Er kennt die Quellen des Wissens

Der Luzerner Altphilologe Kurt Steinmann hat grosse Teile der antiken Literatur ins Deutsche übersetzt. Jetzt wird er ausgezeichnet.

Kurt Steinmann schwärmt vom Glück, direkten Zugang zu den Quellen zu haben, aus denen sich unsere Kultur speist. Fotos: Herbert Zimmermann (13 Photo)

Kurt Steinmann schwärmt vom Glück, direkten Zugang zu den Quellen zu haben, aus denen sich unsere Kultur speist. Fotos: Herbert Zimmermann (13 Photo)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Reussbühl bei Luzern, achter Stock, Balkon: Kurt Steinmann zieht mit dem Arm einen weiten Bogen über die Landschaft. Ganz hinten sieht man ins Entlebuch, unter uns, vor dem nächsten Hochhausriegel, viel Grün. Am Hang links weiden Kühe, und am anderen Ende der Wohnung, vom Arbeitszimmer aus, geht der Blick auf den Friedhof. «Memento mori», kommentiert der Altphilologe.

Der Kreislauf der Natur und der unausweichliche Tod: zwei Quellen der Inspiration für den bald 74-Jährigen. Nicht unpassend für das jüngste Buch aus seiner Werkstatt, den spätantiken Liebesroman «Daphnis und Chloe», der gerade bei Manesse erschienen ist.

Bei dem Liebesentdeckungsroman geht es über 160 Seiten darum, dass sich Daphnis, ein 15-jähriger Ziegenhirt, und Chloe, eine 13-jährige Schafhirtin, ineinander verlieben, aber nicht recht wissen, was sie mit ihren Gefühlen und vor allem was ihre Körper miteinander anfangen sollen. Küssen und Umarmen, das ist offenbar noch nicht das Wahre. Auf der Insel Lesbos gabs damals keine Instagram-Tipps, aber für Daphnis eine Liebeslehrerin und ansonsten das Walten des allmächtigen Gottes Eros, der schliesslich zusammenfügt, was zusammengehört.

Acht Jahre «Ilias»

Es ist ein entzückendes Büchlein, ganz Schlichtheit und Unschuld, unverblümt und ohne jede Prüderie. Goethe empfahl, es jedes Jahr einmal zu lesen. In ihm findet die Liebe jene Ausdrucksformen, die alle kommende Literatur prägen werden, bis hin zum Hollywoodfilm. Denn Liebe ist nicht nur ein natürlicher Trieb, er findet seinen kulturellen Rahmen, der sich bald ritualisiert: Die Verliebten sind blass, essen und schlafen nicht. Wir lieben heute noch so, wie es die alten Griechen erfunden haben.

Für Kurt Steinmann war der kleine Roman die reine Erholung nach acht Jahren «Ilias». Homers Epos vom Kampf um Troia, das er zuvor übersetzt hatte, war nicht nur wegen des Ringens um Wortgenauigkeit, Rhythmus und Versmass eine Herkulesarbeit. Es ist auch das sprödere Epos gegenüber der «Odyssee» mit ihren fantastischen Abenteuern. Die hat Steinmann 2007 vorgelegt, vielen gilt sie als die gelungenste Fassung des Werks.

«Übersetzen ist eine Lust, keine Fron», sagt Steinmann.

Für die beiden Grossepen, aber letztlich für die Gesamtheit seiner Übersetzungen aus dem Griechischen und dem Lateinischen, die auch Dramen von Aischylos und Euripides umfasst, erhält Steinmann nun am 25. Mai in Zürich den Johann-Heinrich-Voss-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, gewissermassen der Büchner-Preis für Übersetzer.

Voss, ein Zeitgenosse Goethes, hat die ersten valablen Homer-Übersetzungen vorgelegt. Preisträger Steinmann schätzt die Leistung des Vorgängers hoch ein, verschweigt indes die Schwächen nicht und die Notwendigkeit, über ihn hinauszugehen. Aus dem Kopf zitiert er einen Hexameter von Voss – der klingt wunderbar, ist aber «Wort für Wort falsch». Natürlich hat der moderne Übersetzer die Vorteile des wissenschaftlichen und editorischen Fortschritts. Man muss sie aber auch nutzen. Das tut Steinmann: «Übersetzen ist eine Lust, keine Fron.»

