Berner am Klagenfurter Wettlesen

Der Berner Tom Kummer (58) ist für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert.

Sorgte in den 90er Jahren für einen Medienskandal, weil er mehrere Interviews frei erfunden haben soll: Der Berner Tom Kummer.

Sorgte in den 90er Jahren für einen Medienskandal, weil er mehrere Interviews frei erfunden haben soll: Der Berner Tom Kummer.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Tom Kummer In der deutschsprachigen Literaturszene kommt der Ingeborg-Bachmann-Preis einem Ritterschlag gleich: Als Hauptpreis winken 25000 Euro – und jede Menge Prestige. Die eigens von der Jury auserwählten Autorinnen und Autoren präsentieren am Klagenfurter Wettlesen bisher unveröffentlichte Texte. Ähnlich wie in einer Castingshow – einfach in literaturwissenschaftlicher Fachsprache – werden diese im Anschluss an die Lesung wahlweise zerrissen oder in den Himmel gelobt.

Dieses Jahr ist auch der Berner Tom Kummer (58) nominiert worden, in den 90ern gefeierter Journalist, bekannt für intime Interviews mit den sonst so unnahbaren Reichen und Schönen. Die Nachricht, dass mehrere von Kummers Interviews frei erfunden waren, löste im Jahr 2000 einen Medienskandal aus. Nun ist Kummer also am Klagenfurter Wettlesen angekommen – hier darf, ja soll erfunden werden! Kummers Text handelt wenig überraschend von Kummer – im doppelten Sinne: Da geht es um Trauer und Verlust und natürlich um Tom Kummer selbst. Fiktion und Fakten verschwimmen.

Das beginnt schon im Vorstellungsvideo des Kandidaten, das sich als Vorspann seines Textes entpuppt: Kummer rast im schwarzen Rolls-Royce durch die Berner Agglo, die Hände in kurzen Lederhandschuhen. Zum pulsierenden Technobeat und mit gehörig viel Pathos erzählt er von seiner Leidenschaft für die Literatur und dem Verlust einer geliebten Person. Auch in seinem Text beschwört Kummer eine gespenstische Landschaft herauf, durch die er selbst als Taxifahrer erst einen senegalesischen Geschäftsmann ins Hotel Bellevue kutschiert, später eine Pharmaunternehmerin nach Zürich.

Immer wieder wird er von den Fahrgästen auf das Foto seiner verstorbenen Frau angesprochen. Die autobiografischen ­Aspekte sind unverkennbar: Kummers Frau verstarb 2014, 2017 erzählte er im Roman «Nina & Tom» die Geschichte ihrer Beziehung. Dennoch mutet sein jetziger Text eher wie ein düsteres Märchen an, beispielsweise als die verstorbene Frau in Gestalt eines Oktopus den Protagonisten in die Tiefen des Zürichsees zieht. In Klagenfurt wird sich die Jury nicht einig, ob sie Kummers Text nun feiern oder zerpflücken soll: «Stark» findet Hildegard Keller «den Roadmovie durch die Seele eines Verlierers». Klaus Kastberger fühlt sich hingegen an eine Zigarettenwerbung aus den 90ern erinnert. Der Ritterschlag wird wohl ausbleiben.

sih

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