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«Der Gottharddurchstich war unser Sputnikmoment»

Mal wieder beschäftigt die zweite Gotthard-Röhre die Gemüter. Autor Rolf Dobelli über die Faszination, die Tunnel auf uns ausüben, Durchstich-Symbolik – und den hässlichsten Tunnel im Land.

Philippe Zweifel
Der 19,1 Kilometer lange Vereinatunnel ist das Kernstück der Vereinalinie. Es handelt sich hier um den weltweit längsten Meterspur-Eisenbahntunnel.
Der 19,1 Kilometer lange Vereinatunnel ist das Kernstück der Vereinalinie. Es handelt sich hier um den weltweit längsten Meterspur-Eisenbahntunnel.
Der Lærdalstunnel in Norwegen ist mit 24,5 Kilometer der längste Strassentunnel der Welt. Der Tunnel befindet sich in der Provinz Sogn og Fjordane und verbindet die Orte Aurland und Lærdal.
Der Lærdalstunnel in Norwegen ist mit 24,5 Kilometer der längste Strassentunnel der Welt. Der Tunnel befindet sich in der Provinz Sogn og Fjordane und verbindet die Orte Aurland und Lærdal.
Die längsten Tunnel der Welt: Der Gotthard-Basistunnel ist ein zweiröhriger Eisenbahntunnel. Nach seiner Fertigstellung wird er mit 57 Kilometern der längste Tunnel der Welt sein. Die Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels ist für Dezember 2017 vorgesehen.
Die längsten Tunnel der Welt: Der Gotthard-Basistunnel ist ein zweiröhriger Eisenbahntunnel. Nach seiner Fertigstellung wird er mit 57 Kilometern der längste Tunnel der Welt sein. Die Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels ist für Dezember 2017 vorgesehen.
Wird auch Kanaltunnel genannt und ist ein 50 Kilometer langer Eisenbahntunnel. Er verbindet Frankreich und England. Der Eurotunnel befindet sich unter der Strasse von Dover, einer Meerenge am östlichen Ende des Ärmelkanals.
Wird auch Kanaltunnel genannt und ist ein 50 Kilometer langer Eisenbahntunnel. Er verbindet Frankreich und England. Der Eurotunnel befindet sich unter der Strasse von Dover, einer Meerenge am östlichen Ende des Ärmelkanals.
Dieser Eisenbahntunnel in Iwate, Japan, galt lange Zeit als längster Landtunnel der Welt. Mit seinen fast 26 Kilometern ist er auch heute noch einer der längsten, wurde allerdings von einem anderen Tunnel auf der gleichen Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnverbindung (Tohoku-Shinkansen) überholt.
Dieser Eisenbahntunnel in Iwate, Japan, galt lange Zeit als längster Landtunnel der Welt. Mit seinen fast 26 Kilometern ist er auch heute noch einer der längsten, wurde allerdings von einem anderen Tunnel auf der gleichen Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnverbindung (Tohoku-Shinkansen) überholt.
Mit 53,9 Kilometern Länge war der Seikantunnel lange Zeit der längste Tunnel weltweit. 23,3 Kilometer der Strecke befinden sich unter dem Meer. Er verbindet die zwei japanischen Inseln Hokkaido und Honshu.
Mit 53,9 Kilometern Länge war der Seikantunnel lange Zeit der längste Tunnel weltweit. 23,3 Kilometer der Strecke befinden sich unter dem Meer. Er verbindet die zwei japanischen Inseln Hokkaido und Honshu.
Der Simplontunnel ist ein knapp 19,8 Kilometer langer, zweiröhriger Doppelspur-Eisenbahntunnel zwischen der Schweiz und Italien. Er unterquert das Simplongebiet und verbindet das Rhonetal mit dem Val Divedro in der Ossola-Region.
Der Simplontunnel ist ein knapp 19,8 Kilometer langer, zweiröhriger Doppelspur-Eisenbahntunnel zwischen der Schweiz und Italien. Er unterquert das Simplongebiet und verbindet das Rhonetal mit dem Val Divedro in der Ossola-Region.
Der 34,6 Kilometer lange Eisenbahntunnel unterquert am Lötschberg die nördliche Alpenkette und ist Teil der Lötschberg-Simplon-Achse der Neat.
Der 34,6 Kilometer lange Eisenbahntunnel unterquert am Lötschberg die nördliche Alpenkette und ist Teil der Lötschberg-Simplon-Achse der Neat.
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Herr Dobelli, welches ist Ihr Lieblingstunnel? Der Gotthardtunnel.

Welche Röhre? (lacht) Der Basistunnel. Der Gotthard-Strassentunnel ist ja der hässlichste Tunnel der Schweiz.

