Auf der falschen Seite der Geschichte

«Harkis» nannte man die Algerier, die mit den französischen Kolonialherren zusammenarbeiteten. Alice Zeniter verleiht ihnen in ihrem spannenden Roman eine Stimme.

Angehörige der französischen Armee und «Harkis» 1955 bei einer Operation im Aurès-Gebirge im Nordosten Algeriens. Foto: Michel Desjardins (Getty Images)

Angehörige der französischen Armee und «Harkis» 1955 bei einer Operation im Aurès-Gebirge im Nordosten Algeriens. Foto: Michel Desjardins (Getty Images)

Die Literatur der Entkolonialisierung ist voller Opfer und Helden. Zwischenstufen, Selbstzweifel und existenzieller Erinnerungsschwund sind eher selten. Sind Ali, sein Sohn Hamid, dessen Tochter Naïma, die ­Hauptfiguren des Romans von Alice Zeniter, Opfer des algerischen Freiheitskriegs? Der Begriff wäre unzutreffend.

Ali gehörte zu jener Kategorie Algerier, die den Franzosen ­nähergestanden haben als den alge­rischen Freiheitskämpfern. Zu ­jenen, die nach dem Unabhängigkeitsabkommen 1962 als Kollaborateure galten, das Land verlassen und sich in Frankreich ­ansiedeln mussten, wo man sie in tristen Sozialwohnheimen ein geschichtsloses Schattendasein führen liess. «Harkis» lautet die Verlegenheitsbezeichnung für diese Menschen, die auf der falschen Seite der Geschichte gelandet sind. Und dieses Buch ist der erste grosse Roman, der ihnen eine Stimme verleiht.

Eine Art Phantomschmerz

Die totgeschwiegene Vergangenheit gelangt auch bei Naïma, einer aus der Normandie gebürtigen Kunststudentin, erst spät als eine Art Phantomschmerz an die Oberfläche und veranlasst sie im Alter von 29 Jahren dazu, zum ersten Mal in ihrem Leben nach Algerien zu reisen. In jenes «andere», reale Algerien, von dem sie so gut wie nichts weiss.

Was aus den Recherchen der jungen Frau, die der Autorin ­Alice Zeniter in manchem ähnlich sieht, zutage gefördert wird, ist mehr als eine ­Familiengeschichte über drei Generationen hinweg. Es ist ein historischer Abriss der französischen Präsenz in Algerien seit 1830, die Erforschung eines blinden Flecks der Zeitgeschichte und eine Reflexion über das heutige Frankreich, das sich nach der lang hinausgezögerten Auseinandersetzung mit dem ­Algerienkrieg nun auch der Geschichte der «Harkis» stellen muss.

Die 1986 in der Normandie geborene Alice Zeniter hat mit dem Roman – es ist ihr fünfter – mit Finesse und Erzähltalent ein ­literarisches Pionierwerk zu diesem Thema vorgelegt. Zerrbilder von Unterdrückung und Terror sind hier nicht zu finden. Ein Schleier von Ungewissheit, Halbbewusstsein, Zweifel, Zufall und Rätselhaftigkeit hängt über den historischen Ereignissen. Dass Ali, der in seinem Dorf am Hang des Berges zu Ansehen und Wohlstand gekommene Landbesitzer, nach den ersten Angriffen der Nationalen Befreiungsfront FLN im Jahr 1954 zu dieser ­Bewegung auf Distanz ging, hängt auch damit zusammen, dass die mit ihm rivalisierende Landbesitzerfamilie die Bewegung un­terstützt. Auch bezieht Ali als ehemaliger Soldat der französischen Armee eine kleine Kriegsrente.

Die Kontakte zur französischen Armee nutzt er während der Eskalation zwischen Terroranschlägen und Vergeltungsschlägen, um das Schlimmste von seiner Familie und von seinem Dorf abzuwenden. Schliesslich muss er aber einsehen: Vom Berg kommt nichts Gutes mehr, denn ein Befreiungskommando hat sich dort oben versteckt, und gegen die Brutalität der französischen Strafaktionen kann auch Ali nichts ausrichten.

