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Die fiese Welt der Aurélie

Frankreichs Klassengrenzen sind wieder undurchlässig: Marion Messinas Debütroman «Fehlstart» erzählt von einer Generation ohne Hoffnung.

Marion Messina startete mit ihrem Romandebüt in Frankreich durch. Foto: Le Dilettante
Marion Messina startete mit ihrem Romandebüt in Frankreich durch. Foto: Le Dilettante

Erste Reaktion: Och nöö. «In einer Reihe mit Michel Houellebecq und Virginie Despentes zeigt Marion Messina ...» Ja, es ist ein hartes Geschäft, zigtausend Neuerscheinungen, für jedes Buch muss man irgendwie Aufmerksamkeit generieren. Aber müsst ihr denn jede 28-jährige Debütantin im Klappentext mit solch tonnenschweren Namen behängen?

Gut. Kann Marion Messina selbst ja nichts dafür. Also erst mal unvoreingenommen reinlesen.

Zweite Reaktion: Auch nöö. «Alejandro war mit dem trockenen Mund und dem Halbsteifen eines verkaterten Morgens aufgewacht.» Ein Kolumbianer in Grenoble. Wohnt auf staubigen 18 Quadratmetern. Ist mit narzisstischen Literatenträumen nach Europa gekommen, nutzt seinen Rechner aber mittlerweile nur noch zum Pornoschauen. Er hat einen Putzjob, und bei der Gelegenheit kriegt man die Hauptfigur des Buchs erstmals zu Gesicht. Genauer gesagt, ihr Gesäss: «Auf dem Boden kniend, streckte sie ihm den Hintern entgegen, während sie unter einem Bett putzte.» Merke: der männliche Blick, immer nur das Eine.

Aurélie, die Besitzerin des entgegengestreckten Hinterns, kommt aus Grenoble. Sie ist zu Beginn des schmalen Romans 18 Jahre alt, hat brav Abitur gemacht, weil man ihr erzählt hat, dass auch einem Arbeiterkind wie ihr im Land der Egalité alle Türen offen stehen. Jetzt studiert sie endlich Jura, aber fühlt sich vom ersten Tag an wie im falschen Lebensfilm: «Irgendwas hatte sie verpasst, obwohl sie alle Anweisungen befolgt hatte und der Funktionsweise der Republik treu geblieben war. Sie war eifrig, diszipliniert, konsequent und offen. Sie wollte nur irgendwas erreichen und wartete darauf, dass etwas passierte. Aber es passierte nichts.»

Der neuen Generation bleiben erbärmliche Dienstleistungsjobs und am Wochenende triste Technopartys.

Das ist alles recht schablonenhaft erzählt, Elternskizze zwei Seiten, Migrantenviertel dito, und es wirkt, als würde Marion Messina ihre junge Heldin auf dem Weg ins Leben mit nichts als einem papierdünnen Thesenmäntelchen ausstaffieren: Die einfachen, aber soliden Koordinaten, in denen sich Aurélies Eltern noch halbwegs einrichten konnten, sind längst ins Rutschen gekommen oder ganz verschwunden. Der neuen Generation bleiben erbärmliche Dienstleistungsjobs und am Wochenende Technopartys, die leerer wirken als jeder Carrefour-Parkplatz am Sonntagabend.

Alejandro und Aurélie wissen jeweils, dass sie keinen eigenen Ort haben. Sie schämt sich für ihre Herkunft, merkt, dass sie die falschen Klamotten trägt, hat aber keine Ahnung, wie man das mit den feinen Unterschieden souverän hinkriegt. Er sollte eines dieser migrantischen Familienprojekte erfüllen: Man kommt, um in Europa Erfolg zu haben, und dann, so Alejandro, «trauen wir uns nicht zuzugeben, dass wir hier Hamburger braten und Bier servieren, um eine erbärmliche Miniwohnung zu bezahlen».

Aurélie hofft, in der Beziehung mit Alejandro Erfüllung zu finden, der aber will sich auf keinen Fall binden. Als er ein Stipendium in Lyon ergattert, packt er sofort die Koffer. Sie spült es nach Paris, wo das Geld erst mal nur für ein Bett in der Jugendherberge reicht, fängt an als Hostess in einem der monotonen Défense-Türme, und spätestens hier merkt man beim Lesen, dass man dieser jungen Frau doch irgendwann gerne in ihre Geschichte gefolgt ist, so sarkastisch, wie sie ihr eigenes Scheitern begleitet, so genau, wie sie das lächerlich Absurde ihres Tuns beschreibt.