Parallelen zur Gegenwart

Er schwärmt vom Glück, den direkten Zugang zu den Quellen zu haben, aus denen sich unsere Kultur speist: «Ohne Quellen keine Kenntnis der Flüsse.» Die Kenntnis hilft auch, zu relativieren, manche aktuelle Aufgeregtheit nicht allzu ernst zu nehmen. So werde jetzt ständig das Beiwort «apokalyptisch» gebraucht. Steinmann hat die Apokalypse des Johannes übersetzt, diese Schreckensvision des Neuen Testaments vom Weltende. «Das sind Bilder, grossartig. Und frappierend: Da wird die Vergiftung der Gewässer angekündigt, mit dem Plastikmüll in den Ozeanen ist sie Wirklichkeit geworden.»

Da ist sie schon fast beantwortet, die Gretchenfrage an die Altphilologie: Wo ist der Nutzen für unsere Gegenwart? Steinmann ist um Antworten nicht verlegen. Er nennt die «Perser», das älteste erhaltene griechische Drama. Es stellt den Triumph der Griechen über die Invasoren dar, aber ohne Siegerpose, ganz im Bewusstsein, dass es auch umgekehrt hätte kommen können, dass jeder anfällig für Hybris, für Überheblichkeit ist.

Oder die «Antigone»: der Urkonflikt zwischen Gesetz und Gewissen. Oder, in der «Ilias», die Gestalt des hässlichen, verachteten Thersites: für Steinmann die erste Verkörperung der Zivilcourage. Dieser unansehnliche Soldat wagt den ganzen Feldzug infrage zu stellen: Die Führer seien korrupt und bloss auf Bereicherung aus.

Vermitteln will er und begeistern für seine Autoren.

Von Thersites ist er plötzlich bei Kevin Kühnert, dem deutschen Juso: «ein Verfemter unserer Tage». Na – etwas kann man auch übertreiben mit den Parallelen! Ganz sicher jedenfalls ist Steinmann kein weltfremder Bücherwurm. Dem steht schon der wache Blick über dem breiten Schnauz entgegen. Vermitteln will er und begeistern für seine Autoren. Sie verlebendigen.

In Luzern war Steinmann viele Jahre lang Griechisch- und Lateinlehrer, ehe er sich ganz dem Übersetzen widmete. Ein besonderer Lehrer war es auch, der seine Begeisterung weckte. Der Direktor seines Progymnasiums in Willisau hatte nur drei Griechisch-Schüler. «Der Unterricht war monströs, er verlangte viel zu viel», aber er steckte ihn mit einer Glut an, die auch mediokre Lehrer im Gymnasium und Professoren an der Uni nicht löschten.

Ein manischer Leser

Reisst diese Tradition, diese Weitergabe des Feuers der Begeisterung, nun ab? Steinmann bedauert, dass es im Kanton Luzern keine Griechisch-Klassen mehr gibt, dass auch der Lateinunterricht zurückgeht. Aber ist denn das jahrelange Lernen toter Sprachen wirklich noch sinnvoll, nur um sich dann durch einen Originaltext zu stümpern?

Bücher haben alle fünf Zimmer der Wohnung erobert.

Steinmann ist kein Doktrinär. Er weiss sogar etwas Besseres. «Meine Schule der Zukunft», setzt er an, «umfasste einen Kurs ‹Weltliteratur in Übersetzungen›, vier Stunden die Woche, von Sophokles bis zu Philip Roth, mit Ibsen und Dostojewski, Don Quijote und Manzoni, Molière und Shakespeare.» Denn Molière und Shakespeare, fügt er hinzu, werden ja auf der Schule auch nicht mehr im Original gelesen. Aus der Antike sprudeln zwar die Quellen, aber die Flüsse, die grossen europäischen, nord- und südamerikanischen Meister schätzt er darum nicht geringer.

Überhaupt ist Steinmann ein manischer Leser, davon zeugen die Bücher, die alle fünf Zimmer seiner Wohnung erobert haben. Sie stehen in den Regalen, liegen auf Tischen und Sofas, auf dem Boden. Selbst das Gästebett ist davon bedeckt. Gerade ein halber Tisch für das Interview ist noch frei. Übersetzer verbindet man seit Hieronymus ikonografisch mit einer Klause. Kurt Steinmanns Bücherreich aber breitet sich in luftiger Höhe aus, und sein Blick geht zweitausend Jahre weit in die Vergangenheit und viele Kilometer in die Weite.

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