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Ein bisschen Freundlichkeit

A. L. Kennedy hat ihren Roman «Süsser Ernst» vor der Brexit-Entscheidung geschrieben. Die Autorin entwirft das Bild eines Landes in der Krise. Und erzählt eine unglaubliche Liebesgeschichte.

Martin Ebel

Dublin hat seinen «Bloomsday», den 16. Juni. Da lässt James Joyce seinen Helden durch die Stadt streifen. Seinen Roman «Ulysses» füllt dieser Tag ganz aus. Etwas Ähnliches hat Ian McEwan in «Saturday» gemacht. Bei A. L. Kennedy läuft die Uhr ­exakt 24 Stunden, von 6.42 Uhr am 14. April 2015 bis 6.42 am folgenden Morgen. Immer wieder unterbricht die digitale Zeit­anzeige die Kapitel, der gesamte Buchumschlag wird davon eingenommen. Das suggeriert Eile, Hektik, Zeitdruck.

Existenzdruck lastet auf Meg Williams und Jon Sigurdsson. Sie ist eine gescheiterte Wirtschaftsprüferin, Alkoholikerin, seit einem Jahr trocken; er ein höherer Beamter eines Ministeriums mit der Aufgabe, brutale Entscheidungen hübsch zu verpacken. Er hasst das, was er macht, und beschreibt das im Gespräch mit einem Journalisten so: «Wenn du so arm bist, dass du Sozialhilfe brauchst, dann musst du etwas falsch machen – dann bist du falsch und unwürdig. Wer Mangel leidet, soll nichts bekommen – das ist das Motto unserer Abteilung.» Und das ist das Ergebnis jahrelanger englischer Austeritätspolitik.

Dem Journalisten steckt Jon zwei explosive Informationen: In die Handys, die Besucher von Regierungsgebäuden am Eingang abgeben müssen, wird eine Spionage-Software installiert. Zudem gab es einen Kindesmissbrauch auf höchster Ebene, der vertuscht wurde.

Jon ist ein Whistleblower aus Not und Zorn; er glaubt, dass man ihm bereits auf der Spur ist. Meg muss an diesem Morgen eine demütigende gynäkologische Untersuchung absolvieren und sieht ausserdem den Wechseljahren entgegen. «Das passiert erwachsenen Frauen – nur hättest du gern vorher als weibliches Wesen existiert und Zärtlichkeiten empfangen.» Keine Torschlusspanik, eher ein Schlingern zwischen Resignation und Wut.

Meg und Jon, das sind zwei geschlagene Existenzen in einer Welt, die von Egoismus, Konkurrenz, Hetze und Erfolgszwang gekennzeichnet ist. Sie passen nicht in diese Welt, taugen nicht für sie, empfinden sich als untauglich. Verzweifelt kämpfen sie gegen das Gefühl an, wertlos zu sein, und bekommen es doch täglich wieder neu bescheinigt.

Date mit Verzögerung

Wert haben sie nur in ihren eigenen Augen, als sie einander begegnet sind und sich erkannt haben. Jon schreibt zur inneren Hygiene zärtliche Briefe an unbekannte Frauen, die sich auf eine Anzeige melden. Meg hat auf einen solchen Brief, auf seinen «süssen Ernst», reagiert. A. L. Kennedy, eine der besten Autorinnen englischer Sprache, entwickelt die Annäherung, die zu Begegnung und Erkennen führt, über mehr als 500 Seiten, als Date mit Verzögerung. Die Verabredung wird getroffen, verschoben, annulliert und kommt dann doch zustande. Am Ende sitzen sie auf einem Hügel oberhalb Londons, ein bisschen zerknittert nach einer halb durchwachten Nacht, hören die Vögel den Morgen begrüssen und lachen.

Ja, was A. L. Kennedy hier erzählt, ist eine richtige Liebesgeschichte, noch dazu eine mit Happy End. Dass es so was in der Gegenwartsliteratur noch geben (und gelingen) kann! Es erstaunt die Leser, wie es auch die Protagonisten erstaunt, was ihnen da widerfährt. Denn beide halten es für ausgeschlossen, dass sich jemand in sie verlieben könnte. «Meg hatte Jahre mit Meg verbracht und wusste, sie war eine übellaunige Zicke, die alles, was ihr in den Sinn kam, mit einem Fluch belegen konnte.»

