Zum Hauptinhalt springen

Die unverschämte weibliche Scham

1951 quittierte Armand Schulthess seinen Dienst in der Bundesverwaltung, um als Einsiedler einen enzyklopädischen Waldgarten anzulegen. Jetzt erschien ein prächtiges Buch darüber.

Wilde Collagen aus Zeitschriften, Werbeinseraten und Textnotizen: Aus dem Werk von Armand Schulthess.
Wilde Collagen aus Zeitschriften, Werbeinseraten und Textnotizen: Aus dem Werk von Armand Schulthess.

Als 1973 der Nachlass von Armand Schulthess (1901–1972) aufgeräumt wurde, fehlte dem Erbvertreter jeder Sinn für das Schaffen des Verstorbenen. Mit einem «Das ist ja krank...» beförderte er einzigartige Bücher direkt ins Feuer. Der Filmemacher Hans-Ulrich Schlumpf hat dieses Unverständnis festgehalten und einige der Werke gerettet.

In den 1940er-Jahren kaufte der gelernte Schneider Armand Schulthess, der damals im Volkswirtschaftsdepartement in Bern arbeitete, im Onsernone-Tal mehrere Parzellen eines steilen Waldgebiets zusammen, um später darauf sein kleines enzyklopädisches Reich aufzubauen.

Entlang von zwei Wegen legte er ab 1951 einen Pfad mit Inschriften an, auf denen er akribisch Hinweise und Informationen verzeichnete. Diese konnten einfach zum Lesen auffordern: «1 idée - lire un livre»; oder sie brachten komplexe naturwissenschaftliche Sachverhalte zur Kenntnis.

Einsiedler zwischen Papier

Die sorgfältig, doch mit einfachsten Mitteln beschriebenen Blechtäfelchen bildeten insgesamt ein System, das auf den Kern von Schulthess' Archiv verwies. In seinem Haus häufte er Bücher, Zeitungen und allerlei kuriose Dinge zu einer letztlich chaotischen Ordnung an, die alles überwucherte.

Darin eingebettet - oder eingemüllt, je nach Lesart - lebte Schulthess scheu und verborgen. Er mied zunehmend den Kontakt zur Aussenwelt. Sein Reich war seine Casa, sein Geist schwebte in enzyklopädischen Höhen, seine Triebe wurden Buch. So versuchte er zu verstehen, wie die Welt funktioniert, was sie bewegt.

Grandiose Obsession

Der Filmemacher Hans-Ulrich Schlumpf entdeckte 1963 dieses private Universum und begann es fotografisch zu dokumentieren. Sein Urheber blieb dabei unsichtbar.

Nach der unsensiblen Zerstörungsaktion durch die Erben verwandelte sich Schlumpfs Arbeit ins Archiv eines weitgehend verlorenen Lebenswerks. Von den Büchern, die Schulthess herstellte, blieben nur ein paar wenige übrig, darunter das opus magnum «Les instruments du sublime orchestre».

Darin drehte sich alles um Sexuelles. Aus Zeitschriften, Werbeinseraten und Textnotizen hatte Schulthess wilde Collagen verfertigt, in denen die weibliche Scham ganz unverschämt dargestellt wurde.

Das Buch demonstriert eine grandiose Obsession und einen skurrilen Witz, es zeugt stellvertretend von einer universalen Neugier wie von einer dilettantischen Passion.

Umfassende Darstellung

Im Kunstkontext ist Armand Schulthess bereits zu Lebzeiten entdeckt worden. Ingeborg Lüscher hat den scheuen Künstler in einem Hörspiel einfangen können. Ihr Lebensgefährte Harald Szeemann widmete ihm 1983 ein Kapitel seiner Ausstellung «Der Hang zum Gesamtkunstwerk».

In Schlumpfs Buch wird sein universales Werk nun erstmals umfassend rekonstruiert. Der ausgesprochen attraktiv gestaltete Band versammelt, Seite um Seite, die überlieferten Buchcollagen. Und er kartographiert in Bild und Text die Pfade, die Schulthess in seiner faszinierenden Waldenzyklopädie angelegt hat.

SDA/net

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch