«Ich wurde aus dem Tod zurückgeholt»

In «Heimkehr» verarbeitet Thomas Hürlimann sein Lazarus-Erlebnis. Wie das Leben als «Krüppel» den Zuger Schriftsteller verändert hat.

«Der Roman ist das, was ich vor acht Jahren nicht schreiben konnte»: Thomas Hürlimann über sein Buch. Foto: Felix Brüggemann

«Der Roman ist das, was ich vor acht Jahren nicht schreiben konnte»: Thomas Hürlimann über sein Buch. Foto: Felix Brüggemann

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Aufgeräumt ist er, geradezu aufgekratzt. Dabei hätte er Grund genug zum ­Klagen. Dem Tod ist er gerade noch von der Schippe gesprungen, nach einer Prostataoperation und schweren Herz­problemen – «von einer Intensivstation auf die nächste». Daran schloss sich eine elend lange Rekonvaleszenz an mit ständigen Rückfällen, bis jetzt. Am ­Morgen unseres Treffens hat er die für den Herbst geplante Lesereise ­absagen müssen.

Auch dieses Treffen musste immer wieder verschoben werden: Erst sollte es Berlin sein, dann eine Reha in Güstrow, dann Walchwil, wo er herkommt. Aus dem geplanten Spaziergang dort wird aber auch nichts. Schliesslich ­stehen wir uns in Bottmingen gegenüber, im Wohnhaus von Schwester und Schwager. An der Wand eine wohl­sortierte Bibliothek, nicht nur Schweizer Autoren, draussen ein Garten, umrahmt von altem Baumbestand. Hürlimann steht das lange Gespräch durch, im Wortsinne: Er kann derzeit besser stehen als sitzen; das hat Gründe im urologischen Bereich.

Und sofort sind wir beim «Lazarus-Erlebnis». Aus dem Tod zurückgeholt worden war er, wie die Gestalt im Neuen Testament, aber nicht von Jesus aus einer nahöstlichen Grabhöhle, sondern von Spezialisten im Unispital Zürich. «Danach ist man derselbe, aber verwandelt, und die Welt ist eine andere.»

Der Roman war vor der Krebsdiagnose so gut wie fertig

Ein Schlüsselsatz, den er mehrfach wiederholt; ein schwer zu vermittelnder Komplex. Er prägt auch den Roman, der kommende Woche erscheint, der erste seit zwölf Jahren. Dass es zwölf Jahre gedauert hat, ist der schweren Krankheit geschuldet, mehr aber noch dem Lazarus-Erlebnis. «Der Roman war vor der Krebsdiagnose so gut wie fertig, bis auf zwei Kapitel, eins hatte ich schon angefangen. Es endete abrupt mit der Handynummer meines Arztes, der um einen dringenden Rückruf bat. Die Nummer hatte ich im Manuskript notiert.» Das war 2014. Der Versuch, das Kapitel, als er wieder schreiben konnte, einfach fortzusetzen, misslang. Er merkte: Es geht nicht. «Ich kann nicht ein Buch, an das ich nicht mehr glaube, rausgeben.»

In Sizilien hielt man ihn für einen «gefährlichen Mann, der einen Messerangriff von vorne nimmt».

Warum? In der ersten Fassung war der Roman eine Abenteuergeschichte von gepflegtem Realismus und «etwas brav», beruhend auf einem Autounfall, den er selbst 1998 erlebt hatte, und einem folgenden Sizilienaufenthalt mit seinem damaligen Verleger, dem im ­vergangenen Jahr verstorbenen Egon Ammann. Hürlimann war durch eine Narbe an der Stirn auffällig entstellt, in Sizilien hielt man ihn für einen «gefährlichen Mann, der einen Messerangriff von vorne nimmt», und hofierte ihn entsprechend.

«Ich dachte, die Wirklichkeit ­übertreibt irgendwie»

Die neue Fassung – Hürlimann hat den gesamten Roman noch einmal geschrieben, Seite für Seite – zieht dem munteren Stoff eine metaphysische Ebene ein. Auch Heinrich Übel, der Held von «Heimkehr», hat einen Autounfall überlebt, aber er zweifelt zunehmend, ob das wirklich der Fall ist, ob er sich nicht in einer anderen Welt befindet.

So erging es dem Autor, als er, frisch aus dem Spital entlassen, zu einer ihm vertrauten Zürcher Tramhaltestelle ging, die er nicht mehr wiedererkannte. An der standen junge Leute mit ­Handys, die – so erschien es ihm – eine Anti-Hürlimann-Demonstration anführten. Später in Berlin konnte er die Karl-Marx-Allee nicht überqueren: «Die Autos waren schneller als schnell. Ich dachte, die Wirklichkeit übertreibt irgendwie.»

Gut, solche Erlebnisse verfliegen wieder, auch der schreckliche Lärm, mit dem ihn die Welt plötzlich beschallte, gibt sich. Was aber bleibt: die Selbstwahrnehmung als Beschädigter, als «Krüppel». Die Sicht auf die Lebens­partnerin, die in Pflege und Betreuung eingebunden ist, verändert sich ebenfalls: von der Geliebten «zu einer Art Mutter: Um das auszuhalten, mussten wir ein Rollenspiel erfinden, mit Schwesterntracht und Häubchen: Sie war die Oberschwester Marta Boll aus Dürrenmatts ‹Physikern›, ich war Herr Lehmann, ein Stinkstiefel sonder­gleichen.»

