtebau, die Liegenschaftenverwaltung, das Amt für Hochbauten, die Immobilienabteilung und die Stadtentwicklung, Grün Stadt Zürich – allesamt von Frauen geführt, schreibt Anna Schindler, Direktorin der Stadtentwicklung.

In Basel steht die Abteilung Stadtgestaltung des Planungsamtes bereits seit 25 Jahren unter der Leitung von Frauen, schreibt Lukas Ott, Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung. So sei auch der Blick auf Sicherheitsthemen im öffentlichen Raum entsprechend lange von einer «weiblichen» Perspektive mitgeprägt.

Es werde Licht

Das Bewusstsein für die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum sei auch bei Zürichs Planerinnen und Planern gross. Entsprechend würden sich die Leute in der Stadt sicher fühlen, so Schindler. In der letzten grossen Bevölkerungsumfrage von 2015 gaben in Zürich 90 Prozent der Befragten an, sich sicher zu fühlen, wenn sie nachts alleine im Quartier unterwegs sind. In Bern waren es im selben Jahr 80 Prozent, die sich ziemlich bis sehr sicher fühlten. Die Statistiken beziehen sich jedoch auf Männer und Frauen gemeinsam. Nicht so in Basel. Dort wurden geschlechterspezifische Fragestellungen bereits vor 20 Jahren in einer Studie zu mehr Sicherheit im öffentlichen Raum aufgegriffen und entsprechende Massnahmen empfohlen.

In St. Gallen hat die Frauengruppe «Frauen-Stadt-Wohnen» ebenfalls bereits in den 90er-Jahren zusammen mit der Stadtplanung eine Studie zum Thema der geschlechterspezifischen Sicherheitsbedürfnisse erarbeitet. Die Studie diente später als Grundlage, die identifizierten «Un-Orte» sicherer zu gestalten.

Heute sind solche Massnahmen in allen vier Städten angekommen. Spezielle bauliche Massnahmen sorgen für die Sicherheit aller, aber auch spezifisch jener von Frauen. Orientierung im Raum, Übersicht und Licht – gerade bei Brücken, Unterführungen, Liftanlagen –, und soziale Sicherheit durch Dichte und Aneignung gelten in Bern als Standardkriterien, um die Sicherheit im öffentlichen Raum zu erhöhen. In Zürich werden Wege entsprechend geführt und öffentliche Orte so ausgeleuchtet, dass keine unübersichtliche Situationen entstehen – etwa bei Gebäudeeingängen oder Bahnhofsarealen. In St. Gallen zählt Raumplanerin Brigitte Traber Treppenhäuser und Tiefgaragen auf, die mit Tageslicht ausgeleuchtet und mit Kontaktmöglichkeiten nach aussen versehen werden.

Auch öffentliche Grünflächen sind Orte, deren Sicherheit stark von der Gestaltung abhängt. Bis 2006 wurde beispielsweise die Parkanlage «Claramatte» in Basel vor allem zu späten Stunden gemieden – zu viele dunkle Ecken, zu einseitig der Zugang, Drogenprostitution. Seit dem Umbau ist das anders. Die Claramatte ist heute hell, übersichtlich, nachts besser ausgeleuchtet, gut zugänglich und dank des Kinderspielplatzes attraktiv für Familien. Resultat: Mehr Frauen und Kinder im Park. Nutzmischung sei eines der Instrumente, um mehr Kontrolle im sozialen Raum zu erreichen, so Ott.

In Basel wurde zudem gerade bei der Neugestaltung von Unterführungen darauf geachtet, dass die Aufenthaltsqualität, aber auch die Sicherheit gesteigert werden kann. Unter der Mittleren Rheinbrücke geht man seit 2004 unter grell türkisem Licht hindurch, dass sich teilweise über die gesamte Breite der Decke zieht. Die ehemals düstere Umgebung des Heuwaage-Kiosks, um und über den mehrere grosse Verkehrsachsen führen, ist heute bekannt als «Bunterführung» – Farben und Freundlichkeit zieren die Betonkonstruktionen.

Doch sei es nicht zuletzt auch eine Kostenfrage, wie gut die angedachten Massnahmen umgesetzt werden können, so Werren, zum Beispiel wenn es in Bern darum gehe, eine Unterführung von fünf oder neun Metern Breite zu finanzieren. Je nach Objekt setzen damit Politik und Infrastrukturunternehmen die Raumqualität fest.

Keine Extrawurst

Wichtig sei dabei, die Frage nach der Sicherheit immer wieder zu stellen, findet Werren. Männer und Frauen müssten dabei immer wieder aufeinander eingehen und gemeinsam entscheiden. In Bern und auch in Basel wird Anliegen von Männern und Frauen der gleiche Stellenwert beigemessen wie jenen anderer Bevölkerungsgruppen. Berücksichtigt würden unter anderem genauso Alter, kultureller Hintergrund, Einkommen und körperliche Beeinträchtigungen. Es gehe darum, für die ganze Bevölkerung zu planen und zu bauen, im Sinne einer gesteigerten Lebensqualität, so Ott.

Ähnlich sieht das Schindler. Dass bei der Stadtentwicklung auf sozial sensible Gebiete geachtet würde, möchte sie nicht als «weibliches Anliegen» bezeichnen, sondern eher als etwas, das selbstverständlich Eingang in die Planung findet. Dabei werde gute Architektur sowohl von Frauen als auch Männern gebaut.

«Als ich vor 30 Jahren an der ETH studierte, wurde sehr oft gefragt, ob Kolleginnen anders entwerfen und wenn ja, wie», erinnert sich Werren. Bis heute habe ihm niemand eine plausible Antwort geben können. «Das Thema ist alt.»

Hell, übersichtlich, freundliche Farben, einfache Orientierung, gut zugänglich, sozial durchmischt – sicher. So baut man in der Schweiz für Frauen. Aber eigentlich auch immer für alle. Gendergerechtes Bauen in der Stadt – hört sich neuer an, als es ist. Und angesichts der hohen Frauenquoten in Stadtplanung und -entwicklung dieser vier Schweizer Städte scheint Karin Jankers Forderung nicht mehr ganz so dramatisch. Denn hier planen und bauen auch Frauen für Frauen. Laut Traber aus St. Gallen zeige zudem der Blick in Ausbildungsinstitute, dass der Frauenanteil in Zukunft wohl noch steigen wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2018, 17:43 Uhr

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