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«Eliten äussern sich oft nur mit Herablassung»

Was der Kampf gegen die Sklaverei mit #MeToo zu tun hat: ein Gespräch mit der Harvard-Historikerin Jill Lepore.

Jill Lepore hat erforscht, wie die Amerikanerinnen sich Einfluss erkämpften, als sie noch keine Rechte hatten. Foto: Kayana Szymczak (The New York Times, Redux, Laif)
Jill Lepore hat erforscht, wie die Amerikanerinnen sich Einfluss erkämpften, als sie noch keine Rechte hatten. Foto: Kayana Szymczak (The New York Times, Redux, Laif)

Frau Lepore, die USA seien so gespalten wie noch nie in ihrer Geschichte, hört man oft seit Trumps Wahl. Stimmt das?

Ja und nein. Wie misst man das? Wenn man die Abstimmungen im Kongress betrachtet, sieht man, dass die Polarisierung der Parteien kurz vor dem Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs 1861 am grössten war. ­Danach gab es eine lange Zeit der Moderation, in der sich die Parteien annäherten. Ab 1968 nahm die Polarisierung dann wieder zu, und heute ist sie tatsächlich mindestens so gross wie kurz vor dem Bürgerkrieg. Aber das ist nur der eine Teil der Antwort.

Und der andere?

Ein grosser Teil der Bevölkerung Amerikas lebte lang in Sklaverei. Diese Leute hatten keine politischen Rechte, aber in gewisser Hinsicht lassen sie sich gleichwohl als politische Partei betrachten, weil sie ein einziges, übergreifendes Interesse verband: der Wunsch nach der Abschaffung der Sklaverei. Diese Bevölkerung lebte also in einer Art Kriegszustand mit dem Rest Amerikas. So gesehen war die Spaltung des Landes bis zum Ende der Sklaverei und auch der späteren Rassentrennung viel grösser als heute. Wer von der ­gespaltenen Gesellschaft redet, meint bloss das weisse Amerika.

Was brauchte es, um ­historische Spannungen zu überwinden?

Wirtschaftliche und politische Reformen. Die Einführung von Anti-Monopol-Gesetzen und einer Einkommenssteuer führten um die Wende zum 20. Jahrhundert dazu, dass die Bundesregierung eine grössere Rolle bei der Regulierung der Wirtschaft erhielt. Es waren Populisten, die diese Reformen forderten, arme Bauern und Arbeiter, die unter den Exzessen der Eisenbahn­barone litten, die ihnen das Land wegnahmen und keine Steuern zahlten. Das politische System nahm die Forderungen auf. Dazu kamen politische Reformen: die Einführung des Frauenstimmrechts und die Direktwahl des Senats etwa, die das Land demokratischer machten. Das half, Spannungen zu entschärfen.

Sie schreiben auch dem Radio eine einende Rolle zu. Denkt man an den Einfluss hetzerischer Radio-Talker, ist das doch überraschend.

Natürlich gab es immer Demagogen. Aber seine vielleicht grösste Bedeutung hatte das ­Radio im Zuge der Grossen Depression in den 30er-Jahren. Die Sender waren damals gesetzlich zur Ausgewogenheit verpflichtet. Während das Radio zur gleichen Zeit in Deutschland zum Propagandainstrument wurde, trug es in Amerika zu einem neuen Geist bei, einer nationalen Debatte, die die Leute zusammenbrachte.

«Wenn sich die Eliten heute über einfache Leute äussern, dann oft nur mit Herablassung.»

Heute spalten die Medien eher.

Bei den politischen und kulturellen Eliten der Grossen Depression fällt eines auf: Es gab damals ein Gespür für die Nöte der einfachen Menschen. Mit dem New Deal des demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt förderte die Regierung Kunstprojekte, die das Leben der Arbeiter und Bauern dokumentierten. Da war etwa die Dokumentarfotografie von Dorothea Lange, die das Schicksal von Wanderarbeitern in Kalifornien festhielt, oder die Interviews mit Zeitzeugen für das Federal Radio Project. Wenn die Leute das Radio einschalteten, hörten sie Beiträge über Leben und Leiden normaler Amerikaner, vorgetragen von führenden Intellektuellen und Künstlern der Zeit.

Dieses Gespür fehlt heute?

Es wäre falsch, alles zu beschönigen. Dieselben Eliten ignorierten damals sträflich die Rassentrennung mit ihren Auswüchsen, vor allem die Lynchmorde in den Südstaaten. Aber anderswo gaben sie sich echt Mühe, durch die Politik das Leben des Normalbürgers zu verbessern. Das gelang den heutigen Progressiven zuletzt kaum mehr, mit Ausnahme der Gesundheitsreform von Barack Obama. Wenn sich die kulturellen Eliten heute über einfache Amerikaner äussern, dann oft nur mit Herablassung.

Die Eroberung des Westens sei in der Geschichte der USA ein stetes Druckventil gewesen, schreiben Sie. Ein Ventil wofür?

Zum Beispiel 1848: In Europa führte der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital vielerorts zu Revolutionen. Die USA kannten diese Klassenkonflikte ebenfalls, der Wohlstand war auch hier sehr ungleich verteilt: Es gab bitterste Armut neben immensem Reichtum. Aber als in Europa die Revolution losbrach, eroberten die USA die Hälfte Mexikos. Wer das Leben in der Fabrik an der Ostküste nicht mehr aushielt, ­erhielt von der US-Regierung ein Stück Land im Südwesten.

