«Das Bilderbuch ist innovativer»

Vor der Kinderbuchmesse in Bologna erklärt der Experte Hans ten Doornkaat, wo die Schweizer Szene punktet – und wo nicht.

Ein Bild aus «Ich und meine Angst»: Der Kinderbuchkritiker Hans ten Doornkaat lobt die «ungewöhnlichen Bücher» der Wahl-Zürcherin Francesca Sanna. Foto: Nord-Süd-Verlag AG, Zürich

Ein Bild aus «Ich und meine Angst»: Der Kinderbuchkritiker Hans ten Doornkaat lobt die «ungewöhnlichen Bücher» der Wahl-Zürcherin Francesca Sanna. Foto: Nord-Süd-Verlag AG, Zürich

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Die Schweiz ist 2019 Gastland an der Internationalen Kinderbuchmesse in Bologna, der weltweit wichtigsten Fachmesse. Sie fokussiert bei den Ausstellungen stets auf die Illustration. Eine Steilvorlage für die Schweiz?
In der Tat! Das trifft sich perfekt mit der schweizerischen Realität: Das Bilderbuch fällt viel innovativer aus als der literarische Bereich für Kinder und Jugendliche. Das spiegelt sich etwa ­darin, dass die hiesigen Verlage mit den grössten Bilderbuchprogrammen – Nord-Süd und Atlantis –, aber auch der Genfer Verlag Joie de lire stark sind als ­Lizenzgeber, stärker sogar als die meisten schweizerischen Belletristikverlage.

Die Lizenzverkäufe beziehen sich allerdings auch auf Bücher von nicht schweizerischen Künstlern.
Richtig. Aber wir haben eben gerade in der Schweiz grandiose Illustratorinnen, die sich der Kinderliteratur widmen – und mit denen unsere Verlage punkten. So wurde «Mon tout petit» der Genfer Zeichnerin Albertine Zullo, getextet von Germano Zullo, 2016 mit dem Bologna Ragazzi Award für Fiktion geehrt und ausserdem an der Biennale der Illustrationen Bratislava preisgekrönt. «Die grosse Flut» des Illustratorinnen-Duos It’s Raining Elephants – das sind die an der Hochschule Luzern ausgebildeten Künstlerinnen Evelyne Laube und Nina Wehrle – erhielt 2012 in Bologna den International Award for Illustration und den Grand Prix in Bratislava. Und die Wahl-Zürcherin Francesca Sanna, gleichfalls eine Luzern-Absolventin, hat in wenigen Jahren mehrere ungewöhnliche Bücher vorgelegt.

Ist es fürs Bilderbuch leichter, über Sprachgrenzen hinweg Leser anzusprechen?
Jein. Zumindest in der Schweiz lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Ästhetik und dem sprachlichen wie kulturellen Hintergrund beobachten. Der zwei Jahre junge Tessiner Kinderbuchverlag Marameo muss beispielsweise bedenken, was in Italien funktioniert; die Westschweizer Verlage wiederum orientieren sich am französischen Markt, die Deutschschweizer am deutschsprachigen. So entsteht ein Reichtum an Bildsprachen, man wagt die unterschiedlichsten Experimente. Aber über den Röstigraben hinweg ist nicht unbedingt viel Verständnis da.

Wirklich?
Ein Beispiel: Die Zürcher Illustratorin Claudia de Weck schuf mit Georg Kohler ein Bilderbuch, das auf einer wahren Geschichte fusst und auch Sachbuchelemente hat: «Jakob, das Krokodil» (2013). Die Bildsprache ist von Comic-Elementen geprägt, wie sie de Weck gern verwendet; bekannt sind etwa ihre Illustrationen zum Liederbuch «De Stadtmuus-Blues». Doch während die Comic-Elemente in «Jakob» beim Deutschschweizer Publikum nach wie vor auf Skepsis stossen, ist Claudia de Weck in französischen Kinderzeitschriften seit Jahrzehnten präsent.