Was fasziniert Sie persönlich an Tunneln? Mich haben Tunnel erst interessiert, als ich die Romanfigur Massimo Marini erfunden hatte und mich daran machte, den gleichnamigen Roman zu schreiben. Massimo Marini ist ein Secondo, ein gnadenloser Aufsteiger. Er entwickelt sich zum Baulöwen. Und natürlich konnte ich ihn nicht Einfamilienhäuschen in Uster bauen lassen. Es kam aus dramaturgischer Logik einzig der gewaltige Gotthard-Basistunnel infrage.

Viele Menschen empfinden Tunnel als bedrohlich. Und Sie? Ich habe mehr Angst, dass ein Besoffener auf der Autobahn in mich reinfährt.

Was fasziniert den Menschen generell am Tunnel? Auf die Gefahr hin zu überinterpretieren: In der Schweiz ist es wohl der Mythos Gotthard. Die technische Errungenschaft des ersten Gotthardbaus, vergleichbar mit der Bezwingung der Schöllenenschlucht um 1200. Jedes Land hat solche Momente, die dann sehr lange nachwirken. Russland hatte Sputnik. Die USA die Mondlandung. Der Gottharddurchstich von 1880 war unser Sputnikmoment.

Über Bergbezwingungen gibt es Literatur zuhauf, über Tunnel nicht. Wieso? Der Tunnelbau ist ein rein finanzielles, technisches und organisatorisches Problem. Eine Bergbezwingung ist dramatischer, es geht um Einzelpersonen, die im Schweisse ihres Angesichts Berge bezwingen. Idealer Stoff für Geschichten.

War Tunnelbau früher denn kein Abenteuer? Der Gotthardtunnel-Bauer Louis Favre war eine Art Abenteurer, seine Arbeiter aber nicht. Das waren italienische Gastarbeiter, die auf Geld angewiesen waren und in sklavenähnlicher Knochenarbeit mit Pickel und Dynamit Zentimeter um Zentimeter vorstiessen. Der Bau des ersten Gotthardtunnels war ein gigantischer Manpower-Verschleiss weitab jeder Romantik.

Hat die Faszination für Tunnelbau etwas typisch Schweizerisches an sich? Ja und nein. Die Faszination für Tunnel ist in erster Linie mit der geografischen Beschaffenheit unseres Landes zu erklären. Weil es hier nun mal Berge hat, muss man sie durchbohren. Um den Gotthard kam man früher oder später nicht herum. In anderen Ländern ist das ähnlich. So kommt in der griechischen Mythologie vor allem die Seefahrt vor. Das beginnt schon bei der «Odyssee». In der US-Kultur sind es endlose Strassen und Eisenbahnen, die das grosse Land erschliessen. Die Geografie prägt den Inhalt des Denkens und Handelns.

Sind wir überhaupt die Tunnelnation Nummer 1, oder müssen wir uns von jemandem geschlagen geben? Sie meinen technisch gesehen? So weit reichen meine Kenntnisse nicht. Mit dem neuen Basistunnel werden wir, was die Länge angeht, die Nummer eins sein. Aber das ist wie bei den Wolkenkratzern: Irgendjemand wird irgendwann einen längeren Tunnel bauen.

Der längste Tunnel kommt ja bei Dürrenmatts Kurzgeschichte «Der Tunnel» vor. Er ist unendlich lang. Ein Tunnel ohne Ende ist ein starkes Bild für den Weg ins Nichts. Dürrenmatt hätte die gleiche Geschichte anders erzählen können: Ein Flugzeug im Nebel beim Landeanflug, es sinkt und sinkt, aber der Boden kommt einfach nicht. Der Tunnel hat für mich auch noch eine andere symbolische Bedeutung.

Welche? Die Penetration, die sexuelle Metapher des Durchstosses. Ich habe damit in «Massimo Marini» gespielt; der gleichnamige Protagonist, ein Secondo, wie gesagt, durchlöchert als Tunnelbau-Chef den Gotthard, also das Heiligtum der Schweiz. Parallel dazu versucht er den «Durchstich» bei seiner Affäre – was ihm zum Verhängnis wird.

Dann sind Sie sicher auch für eine zweite Gotthard-Röhre? Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt. Wer eine Investitionsrechnung anstrebt, fällt einem Denkfehler zum Opfer. Egal, wie man es dreht: Bei solchen Megaprojekten ist es unmöglich, den Nutzen zu quantifizieren. Die Frage ist doch eher geopolitischer Natur: Welche Rolle soll die Schweiz in Europa spielen? Für den Moment hoffe ich einfach, dass die neue Autoröhre, wenn sie denn kommt, schöner wird als die alte. Ein Land, das einen Tunnel durch den Gotthard treiben kann, sollte das hinbekommen.

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