Nichts fürchten sie mehr, als verletzt zu werden. Überwinden lässt sich diese Furcht nur durch jemanden, der noch verletzlicher ist – und den man nun fürchtet zu verletzen. A. L. Kennedy inszeniert diese sensible Gefühlslage als ein Ballett von Schritten, zaghaft nach vorn und dann hektisch wieder zurück. Erzählerisch wechselt sie zwischen Jon und Meg, aber auch zwischen der Drauf- und der Innensicht. Breite Passagen nehmen innere Monologe ein, kursiv gedruckt. Die beiden Figuren kommentieren, was sie erleben, und aus diesem Neben- und manchmal auch Gegeneinander schlägt die Autorin auch komische Funken.

Immer tickt die Uhr, lässt die Figuren aneinander irre werden.

Da möchte Jon seiner Tochter Becky gegenüber eine gewisse Skepsis gegenüber deren Freund ausdrücken, weiss aber, dass er es nur falsch machen kann, und eiert heftig herum. «Deshalb ist er noch kein schlechter Mensch», schliesst er eine Tirade ab, und Becky fragt scharfsinnig zurück: «Und weshalb dann?» Jon darauf: «Ist er gar nicht», seine Gedanken besagen aber das Gegenteil – «ich möchte ihn stumm und qualvoll verbluten sehen.» Solche Aggressivität schiesst immer wieder aus Jon wie aus Meg hervor, bleibt allerdings meist unausgesprochen und unausgelebt und zeigt, wie die raue Aussenwelt auch die Innenwelt dieser beiden so unendlich sanften Menschen verformt.

So unendlich sanft: Das kann auch nerven bei der Lektüre, denn man hat schnell verstanden, wie es um die beiden steht. Seit den Einführungsszenen: Meg muss turnusmässig einen Kuchen ins Büro mitbringen und scheitert schon an den Vorüberlegungen. Selber backen – ausgeschlossen, kann nur schiefgehen. Also kaufen? «Der billige Kuchen war schrecklich. Der teure Kuchen schmeckte nach Gier – nach gierigen Bäckern.» Und was darf drin sein oder vielmehr nicht drin sein – Schokolade, Nüsse, Gluten? «Wer hätte gedacht, dass Kuchen so eine Arschkarte ist?» Jon wiederum lernen wir kennen, wie er ungeschickt einen Vogel aus einem Netz befreit und ihm das verängstigte Tier auf die Hose kackt.

Das kleine Glück

In unendlichen Variationen und immer wieder hinreissenden Formulierungen konfrontiert A. L. Kennedy die Innenwelt zweier Empfindsamer mit einer Aussenwelt, die Sanftheit, Sensibilität, Freundlichkeit ständig und grundsätzlich entwertet. Und immer tickt die Uhr, hetzt die Protagonisten von einem Termin zum nächsten, fordert Unvereinbares, lässt sie aneinander irre werden. An sich selbst sind sie es schon längst.

Der Tag, der Jon & Meg Day, ist lang, die Lektüre ist es auch. Aber die Details sind nötig und wichtig, weil A. L. Kennedy mit diesem Roman selbst einen Akt des Widerstands gegen Hetze, Oberflächlichkeit und Effizienzbesessenheit leisten will.

Zwischen die Kapitel schaltet die Autorin immer wieder kleine Szenen der Freundlichkeit, der Zuwendung, des kleinen Glücks: ein Junge, der im Bus den Kopf an die Schulter seiner Grossmutter legt. Ein Paar in einem Park, das sich umarmt. Gegenbilder, urbane Inseln. Am Ende bilden Meg und Jon, das zerknitterte Paar auf dem Hügel, selbst eine solche Szene. Und beginnen zaghaft daran zu glauben, dass ein glückliches Leben im falschen möglich ist.

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