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Das Dorf ist der Hauptdarsteller

Mit «Altes Land» landete sie einen Bestseller. Dörte Hansens neuer Roman «Mittagsstunde» erzählt davon, wie die Moderne alte Strukturen überrollt und was das mit den Menschen macht.

Ein norddeutsches Dorf dient Dörte Hansen als Schauplatz für ihren Roman. Foto: Alamy Stock Photo
Ein norddeutsches Dorf dient Dörte Hansen als Schauplatz für ihren Roman. Foto: Alamy Stock Photo

Es gab einmal eine Zeit, als die Menschen sich mittags hinlegten. Die Stunden zwischen zwölf und zwei waren heilig. Nach dem Essen ruhte der Mensch, denn er war ja zeitig aufgestanden – vor allem im Dorf, als es dort noch Bauern gab, die in aller Herrgottsfrühe ihre Kühe melken mussten. Von so einem Dorf und vom Verschwinden nicht nur der Ruhezeiten erzählt Dörte Hansen in ihrem zweiten Roman «Mittagsstunde».

Das fiktive Örtchen Brinkebüll hatte einst alles, was ein Dorf auszeichnete: Kirche, Schule, Laden, Gasthaus, Kastanienallee, Hecken und Wiesen und Wälder. Doch innerhalb weniger Jahrzehnte verwandelte es sich in eine bequem mit dem Auto zu erreichende Schlafstätte für Zugezogene. Und zugleich verschwand die Mittagsruhe mit all ihren Herrlichkeiten und Heimlichkeiten.

Brinkebüll ist überall

Brinkebüll liegt in Nordfriesland, der Heimat von Dörte Hansen. Vor drei Jahren ist ihr mit ihrem Debütroman «Altes Land» ein sensationeller Bestseller gelungen. Zwar sprechen die Menschen im Roman ausgiebig Plattdeutsch und lieben ihre spröde, windige Heimat. Aber zugleich ist Brinkebüll überall, weil alle Dörfer in Nord, Süd, West und Ost ein ähnliches Schicksal erlitten haben.

Das Dorf ist der eigentliche Hauptdarsteller in diesem Roman. «Mittagsstunde» setzt Mitte der Sechzigerjahre ein, als die Landvermesser kamen, um die grosse Flurbereinigung vorzubereiten. Aus kleinen Feldern wurden riesige Ackerflächen, die keinen Platz mehr für Hecken und Hasen übrig liessen. Die Störche blieben weg, und wenig später wurde aus dem holprigen Kopfsteinpflasterweg eine breite, asphaltierte Strasse, auf der Kinder überfahren wurden und Jugendliche mit Vaters Auto auf dem Weg von der Disco tödlich verunglückten.

Durch diesen Wandel hindurch klappert eine leicht verrückte, in ihre Gedanken versunkene, nicht ansprechbare Frau. Marret Feddersen ist die Tochter von Sönke und Ella Feddersen, die eine Gastwirtschaft betreiben. Sie sammelt Federn, Steine, Baumrinden und tote Tiere, singt und summt die ganze Zeit vor sich hin und schwadroniert unentwegt vom Weltuntergang.

«Mittagsstunde» ist eher ein Herkunfts- als ein Heimatroman. Und ein Roman über die Frage, wohin der Mensch gehört.

Marret war 17, als sie schwanger wurde. Wer der Vater ist, will oder kann sie nicht verraten. Ingwer, der Sohn, den sie zur Welt bringt, wird von den Grosseltern Sönke und Ella aufgezogen. Zum Studium verlässt er das Dorf und wird Archäologe in Kiel. Ingwer ist bald 50, als er für ein Jahr nach Brinkebüll zurückkehrt, um die Grosseltern zu pflegen. Damit setzt der Roman ein.

In stetem Wechsel von Kapitel zu Kapitel erzählt die Autorin aus der Gegenwart und Vergangenheit des Dorfes. Nach und nach lernt man die verschrobenen Bewohner mit ihren Macken kennen: die Bäckerstochter, die immer liest, sogar hinterm Verkaufstresen. Den Dorfschullehrer Steensen, der rustikale Erziehungsmethoden bevorzugt. Oder Heiko Ketelsen, der ein Herz hat und eine Vorliebe für den Wilden Westen. Das Dorf ist eine grosse Familie. Ein Dorfroman ist daher so etwas Ähnliches wie ein Familienroman.

Jedes Kapitel ist mit einem Songtitel überschrieben. Ingwer, die Hauptfigur, liebt vor allem Neil Young. Aufgewachsen aber ist er mit der Musikbox im Gasthaus, aus der «Schuld war nur der Bossa Nova», «Wir wollen niemals auseinandergehn» oder «Junge, komm bald wieder» dröhnten. Die Schlager stehen für alles, was sich in Ingwer über Jahrzehnte hinweg festgesetzt hat. Sie stehen dafür, wie die Herkunft einen Menschen prägt. Auch davon handelt «Mittagsstunde», eher ein Herkunfts- als ein Heimatroman. Und ein Roman über die Frage, wohin der Mensch gehört.

Hier wird nichts verklärt

Dörte Hansen ist eine eher konventionelle Erzählerin, angesiedelt irgendwo zwischen Dora Heldts Nordsee-Familienidyllen, die aber sehr viel romantischer sind, und Juli Zehs «Unterleuten», der politisch ambitionierter ist. Gegen jeden Kitschverdacht ist sie ebenso erhaben wie gegen den neuzeitlichen Naturtrend der Grossstädter, die das Land verklären, weil sie es nicht kennen.

Dörfer wie Brinkebüll sind heute längst in der Epoche der Renaturierungen angekommen, wo die begradigten Flüsse und Bäche wieder ihre Kurven zurückerhalten und auch das Storchennest wieder aufs Kirchdach gesetzt wird. Und doch suchen die Städter auf dem Land gerade das, was es dort nicht mehr gibt. In dieser Spannung zwischen Untergang und Sehnsucht nach dem Verlorenen ist «Mittagsstunde» angesiedelt.

Der Blick geht zurück, im Wissen darum, dass es so, wie es war, nicht weitergehen konnte. Die Moderne kam mit aller Gewalt, aber mit den Misthaufen und der Mühsal der Feldarbeit konnte man auch nicht weitermachen. Im alten Dorf war es eng. Nur für die Verrückten, die Wunderlichen und die Sonderlinge gab es Platz genug. Sie sind verschwunden wie Marret Feddersen. Und deshalb gibt es nun diesen erfreulich unsentimentalen, leise melancholischen, nüchtern erzählten Roman, der ihrer aller gedenkt.

Dörte Hansen: Mittagsstunde. Penguin, München 2018. 320 S., ca. 34 Fr.

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