In einem Hochhaus des tristen Défense-Viertels in Paris arbeitet Aurélie als Hostess. Foto: Corbis via Getty Images
In einem Hochhaus des tristen Défense-Viertels in Paris arbeitet Aurélie als Hostess. Foto: Corbis via Getty Images

«Die Hostessen hatten keine Aufgaben, aber die Kunden sahen nicht gern, dass jemand fürs Nichtstun bezahlt wurde. Sie mussten also auf den Computer ohne Internetverbindung starren und mit konzentriertem Gesicht endlos Solitär spielen. In der Anzeige des Jobcenters, auf die Aurélie geantwortet hatte, stand, dass kein Bildungsabschluss unter Abitur akzeptiert wurde.»

Hier in Paris, der Stadt der grossen Unterschiede, wächst Marion Messinas Buch zu einem gelungenen Generationenporträt, die Beschreibungen füllen sich von innen heraus mit Leben, als würden sich bei einem Bild langsam von der Rückseite des Papiers die Farben und Schattierungen in die Skizze durchpausen.

Marion Messina stammt selbst aus Grenoble. In Frankreich wurde ihr Debüt 2017 enthusiastisch gefeiert, auch damals fiel in den Rezensionen immer wieder der Name Houellebecq. Das liegt zum einen an der desillusionierten Härte, mit der dieser zwei Jahre umspannende «Fehlstart» ins Leben erzählt wird, zum anderen an der literarischen Mischform aus Roman und Essay. Messina unterfüttert viele Szenen mit soziologischen Kommentaren – und kommt dabei zu ähnlichen Schlüssen wie Houellebecq in seinem Debüt «Ausweitung der Kampfzone».

Aurélies lebenstechnisches Pech ist, dass sie ein Herz hat: Der Zynismus eines Houellebecq ist ihr fremd.

Wirtschafts- und sexueller Liberalismus funktionieren ganz ähnlich, einige wenige bekommen alles ab: Gefühle sind Relikte aus einer früheren Zeit, die nicht mehr in die neonkalte Gegenwart passen, oder wie es bei Messina einmal heisst: «Keine Verantwortung, keine Verpflichtung, ein an der Logik der Mobiltelefonie-Angebote orientiertes Sexualleben.»

Aurélies lebenstechnisches Pech ist, dass sie ein Herz hat: Der houellebecqsche Zynismus ist ihr bei all ihrer Abgeklärtheit im Grunde ihres Herzens doch fremd. Messinas literarisches Pech ist es, in einigen Liebesszenen in ziemlichen Kitsch abzugleiten, was sie aber selbst zu wissen scheint: Den emphatischen Liebesbrief, in dem sich Aurélie ihrem Freund offenbart, wirft sie am nächsten Tag in einen Müllsack.

Treffend beschreibt Messina, wie sich Aurélie mit der Zeit innerlich abnutzt und täglich neu gezeigt bekommt, dass sie hier nicht hingehört, ja dass ihr selbst so etwas Elementares wie Ehrgeiz im Grunde nicht zusteht. Ihrer Kaste bleibt am Ende nur die Demut, die man dann vor sich selbst als Vernunft zu verbrämen hat.

In die falsche Familie geboren

Messina spricht tatsächlich von «Kaste» und gibt damit en passant zu verstehen, dass die Klassen nach wenigen Dekaden sozialer Durchlässigkeit mittlerweile wieder so unverrückbar und undurchlässig sind wie in einem gottgewollten Plan. Aurélie selbst mag sich für ihren Lebenslauf die richtigen Abschlüsse erarbeitet haben – sie wurde trotzdem in die falsche Familie geboren.

Übersetzt ist das Ganze von der so nimmermüden wie brillanten Claudia Steinitz, hiesigen Lesern bekannt als deutsche Stimme von Virginie Despentes' «Vernon Subutex». Vor dem Vergleich mit dieser epochalen Trilogie sollte man Marion Messinas kleines, feines Debüt dann doch bewahren.

Marion Messina: Fehlstart. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Carl Hanser, München 2020. 168 S., ca. 24 Fr.

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