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Ein Dichter, dem auf Erden nicht zu helfen war

Francis Giauque ertränkte sich mit 31 Jahren im Neuenburgersee. Eine Werkausgabe stellt den Romand erstmals auf Deutsch vor.

Alexander Sury
Eine der wichtigsten Stimmen der Westschweiz: Francis Giauque, der sich mit 31 Jahren das Leben nahm. Foto: zVs
Eine der wichtigsten Stimmen der Westschweiz: Francis Giauque, der sich mit 31 Jahren das Leben nahm. Foto: zVs

Im Frühling 1959 bekommt die 21-jährige Kunststudentin Emilienne Farny aus Lausanne Post. Der Brief ist vom 23. April datiert, aus Prêles, hoch über dem Bielersee gelegen, wo der Absender nach abgebrochener Handelsschule und diversen temporären Beschäftigungen wieder im Elternhaus lebt.

«Nach Jahren in der Hölle bin ich bereit, in die Klinik einzutreten», schreibt Francis Giauque. Der 24-Jährige ist der ehemalige Freund von Emilienne Farny, im Herbst 1958 hatte sie die Beziehung beendet. Und der Dichter aus dem Berner Jura, der aus einfachen ländlichen Verhältnissen stammt und der mit «Parler seul» debütiert hat, macht der ehemaligen Geliebten auf drastische Weise die unterschiedlichen Perspektiven in ihrer beider Leben klar: «Denk dran, dass ich in den kommenden Sommermonaten, wenn du deine Kurse schwänzst und am Strand liegst, vermutlich zwischen vier Wänden eingeschlossen bin und dem Elektroschock unterworfen werde. Sollte ich nicht mehr zurückkommen, erinnere dich ab und zu an Giauque, den Paria.»

Der Ausgestossene also: Man hat das Schicksal von Francis Giauque – geschlagen mit einer Hautkrankheit, die für ihn sein Aussenseitertum im eigenen Körper festschrieb – auch mit dem einer «schwarzen Sonne» verglichen: Kaum habe sie in den Tag zu strahlen begonnen, habe sie sich in der Nacht verbrannt. Der junge Mann, der sich der bürgerlichen Welt radikal verweigerte, setzte seinem Leben einige Jahre später, im Mai 1965, im Neuenburgersee ein Ende, gerade mal 31-jährig.

Das Trauma des Liebesverlusts

Neun Monate vorher war seine geliebte Mutter überraschend gestorben – sie, die ihn in den Jahren zuvor mehrmals davon abhalten konnte, sich umzubringen. Giauques ehemalige Geliebte Emilienne Farny (1938–2014) machte derweil als Künstlerin Karriere und sollte später zu den bekannten Vertretern der Schweizer Pop-Art gehören.

Das schmale Gesamtwerk von Francis Giauque, hauptsächlich Lyrik und einige Prosatexte, ist in der Deutschschweiz ein Geheimtipp geblieben; bis auf zwei Gedichte wurde bisher nichts übersetzt. In der Romandie wird Giauque hingegen als eine der wichtigsten poetischen Stimmen der Westschweiz anerkannt. Über fünfzig Jahre nach seinem Tod entdeckt ihn dort eine junge Generation neu als «poète borderline» – etwa im lyrischen Drama «Soleil noir: Opéra pour un homme seul» vom Duo du Zoo mit Texten von Giauque.

Der Publizist Charles Linsmayer will den Dichter jetzt auch bei uns bekannt machen. Als Linsmayer die 2005 erschienene französische Gesamtausgabe in einem Band las, war er von der literarischen Kraft der Bildwelt Giauques fasziniert. Ein starker Antrieb sei eine unverkennbare Wut auf die Machenschaften der Ärzte in Anstalten und Kliniken gewesen.

Auf die Elektroschocks folgten weitere Depressionen

In einem ausführlichen biografischen Nachwort hat Linsmayer Leben und Werk von Giauque rekonstruiert. Bei seinen Recherchen stiess er auf eine neue Spur: Könnte nicht die glücklose, unvergessliche Liebe zur Künstlerin Emilienne Farny massgeblich zu seinem Leid beigetragen haben?

«Es war wie ein Krimi», sagt Linsmayer, «weil ich die Liebesgeschichte zu guten Teilen aus dem Werk herausfiltern musste.» Giauques noch lebende Schwester bestätigte die These vom «traumatischen Liebesverlust». In «Parler seul» schrieb Giauque: «leer ist der Traum / die Kraft fehlt / unsere Liebe / aufzubinden / wie ein Bündel / stachelige Zweige.» Im Lichte dieser biografischen Erschütterung konnte Giauque in psychiatrischen Kliniken durch Elektroschocks, Insulinkur und Psychotherapien kaum geheilt werden, im Gegenteil: Auf die Behandlungen folgten weitere Depressionen, Schlaflosigkeit auch und Drogenmissbrauch.

Was auch immer Giauque geschrieben habe, «alles ist durchtränkt von tiefster Verzweiflung und dem Martyrium eines begabten Menschen, der sich zwar gegen sein Schicksal auflehnte, aber schliesslich nicht mehr leben mochte», sagt Barbara Traber, die die Gedichte übersetzt hat. «Und doch steckt in den Texten eine starke, kompromisslose, rebellische Kraft und Ausstrahlung, wie sie nur grosser Literatur eigen ist.»

Giauque sah schliesslich den Tod als letztes mögliches Glück: «ich der ich nicht wusste / wie leben / ich werde mich endlich / erheben können / bei den hellen Klängen / der Nacht.»

Francis Giauque: Die Glut der Schwermut im Schattenraum der Nacht. Hg. von Charles Linsmayer. Aus dem Französischen von Christoph Ferber und Barbara Traber. Reprintet by Huber. Th. Gut, Zürich 2019. 264 S., ca. 28 Fr.

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