Auf Kosten der Ureinwohner und der Mexikaner.

Ja. Ich legitimiere die gewaltsame Eroberung des Westens ­natürlich nicht durch göttliche Vorsehung wie viele Historiker des 19. Jahrhunderts. Aber objektiv waren die USA so in der Lage, soziale Unruhen abzufedern. Das funktionierte allerdings nur, bis die Frontier, die Siedlungsgrenze, 1890 erreicht war. Seither gibt es dieses Ventil nicht mehr.

Als ob es ein Naturgesetz gäbe, das besagt, dass alle Frauen Hillary Clinton hätten wählen müssen!

Sie sind die erste Historikerin, die eine komplette Geschichte der USA in einem Band verfasst hat – und Sie räumen den Frauen darin viel Platz ein.

Mir wars wichtig, eine nationale Geschichte der USA nicht als ­reine Männerveranstaltung zu erzählen. In vielen politischen Geschichtsbüchern tauchen die Frauen ja erst dann auf, wenn sie das Stimmrecht einfordern – was natürlich falsch ist. Ihr Einfluss war schon vorher gross, sie hatten vor dem Stimmrecht Mittel, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen: vor allem die Moral. Der moralische Kreuzzug prägt die Politik der USA bis heute, und am effektivsten eingesetzt wurde er meistens von Frauen.

Woran sieht man das?

Schon kurz nach der Unabhängigkeit gab es die Erwartung an die Frauen, dass sie ihre Söhne zu tugendhaften Bürgern der jungen Republik erziehen. Aus dieser Position bezogen die Frauen eine moralische Über­legenheit. Sie durften sich nicht in ein politisches Amt wählen lassen, sie hatten nicht mal ein Stimmrecht – aber sie hatten moralisches Kapital und wurden geschickt darin, es auszuspielen. Es bildete die Grundlage für die Bewegungen zur Abschaffung der Sklaverei und zum Verbot von Produktion und Vertrieb von Alkohol im 19. Jahrhundert, die von Frauen getragen wurden. Hinzu kam ein Umstand, der das moralische Argument begünstigte: der weit verbreitete evangelikale Protestantismus.

Wo sehen Sie heute moralische Argumente am Werk?

Die christlich-konservative Bewegung des 20. Jahrhunderts wurde von Frauen in den Vor­orten aufgebaut: als moralischer Kreuzzug. Sie begannen in den Nachkriegsjahren den Kampf gegen das, was sie für Sünden des Liberalismus und Individualismus hielten, besonders die sexuelle Revolution mit dem Recht auf Abtreibung, Scheidung und der Forderung nach gleichen Rechten für Homosexuelle. Die Frauen waren und sind die Fusssoldatinnen in diesem Kampf.

Moral als politische Waffe ist also eine Erfindung der Frau?

Ich nenne es den weiblichen politischen Stil. Man kann auch die #MeToo-Bewegung in diesem Kontext sehen: als moralischen Kreuzzug. Hätten die Frauen mehr politische Macht, und wäre die Rechtsgleichheit zwischen Mann und Frau komplett umgesetzt, was sie nicht ist, dann gäbe es wohl keine #MeToo-Bewegung, die sich einer sehr moralischen Sprache bedient.

Wie hat Trumps Wahl die Debatte über die politische Rolle der Frauen verändert?

Ich fand die Überraschung bezeichnend, mit der viele Kommentatoren darauf reagierten, dass ein grosser Teil der Frauen in den Vorstädten und auf dem Land Trump wählten. Als ob es ein Naturgesetz gäbe, das besagt, dass alle Frauen Hillary Clinton hätten wählen müssen! Seither beschäftigen sich alle mit den Frauen in den Suburbs. Daraus spricht eine gewisse Betriebsblindheit. Die von Männer dominierte Medienblase hatte sich dem Stahlarbeiter in Pittsburgh gewidmet und dem Mineur in West Virginia. Aber was die Hausfrau im Vorort denkt, interessiert erst jetzt.

Sie beenden Ihr Buch über 500 Jahre US-Geschichte mit Trumps Wahl. Das war wohl kaum der ursprüngliche Plan.

(lacht) Ursprünglich wollte ich mit Obamas Inaugurationsfeier aufhören. Es wäre ein tolles Ende gewesen, egal, was man von ihm hält. Aber während ich am Buch arbeitete, wurde Trump ­gewählt, und es war klar: Das ist ein so einschneidender Moment, das muss ich behandeln.

Wie sehr hat dies den Ton verändert?

Nicht so sehr. Die ganze Historie der USA ist nicht eine andere geworden, nur weil Trump gewählt wurde, auch wenn es sich für ­viele gerade so anfühlt. Schon nach 9/11 begann vieles auseinanderzufallen. Ich baute das letzte ­Kapitel nicht grundlegend um. Und für ein Urteil über Trumps erste Jahre ist es einfach noch zu früh. Zudem besteht die Geschichte Amerikas aus viel mehr als nur dem Präsidenten.

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