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Das Buch über die Bücher

Kindles erschiessen, Kunden beobachten, philosophieren: Im «Tagebuch eines Buchhändlers» finden sich die unglaublich witzigen Notizen eines griesgrämigen Schotten – und ganz viel Liebe für das Buch als solches.

Nina Kobelt
Shaun Bythell, Buchhändler und gelegentlicher Griesgram, beschreibt den Alltag in seinem Bookshop. Es ist grossartig.
Shaun Bythell, Buchhändler und gelegentlicher Griesgram, beschreibt den Alltag in seinem Bookshop. Es ist grossartig.
Getty Images

Freitag, 7. Februar: Onlinebestellungen: 2 Gefundene Bücher: 2

Heute war ein wunderbar sonniger Tag. Nicky traf um 9.13 Uhr ein. Sie trug den schwarzen kanadischen Skianzug, den sie für 5 Pfund im Secondhandladen in Fort William erworben hat. Der ist zwischen November und April ihre übliche Arbeitskluft – ein wattierter Einteiler, der eigentlich für die Piste gedacht ist und sie wie ein verloren gegangenes Teletubby aussehen lässt.

Zugegeben, man macht es sich als Journalistin sehr einfach, die Besprechung eines Romans mit einem Auszug zu beginnen. Doch «Tagebuch eines Buchhändlers» ist kein gewöhnliches Buch, und der Autor Shaun Bythell kein gewöhnlicher Schriftsteller.

Sondern ein Buchhändler, der jeden Tag notiert, wer warum wann und wie in seine Buchhandlung stolpert und sich seitenweise über den Onlinehändler Amazon – diese Institution des Teufels – auslässt. Und weil das so simpel wie grossartig ist, möge man diesen eher billigen Trick verzeihen.

Paradies für Buchliebhaber

The Bookshop, die grösste Secondhandbuchhandlung Schottlands, liegt im Dorf Wigtown in einer Gegend namens Galloway, dem «Land, wo Milch und Honig fliessen». Im Sommer stellt Ladenbesitzer Shaun Bythell jeweils zwei Studentinnen ein, damit er den Dingen frönen kann, die das Leben hier so idyllisch machen: Angeln, wandern, schwimmen.

Normalerweise aber verkauft Bythell Bücher, und sein Shop ist ein Paradies für Buchliebhaber. Weil die Regale bis zur Decke reichen, die Regalböden ob ihrer Last durchhängen und weil es allerhand zu entdecken gibt. Und: Im Lokal ist es kalt.

Deshalb muss Mitarbeiterin Nicky sich warm anziehen, ­Kundinnen manchmal auch, wie Bythell beschreibt: «Eine Frau, die meiner Meinung nach in einem Schlafsack herumlief, in den sie oben für den Kopf und unten für die Füsse zwei Löcher hineingeschnitten hatte, beschwerte sich über die eisigen Temperaturen im Laden.»

«Eine Frau, diemeiner Meinung nach in einem Schlafsack herumlief, in den sie oben für den Kopf und unten für die Füsse zwei Löcher hineingeschnitten hatte, beschwerte sich über die eisigen Temperaturen im Laden.»

Shaun Bythell, Autor und Buchhändler

Dem Buch als solches wird ja regelmässig eine schwarze Zukunft, sprich: den Tod, vorhergesagt. Solcherlei Visionen widersprechen Erfolge von Büchern wie diesem sowie nackte Zahlen: Zum Beispiel hat die Schweizer Buchhandels- und Spezialdruckereigruppe Orell Füssli letzte Woche bekannt gegeben, dass Verkäufe im Buchhandel im ersten Halbjahr gesteigert wurden.

Der Absatz von E-Books stagniert hierzulande schon seit längerem, was wohl Shaun Bythell ganz besonders erfreuen würde: Seine Beziehung zu Kindle-Geräten, den E-Readern von Amazon, ist – verständlicherweise – nicht die beste. Wer «Shaun Bythell» und «Kindle» googelt, stösst als Erstes auf ein Video eines Duos mit Gitarre, das in seinem Buchladen einen Song namens «Death to the Kindle» (Tod dem Kindle) vorträgt, dann auf Bythells Tipp, wie ein Jane-Austen-Roman auf einem havarierten Kindle fertig zu lesen sei: mithilfe eines Jagdgewehrs, mit dem er auf das Gerät schiesst (in der Wildnis, immerhin).

Neben persönlichen Notizen über seine Freundin, Beobachtungen von Kunden oder Aktivitäten wie Büchersammlungen erzählt Bythell in seinem Buch auch von diesen Kindle-Erschiessungsaktionen. Es sind Momente, in denen einem bewusst wird, dass unter allem Witz und aller Selbstironie doch auch Ärger brodelt, der sich ab und an in Resignation wandelt.

Und trotzdem stimmt die Lektüre heiter. Unser Buchhändler ist zwar ein Griesgram, aber einer mit Humor, der nicht aufgibt. Zum Beispiel geschäftet er mit dem ungeliebten Amazon, über das auch bei ihm Bestellungen eintreffen, und er findet immer wieder neue Wege, Bücher unter die Leute zu bringen.

Der 7. Februar endet übrigens mit der Notiz:

Einnahmen insgesamt: £67 4 Kunden

Shaun Bythell: «Tagebuch eines Buchhändlers», btb-Verlag, 448 Seiten

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