Ein heimatloser Konservativer: So sieht er sich

Auch Angenehmes wirkte intensiver: das erste Mal auf dem Balkon des Krankenzimmers richtige, nicht klimatisierte Luft einatmen, der Blick auf Zürich im Abendsonnenschein: «Ich habe geweint, so schön war das.»

All das lässt eine fast fertig erzählte Geschichte nicht unberührt. Hürlimann hat sie angereichert durch Kierkegaard- und Nietzsche-Lektüre, greift auf vormoderne Vorstellungen von einer nicht linear fortschreitenden, einer zyklischen Zeit zurück, wie wir sie von Naturvorgängen kennen. Der Roman selbst setzt den Helden unter Wiederholungszwang, eine Erfahrung wie im Albtraum. Der Held und der Roman sind, wie der Autor, «derselbe, aber verwandelt».

Den Verlag stellte dieses «Rewriting» vor eine harte Geduldsprobe. Hürlimann aber ist zufrieden, er geht fast so weit, ein beherztes «Gut so!» unter das Lazarus-Erlebnis zu setzen: «Der Roman ist das, was ich vor acht Jahren nicht schreiben konnte.» Wie auch immer: In wenigen Tagen kommt «Heimkehr» in die Buchhandlungen.

Heimkehr – dieser Titel führt uns im Gespräch dann weg von der Literatur. Wo ist Thomas Hürlimann heute daheim, in Walchwil im Kanton Zug, wo er aufgewachsen ist, oder in Berlin, wo er seit Jahrzehnten, auch mit Unterbrüchen, lebt? Die Antwort: Er hat zwei Heimaten. Die Landschaft in der Schweiz – die Menschen in Berlin.

«Die Menschen mögen die AfD nicht, aber viele in meinem Umfeld sagen: Es gibt keine andere Möglichkeit mehr.»Thomas Hürlimann

Und politisch, wo ist er da heute beheimatet? «Heimatloser Konservativer», das von Ulrich Greiner geprägte Etikett gefällt ihm gut. Oder: Wehmuts-Konservativer. «Schriftsteller schauen auf das, was im Entschwinden ist.»

Politisches macht er am liebsten im Kleinen fest, vor Ort, wo es anschaulich wird und sich dennoch Grundsätzliches zeigt. So in Walchwil, wo die Beizen sterben und sich viele Leute das Wohnen nicht mehr leisten können. Wo die Gemeinde ein neues Schulhaus baut, aber die reichen Eltern ihre Kinder lieber auf die International School schicken und dafür eine Zufahrtsstrasse fordern.

In seinem Berliner Viertel Friedrichshain, wo man das Bezirksamt, aber auch das Krankenhaus kaum mehr nutzen kann, weil sich dort ausländische Patienten oder Antragsteller ballen. «Da entdecken Sie den Rassisten in sich», sagt Hürlimann selbstkritisch, erschrocken und erhellend: Kleine Erlebnisse führen zu grossen politischen Verschiebungen. «Die Menschen mögen die AfD nicht, aber viele in meinem Umfeld sagen: Es gibt keine andere Möglichkeit mehr.» CDU und SPD seien, wenigstens in Friedrichshain, dabei, sich zu verabschieden. Ein Szenario wie in Italien könnte bevorstehen, wo die politische Mitte schon pulverisiert ist.

Der Fundamentalismus ist das Problem

Für Hürlimann sind nicht die Ausländer das Problem und nicht ihre hohe Zahl. Es ist der Fundamentalismus, der türkische wie der darauf reagierende deutsche. Wieder eine Beobachtung vor Ort: Sein türkischer Arzt hat seine Kinder nach Istanbul geschickt, weil ihm Kreuzberg zu fundamentalistisch sei. Die Arzthelferinnen tragen jetzt alle Schleier. Deutsche Patienten hat dieser Arzt nicht mehr.

Der Hang zur Ideologie, die Sehnsucht nach geschlossenen Systemen: Das unterscheidet für Hürlimann seine Menschenheimat Berlin von der Naturheimat Schweiz. Hürlimann wäre aber nicht Hürlimann, wenn er dem Hang zur Ideologie nicht auch etwas Komisches abgewinnen könnte. So fällt ihm bei seiner Freundin Katja immer wieder deren DDR-Sozialisation auf, und daraus hat er im Roman die Sprache der schönen «Funkwerkerin» Mo Montag destilliert: ein köstlich-absurdes sozialistisches Phrasendreschwerk.

Wenn man leise Zweifel äussert, so spreche doch kein Mensch, so präsentiert Hürlimann sofort die Erinnerung an einen Abend, den er mit ehemaligen NVA-Offizieren verbrachte, die natürlich innerlich noch in der DDR lebten und entsprechend sprachen. Es wurde gesoffen, von grossen Zeiten geschwärmt und, als ein «Genosse General» sich telefonisch meldete, strammgestanden.

Manchmal ist es dem Autor, als zöge er die Komik auch im Leben an. Selbst im Zusammenhang mit der elenden Körperlichkeit. So glaubte in Berlin in der Notaufnahme eine türkische Krankenschwester angesichts seines Namens («hür» heisst Freiheit), einen Landsmann vor sich zu haben, und setzte alles daran, einen Türkisch sprechenden Arzt aufzutreiben. So komisch «Heimkehr» ist – die Heimkehr ins Leben setzt manchmal noch einen drauf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2018, 18:40 Uhr

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