Nach den Unabhängigkeitsverträgen 1962 hat für ihn und seine Familie die Stunde geschlagen. Aus den spöttischen Bemerkungen, wenn er durchs Dorf geht, werden Beleidigungen und Drohungen. Eines Morgens wird ein Kollege aus dem Kriegsveteranenverein mit ­durchschnittener Kehle aufgefunden. Ali muss mit seiner Familie unter französischem Geleit sein Land verlassen.

Geknicktes Selbstwertgefühl

Was in den Auffanglagern und schliesslich in einer trostlosen Sozialwohnsiedlung in der Normandie folgt, ist ein geknicktes Selbstwertgefühl über Generationen hinweg. Der einst selbstgewisse Dorfpatriarch erscheint in den Augen der eigenen Kinder als unbeholfener, analphabetischer Sozialfall, der sich von ­seinem Sohn Hamid die amtlichen Formulare vorlesen lassen muss und in der Fabrik seinen französischen Vorgesetzten nicht anders als unterwürfig begegnen kann.

Alice Zeniter (33) hat algerische Wurzeln. Foto: Opale, Leemage

Hamid kommt etwas weiter im Leben. Er liest als Gymnasiast unter dem fernen Echo der Pariser Studentenrevolte Karl Marx, findet später eine Stelle im Sozialdienst, heiratet eine Französin, die vier Töchter wachsen als waschechte Französinnen ­heran. Eine von ihnen ist Naïma, die Zentralfigur des Romans. Sie findet irgendwann, es sei genug mit dem Schweigen über ihre Herkunft, und bricht zur Recherche nach Algerien auf.

Im Schlamm der Lager

Das gesamte Spektrum zwischen Verlegenheit, Schweigen, Opportunismus, Selbsttäuschung, Verrat und Vergessen leuchtet der Roman in seinem Figurenpanorama subtil aus. Die Existenz ­dieser Namenlosen – «Algerien nennt sie Ratten, Hunde, Unreine, Banditen, Frankreich nennt sie gar nicht oder behelfsmässig eben Harkis» – wird in Szenen unmittelbarer Lebensrealität anschaulich.

«Wir sehen uns in Frankreich wieder», sagt Alis französischer Freund Claude bei der Abreise zurück ins Mutterland nach dem algerischen Unabhängigkeits­abkommen und gibt vor, es zu glauben. Die algerischen Heimatvertriebenen vegetieren hingegen monatelang im Schlamm der französischen Auffanglager, wo die Kinder bei der Kleiderverteilung ihre Grösse am Stacheldraht der Einzäunung messen. Und in ihren Sozialwohnsiedlungen kaufen die Leute dann aus lauter Angst vor Stilfehlern in der neuen Behausung den Hausierern die scheusslichsten Wohnzimmergarnituren ab.

Distanz zur Figur

Mithilfe eines klugen Versteckspiels zwischen der Figur Naïma und einem im Text ab und zu auftauchenden Ich hat die Autorin ihr autobiografisches Material zu einem reichhaltigen Roman verdichtet. Diese Verdoppelung erlaubt es Zeniter auch, zur Hauptfigur auf Distanz zu gehen. Wenn Naïma nach den Pariser Attentaten von 2015 den Terroristen vorwirft, solche Akte schürten nur den französischen Araberhass, wendet die Icherzählerin ein, genau diese Fehlüberlegung habe sechzig Jahre früher auch ihr Grossvater Ali gegenüber dem Befreiungsterrorismus schon gemacht. Gesellschaftsspaltung durch Hass sei kein unbedachter Nebeneffekt, sondern das Ziel der Terroristen.

Zwar geht die anfänglich geschickt komponierte Erzählung in eine konventionelle Chro­nologie über. Doch schmälert das die Qualitäten des Romans kaum, der von Hainer Kober präzis und nuancenreich übersetzt worden ist.

Alice Zeniter: Die Kunst zu ­verlieren. Roman. Aus dem ­Französischen von Hainer Kober. Berlin Verlag 2019. 560 S., ca. 37 Fr.

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