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Christoph Simon wagt sich an die grossen Gefühle heran

Der Autor von Schelmenromanen ist erwachsen geworden. In seinem vierten Roman «Spaziergänger Zbinden» wagt sich der Berner Christoph Simon an die grossen Gefühle des Lebens heran.

In poetischen Bildern tastet sich Christoph Simon an Themen heran, die das Leben lebenswert machen.
In poetischen Bildern tastet sich Christoph Simon an Themen heran, die das Leben lebenswert machen.
Walter Pfäffli

Stellen Sie sich vor, kurz vor Ihrem Lebensende blicken Sie zurück und stellen fest: Ihr Leben war wie eine Fahrt über das Meer in einem Schiffsbauch. Sie haben «keinen sternüberdachten Ozean gesehen, keine Küsten, von Molen und stinkenden Häfen umkränzt, keine rauchenden Vulkane. Keine Möwen schreien gehört. Kein verkrustetes Salz von den Planken gekratzt. Nie einem Ertrinkenden einen Rettungsring zugeworfen.»

Spazieren hingegen hätte Sie an Deck des Schiffes geführt. Dessen ist sich der 87-jährige Lukas Zbinden im neuen Roman des Berner Schriftstellers Christoph Simon sicher. Im Altersheim im Elfenauquartier lebend, freut er sich auf den Zivi Kâzim: «Ich hoffe, der Zivildienstleistende mag mich ein Stück in die Stadt begleiten, das wäre mein grösster Wunsch.» Schritt für Schritt gehen sie miteinander die Treppen im Heim hinab, und Schritt für Schritt, in kreisenden Gedankenläufen, holt der alte Mann aus.

Pate Gerhard Meier

«Dem Buch die Seele eingehaucht hat meine Begegnung mit dem Schriftsteller Gerhard Meier», sagt Simon. 2006 besuchte der Berner Autor mit Jahrgang 1972 den damals 89-Jährigen in Niederbipp. Die Begegnung von eineinhalb Stunden gab die Stimmung für Simons neues Buch vor: Er habe die Weisheit und Erfahrung wiedergeben wollen, sagt Simon, etwas von der – er zögert – Heiligkeit auch, die er bei dem 2008 verstorbenen Gerhard Meier erfahren hat. Ein gereifter Mensch, der ein stilles, bescheidenes Leben geführt hat.

Die Atmosphäre trifft Christoph Simon stilsicher. Doch was will Zbinden dem jungen Zivildienstleistenden eigentlich erzählen? Ein Gespräch ist es nicht, ein Monolog eher, der dem Leser einiges an Bereitschaft abverlangt, sich darauf einzulassen. Spazieren heisst: «Aneignung der Welt.» Heisst: «Mehr Leute grüssen, als man kennt.» Heisst: «Herauszufinden, wer man ist, und zu mögen, was man dabei entdeckt.» Spazieren ist eine «Weltreise an Ort». Denn «die Kunst, sich auf Spaziergängen nicht zu langweilen, besteht darin, den gleichen Gegenstand wie gestern zu betrachten, sich aber etwas anderes dabei zu denken», legt Zbinden dem jungen zivildienstleistenden Ersatzsohn in zuweilen fast geschwätziger Weise ans Herz.

Lebenslange Liebe

Es ist eine Art Lehrgespräch, das sich suchend in immer wieder neuen Bildern seinem Anliegen nähert. In der zweiten Hälfte des Buches gewinnt die verstorbenen Frau von Zbinden Kontur. Und aus den Erzählungen des alten Mannes schält sich ungemein zärtlich seine lebenslange Liebe zu ihr heraus. Von ihren abgelaufenen Stiefeln zu den silbrigen Nächten im Krieg, dem Schlag auf seinen ewig schwatzenden Mund bis zu dem noblen Nebenbuhler. «Ich überlegte Mittel und Wege, wie ich meiner Frau zu verstehen geben konnte, dass ich noch lange mit ihr zusammen sein wollte», sagt Zbinden. Für Simon, Vater zweier Töchter, ist es das zweite grosse Thema im Buch: Wie man die Liebe dauerhaft macht. Oder die zu den Kindern entstehen lässt. Denn Zbinden ringt sich durch, öffnet sich gegenüber seinem Sohn und überwindet die Sprachlosigkeit, die zeitlebens zwischen ihnen geherrscht hat.

«Vielleicht wirkt das etwas pathetisch?» fragt sich Simon. Sicher, das Thema birgt diese Gefahr. Wie Zbinden im Buch, so tastet sich auch der Autor im Schreiben an die grossen Gefühle heran. In seinem filigranen, vielleicht nicht sehr zeitgemäss leisen Buch setzt er sich damit auseinander, was das Leben lebenswert macht – zwei Liegestühle, zum Beispiel, auf einer Lichtung im Wald, für das Paar bestimmt, das es noch keine Sekunde bereut hat, zusammengekommen zu sein.

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