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Fritz J. Raddatz ist tot

Der langjährige Feuilletonchef der «Zeit» ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Er war auf einzigartige Weise ein radikaler und zugleich sehr sensibler Kritiker.

Raddatz
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Keystone
Raddatz über Günter Grass: «Nun die schön geschminkten Lügen mit neuer Krone: ‚Ich habe nie auf den Nobelpreis gewartet', wiederholt er auf allen Sendern. Er wollte ihn immer.»  («Tagebücher 1982 - 2001»)
Raddatz über Günter Grass: «Nun die schön geschminkten Lügen mit neuer Krone: ‚Ich habe nie auf den Nobelpreis gewartet', wiederholt er auf allen Sendern. Er wollte ihn immer.» («Tagebücher 1982 - 2001»)
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«Ich bin in meiner gesamten Kindheit und Jugend nicht EINmal gestreichelt worden, in den Arm genommen, gar geküsst.»(«Tagebücher 2002 bis 2012»)
«Ich bin in meiner gesamten Kindheit und Jugend nicht EINmal gestreichelt worden, in den Arm genommen, gar geküsst.»(«Tagebücher 2002 bis 2012»)
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Er schrieb mit spitzer Feder und ohne Weichzeichner, konnte verletzend und bösartig sein. Erst im vergangenen Jahr hatte er seinen Abschied vom Journalismus erklärt. «Ich habe mich überlebt», schrieb er in einem Artikel für «Die Welt».

Sein – für manche Leser angesichts der Raddatz-Karriere etwas irritierendes – Lebensfazit hatte er in seinen 2014 erschienenen «Tagebüchern 2002-2012» formuliert. Der Mann, der mit den Reichen und Schönen, den kulturellen Grössen seiner Zeit Kontakt hatte, und in Hamburg, Nizza und Sylt lebte, resümierte: «Nein, ich hatte kein 'schönes', für (kurze) Strecken 'glückliches' – und das vielleicht gar irrig? – Leben.» Raddatz, 1931 in Berlin geboren, wuchs ohne Mutter auf. Seine Kindheit war überschattet von der brutalen Erziehung durch den Vater, einem preussischen Offizier. Nach der Schule studierte er unter anderem Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität in Ostberlin.

Auf die Promotion 1954 folgte ein Cheflektorat im Ost-Berliner Verlag «Volk und Welt». Später siedelte er in den Westen über, war stellvertretender Leiter des Rowohlt-Verlags und schliesslich «Zeit«-Ressortleiter in Hamburg.

Falsches Zitat kostete ihn den Job

Der schöngeistige Dandy, der offen bisexuell lebte, erntete während seiner Laufbahn Einfluss und Anerkennung, aber auch Spott und Häme. Etwa als ihn Ungenauigkeiten 1985 den Chefposten beim Feuilleton der «Zeit» kosteten - damals sass der Oberkritiker einem falschen Goethe-Zitat auf. Er selbst bezeichnete die Entlassung als «beruflichen Herzinfarkt», «hinausgeworfen wie ein Hund».

Raddatz veröffentlichte mehr als 25 Bücher - von Porträts und Biografien bis hin zu literarischen Reiseführern. Die Romantrilogie «Kuhauge» (1984), «Der Wolkentrinker» (1987) und «Abtreibung» (1991) war international erfolgreich. Mit seiner eitlen und mitunter gnadenlosen Art galt der «Unruhestifter» – so der Titel seiner Autobiografie – als streitbar und umstritten.

In seinen Tagebüchern ging er mit Künstlern, Politikern und Kollegen hart ins Gericht. Der Schriftsteller Botho Strauss ist bei ihm eine «eisenharte Mimose» und ein überschätztes «Sensibelchen», Altkanzler Helmut Schmidt pflege «grässliches Oberlehrergequatsche» und Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld sei ein «Kotzbrocken». «Genie, Geck, Galan. Paradiesvogel, Polemiker, Provokateur», schrieb der ehemalige «Zeit«-Herausgeber Theo Sommer einst über Raddatz. «Ein Mann der Manieren und Manieriertheiten. Flammend und flamboyant. Streitbar, damit er umstritten bleibt.»

Die BaZ war eine der letzten Medien die noch ein Interview mit ihm führten. Hier Teil 1 und Teil 2.

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