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Als die Hemmungen fielen

Heute sind es die Überreste der Mauer, die Kultur oder die billigen Preise, die uns an Berlin reizen. In den Zwanzigerjahren waren es ganz andere Dinge, wie ein neuer Bildband zeigt.

Ob diese Damen bloss nach dem Weg fragen oder doch eher antworten auf die Frage nach dem Preis?
Ob diese Damen bloss nach dem Weg fragen oder doch eher antworten auf die Frage nach dem Preis?
Index Verlag
Homosexuell – was sonst? Junge Berliner in den Zwanzigerjahren.
Homosexuell – was sonst? Junge Berliner in den Zwanzigerjahren.
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Eine Federboa und eine Zigarette – viel mehr war in den Zwanzigerjahren manchmal gar nicht nötig.
Eine Federboa und eine Zigarette – viel mehr war in den Zwanzigerjahren manchmal gar nicht nötig.
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Kaum jemand hat sie wohl selber noch erlebt, die Zwanzigerjahre in Berlin, die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Zu lange ist es her, um sich noch daran zu erinnern. Würde jemand von diesen Zeiten erzählen, würden wir grosse Augen machen, uns wundern und fragen, ob dieser jemand wohl noch ganz bei Sinnen ist. Zu unglaubwürdig würde es klingen, wenn sie von Prostituierten in Pelzmänteln erzählten, von nackten Tänzerinnen, von Strichern und Transsexuellen, von Fetisch, Drogen und Okkultismus.

«Jetzt haben wir prima Perversitäten!»

Aber genau so muss es tatsächlich gewesen sein. Der Bildband «Sündiges Berlin: Die Zwanzigerjahre: Sex, Rausch, Untergang» jedenfalls lässt keinen Zweifel offen und reist mit uns in die verruchte Vergangenheit der Hauptstadt, in der nach dem Ersten Weltkrieg die Hemmungen fielen und die Moral zusammenbrach. Der Harvard-Dozent Mel Gordon hält uns auf über 250 Seiten Fotos, Zeichnungen und Grafiken vor Augen, die allesamt das sündige Berliner Nachtleben bezeugen. Billig wirkt das jedoch nie. Dazu erzählt er unglaubliche Anekdoten und zeigt historische Dokumente. Für einmal würden wir wohl nicken, wenn uns eine Berliner Ur-Oma versichern würde, dass früher alles besser gewesen sei.

Mel Gordons Bildband ist 2006 bereits auf Englisch erschienen und nun auch auf Deutsch erhältlich. Die Leichtigkeit, mit der die Berliner damals mit Prostitution, S&M und anderen sexuellen Ausschweifungen umgingen, erstaunt. «Das Berliner Nachtleben, Junge, Junge, so was hat die Welt noch nicht gesehen! Früher mal hatten wir eine prima Armee; jetzt haben wir prima Perversitäten!», hat seinerzeit auch Klaus Mann in «Der Wendepunkt» geschwärmt. Ganz verschwunden ist dieses Berliner Nachtleben von damals jedoch noch nicht, das Musiker, Filme- und Modemacher bis heute inspiriert. Gut, gehört zum Bildband ein Reiseführer mitsamt originalen Musikaufnahmen, mit dem Mel Gordon die Leser zu den sündigen Lokalen bringt.

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