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Ein Schlag, ein Schock, eine Offenbarung

Tom Neuwirth alias Conchita Wurst hat seine Autobiografie verfasst. Ein reflektierter und eloquenter Text, dem natürlich auch der Glamour nicht abgeht.

Viele wollen nun ein Stück des Erfolgs abschneiden: Metzger Joe Aichinger aus Bad Mitterndorf, dem Geburtsort von Tom Neuwirth, alias Conchita Wurst, hat bereits eine Wurst selben Namens lanciert. (12. Mai 2014)
Viele wollen nun ein Stück des Erfolgs abschneiden: Metzger Joe Aichinger aus Bad Mitterndorf, dem Geburtsort von Tom Neuwirth, alias Conchita Wurst, hat bereits eine Wurst selben Namens lanciert. (12. Mai 2014)
Erwin Scheriau, Keystone
Auch dieses Geschöpf hat einen Bart: Diese Baby-Robbe im Meerespark Boudewijn im belgischen Brugge wurde auf den Namen Conchita getauft. (12. Mai 2014)
Auch dieses Geschöpf hat einen Bart: Diese Baby-Robbe im Meerespark Boudewijn im belgischen Brugge wurde auf den Namen Conchita getauft. (12. Mai 2014)
BELGA/BOUDEWIJN SEAPARK, AFP
Die Gastgeber: Schauspieler Pilou Asbaek, Moderatorin Lise Roenne und Moderator Nikolaj Koppel eröffnen das Finale.
Die Gastgeber: Schauspieler Pilou Asbaek, Moderatorin Lise Roenne und Moderator Nikolaj Koppel eröffnen das Finale.
Jonathan Nackstrand, AFP
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Im Alter von vier Jahren eine Autobiografie zu veröffentlichen ist wohl Rekord. Aber eigentlich steht hinter «Ich, Conchita» ja auch nicht die Popdiva, die 2011 das Licht der Welt erblickte, sondern Tom Neuwirth, der schon 26 Jahre zählt. Das scheint zwar immer noch früh für den Rückblick aufs eigene Leben. Doch dieser Blick ist mehr als ein Marketingvehikel, sondern bietet tiefe Einsichten abseits des Schlüssellochs.

So handelt es sich bei der Conchita-Autobiografie nicht um die fiktive Lebenswelt einer Kunstfigur, sondern um den teils steinigen Weg eines Buben aus der Provinz gegen zahlreiche Widerstände zum umjubelten Star. Dabei gelingt es, über die persönliche Biografie hinaus eine paradigmatische Jugendgeschichte nachzuzeichnen, die in vielerlei Hinsicht auf Menschen der gleichen Generation zutrifft.

«Ich, Conchita» ist streng chronologisch konstruiert, beginnend bei den Kinderjahren in der «Grünen Höhle», der Jugendherberge der Eltern in Ebensee und der traumatischen Schulzeit in Bad Mitterndorf, die von Ausgrenzung des vermeintlich so anderen Buben geprägt ist.

Eigentlich komme Tom «aus einer Gegend, wohin Menschen in Urlaub fahren, weil dort die Welt, wie sie sagen, noch in Ordnung ist. Wenn das zutrifft, warum gab es dann Conchita?». Nach gerade einmal zehn Seiten ist bereits Graz erreicht, wobei sich die erträumte Weltmetropole mit ihrer Modeschule als weiterer Hort von Ablehnung entpuppt.

«Gang nach Canossa»

Im schnellen Lauf wird das Outing in einem Interview als Übersprungshandlung geschildert sowie der darauffolgende «Gang nach Canossa», die Offenbarung gegenüber den Eltern. Neben den ersten Gehversuchen in der Bühnenwelt mit «Starmania» nimmt die Verwandlung in die Kunstfigur Conchita breiteren Raum ein. «Was in uns steckt, können wir nicht unterdrücken», paraphrasiert Tom hier C.G. Jung.

Es folgt die einschneidende Begegnung mit dem Mentor René Berto, mit welchem der generalstabsmässige Plan für den Weg zum Weltstar entworfen wird, auf dem der Sieg beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen den vorläufigen Höhepunkt darstellt.

Er zieht das Schnuppern in die Modewelt als Modell für Jean Paul Gaultier und ein Leben als Hotelnomade zwischen Talkshows in London, Auftritten vor dem EU-Parlament in Brüssel oder im Crazy Horse in Paris nach sich. Und auch die Versöhnung mit der Heimat: «Als mir 2014 die Ehrenbürgerschaft von Bad Mitterndorf angetragen wurde, konnte ich sie annehmen, weil ich nicht verbittert war.»

Reflektiert und eloquent

Der Text ist überraschend reflektiert. Auch wenn Ghostwriter Daniel Oliver Bachmann für die Niederschrift verantwortlich zeichnet, hört der Conchita-Kenner aus den Zeilen die Eloquenz der Popdiva heraus. Und so wird die vermeintlich chronologische Schilderung mit kleinen Gedankensplittern, Metaphern sowie philosophischen Exkursen aufgebrochen.

Zum Ende überrascht die weltoffene Diva noch sich selbst mit einem patriotischen Bekenntnis, als sie die Rot-Weiss-Rote Fahne auf dem Hotel Imperial erblickt: «Die Flagge, das Sinnbild meiner Heimat. Mit ihr bin ich vertraut, denn hier bin ich geboren, hier bin ich zu Hause, hier lebe ich gut und gerne, und wenn es sein muss auch gegen alle Widerstände.»

Bei aller Introspektion kommt ein Conchita-Buch dann aber natürlich doch nicht ganz ohne Glanz und Flitter aus. So wird jedes Kapitel mit einer thematischen Liedzeile aus einem Musical eingeläutet. Auf 63 Seiten finden sich dezent in den Anhang verbannt ein fotografische Dokumentation zwischen Ebensee und Paris. Und wer kann schon mit einem Vorwort von Jean Paul Gaultier aufwarten, der sich als «bedingungslosen Fan» bezeichnet und seinen Eindruck schildert, als er Conchita das erste Mal im Fernsehen sah: «Es traf mich wie ein Schlag, ein Schock, gleichzeitig war es eine Offenbarung.»

SDA/phz

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