Aber ob West- oder Deutschschweiz, das Bilderbuch wirkt wie eine reine Frauendomäne.
Das stimmt leider – und müsste nicht so sein. Aber die Bilderbuchkunst ist da kein Sonderfall: In Bereichen mit weniger Prestige sind meist mehr Frauen am Werk, auch in Kindertheater und Kindergarten. Als in den Nachkriegsjahren Bilderbuch und Plakat noch stärker zusammengingen, waren die Männer präsenter: Alois Carigiet, Hans Fischer, Felix Hoffmann. Dabei waren ihre weniger bekannten Kolleginnen experimentierfreudiger.

«Die Schweiz hat eine Tradition beim qualitativ hochstehenden Bilderbuch.»

Woher kommt die relative Schwäche der Schweiz beim Kinder- und Jugendroman?
Das hat nicht zuletzt strukturelle Ursachen: Die erzählende Kinder- und Jugendliteratur hatte in der Schweiz mit Sauerländer und Nagel & Kimche zwei engagierte Verlage. Doch Sauerländer wurde 2001 nach Deutschland verkauft; Nagel & Kimche schon 1998. Innerhalb kurzer Zeit brach da eine Menge ein. Erst seit einigen Jahren betreiben Orell Füssli Kinderbuch und Baeschlin hier Aufbauarbeit. Ein Hotspot der Innovation wurde – in völligem Kontrast zum früheren Auftritt – das Schweizer Jugendschriftenwerk SJW, freilich auch hier mehr beim Bild als bei den Texten.

Also verfügen die Illustratorinnen über bessere Plattformen?
Das ist einer der Gründe. Die Schweiz hat aber generell eine Tradition beim qualitativ hochstehenden Bilderbuch. Auch neuere Häuser wie Notari in Genf und Helvetiq in Basel haben da einen Schwerpunkt. Wichtig für diesen Akzent sind zudem die einschlägigen Hochschulen wie die in Luzern: Als Theoriedozent dort bin ich selbst immer wieder begeistert, wie viel Talent ich unter den Studierenden entdecke! Dass It’s Raining Elephants mit Blick auf den Gastlandauftritt in Bologna den Bolo-Klub gründete, gab der Szene zusätzlich Auftrieb. Die beiden Illustratorinnen boten Teilnehmenden über ein Jahr lang ein Coaching für Bilderbuchprojekte. Kurzfristig bildeten sich noch eine Tessiner und eine Genfer Gruppe: Das ist bezeichnend für den hiesigen Kulturföderalismus.

Wie gehts dem Kinderbuchmarkt in der Schweiz?
Er wächst, und es geht ihm besser als dem Belletristikmarkt für Erwachsene. Aber die hohe Fertigungsqualität hier führt zu Preisen, die es im Ausland schwer haben. Das Problem verschärft sich beim Bilderbuch, weil ein optimaler Vierfarbendruck dazugehört, Kinderkultur aber a priori billig sein soll. Die Buchhandelsketten favorisieren zudem Mainstreamwerke. Zwar hat die Schweiz mehr mittelständische und kleinere Buchhandlungen als etwa Deutschland; es ­eröffnen auch neue. Aber das Kräfteverhältnis erschwert es, Experimentelles unterzubringen. Hinzu kommt, dass die Print­medien unter Druck sind und sich weniger auf vermeintliche Nischenthemen wie das Kinderbuch einlassen. Gut, dass der Auslandauftritt in Italien auch nach innen strahlt!

Ihr ganz persönlicher Tipp?
Er ist wirklich persönlich: Schon bei Sauerländer und seit 2004 auch bei Atlantis verbindet mich eine Zusammenarbeit mit Kathrin Schärer und Lorenz Pauli. Für mich ist stets von neuem faszinierend, mit ihnen ein Buchprojekt anzugehen. Pauli denkt dramaturgisch, lässt Bildideen aufblitzen, feilt an seinen Texten und reagiert doch offen auf die ersten Skizzen von Schärer. Und sie entdeckt ungeahnte Aspekte in seinen Sätzen, hinterfragt aber auch den Text. Dieses Pingpong ist für mich ein Erlebnis von Vertrauen und Freundschaft – und, was die Bücher betrifft, das personifizierte Ideal des Zusammengehens von Text und Bild.

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