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Handschlag für ein wenig Hoffnung

Eine neue Biografie beschreibt Yitzhak Rabin als einen Politiker, für den ein Friede mit den Palästinensern nicht bloss eine Vision war. Seit seiner Ermordung haben sich die Fronten verhärtet.

Premiere im Weissen Haus, September 1993: Zu Gast bei US-Präsident Clinton reichen sich Rabin (l.) und Arafat die Hände. Foto: J. David Ake (AFP)
Premiere im Weissen Haus, September 1993: Zu Gast bei US-Präsident Clinton reichen sich Rabin (l.) und Arafat die Hände. Foto: J. David Ake (AFP)

Vieles von dem, was Israel in diesen Tagen beschäftigt, war schon für Yitzhak Rabin ein zentrales Thema: die Siedler und die Schaffung eines palästinensischen Staates. Aber zu Lebzeiten Rabins war das, was im Unter­titel der Biografie über Israels früheren Ministerpräsidenten angekündigt wird, tatsächlich eine Option: «als Frieden noch möglich schien».

Nach der Ermordung des Politikers Rabin durch den israelischen Extremisten Jigal Amir am 4. November 1995 gewann Benjamin Netanyahu die darauf­folgende Wahl und wurde zum ersten Mal Regierungschef – ein Amt, das der Politiker des rechtsnationalen Likud mit Unter­brechungen inzwischen zwölf ­Jahre lang innehat. Nach der Ermordung Rabins und der Wahl Netanyahus «begann Israel, sich mit grossen Schritten von Rabins Weg zu entfernen», schreibt der Biograf Itamar Rabinovich.

Anekdoten und Analysen

Der Autor war unter Rabin israelischer Botschafter in Washington und an Friedensverhandlungen mit Syrien beteiligt, die ­Israel und die USA damals als vielversprechender einschätzten als den parallel begonnenen ­Oslo-Friedensprozess, der 1993 zu einem aufsehenerregenden Abkommen, aber nie zu einem Abschluss führte.

Diese persönliche Beteiligung des Autors an Verhandlungen ermöglicht interessante Einblicke. Rabinovich, der Präsident der Universität Tel Aviv war, Nahostgeschichte lehrte und nun das renommierte Israel Institute ­leitet, gelingt es, Anekdoten aus Rabins Leben mit nüchternen Analysen eines Wissenschaftlers zu vereinen.

Er verklärt Rabin nicht, sondern beschreibt anschaulich dessen Wandlung vom radikalen Untergrundkämpfer in Palästina zum Soldaten und schliesslich vom Diplomaten zum Politiker. Der Autor zeichnet nicht nur ein sympathisches Bild und schildert die negativen Seiten seiner ­Persönlichkeit, wie Rabins jähzornige Ausfälle und seine über Jahrzehnte sehr persönlich ausgetragenen Kämpfe mit Shimon Peres, seinem Rivalen in der Arbeitspartei.

«Eine der grössten Bedrohungen für den Staat Israel»

«Das prägendste Erlebnis in ­Rabins Leben» war nach Einschätzung seines Biografen der Kampf um die Unabhängigkeit des 1948 ausgerufenen Staates Israel, die Rabin als Anführer der paramilitärischen Palmach erlebte. ­Danach war Rabin, trotz Differenzen mit Staatsgründer David Ben-Gurion, am Aufbau der ­Armee beteiligt. 1967 war ­Rabin als Generalstabschef der Armee für einen präventiven Krieg und setzte sich gegen den zögerlichen Ministerpräsidenten Levi Eshkol durch.

Im Sechstagekrieg eroberte Israel unter anderem die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem – Gebiete, die noch heute im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stehen. «Aus dem Rückblick erscheint der Triumph als sehr zweifelhafter Segen», schreibt Rabinovich.

Die israelischen Siedler, die damals begannen, sich im ­besetzten Westjordanland festzusetzen, bezeichnete Rabin 1976 als «eine der grössten Bedrohungen für den Staat Israel. Das ist keine Siedlerbewegung, das ist ein Krebsgeschwür im sozialen und demokratischen Gewebe ­Israels, eine Gruppierung, die das Gesetz in die eigenen Hände nimmt.» Diese Einschätzung ­erwies sich als richtig, die Siedlerbewegung errichtete illegal Aussenposten im besetzten Westjordanland, die aber nach und nach legalisiert wurden.

«Er war kein Blumenkind»

Inzwischen leben rund 500'000 Israelis in 120 Siedlungen und zwei Millionen Palästinenser im Westjordanland. Es dauerte bis in die 90er-Jahre, ehe Rabin die PLO und damit Yassir Arafat ­offiziell als Gesprächspartner ­anerkannte. Als Verteidigungsminister liess er den 1987 ausgebrochenen Aufstand der Palästinenser, die erste Intifada, brutal niederschlagen. Der frühere amerikanische Aussenminister Henry Kissinger beschrieb Rabin nüchtern: «Yitzhak war kein Blumenkind».

Aber schliesslich reifte in Rabin die Einsicht, dass Israel aus strategischen Gründen Frieden mit den Palästinensern suchen müsse. Ihm sei es immer um Israels Sicherheitsinteressen gegangen, schreibt sein Biograf, diese ­seien «untrennbar verknüpft mit dem Streben nach Frieden». Rabin war zu schmerzhaften Zugeständnissen an die Araber bereit, auch um internationale Legitimität zu erlangen und die Staatsgrenzen Israels abzustecken, was bis heute nicht endgültig geschehen ist. Er führte auch 1994 den Friedensvertrag mit Jordanien herbei. Rabinovich weist darauf hin, dass in dessen erster Amtszeit als Ministerpräsident die Vorarbeiten für den 1979 unter Menachem Begin mit Ägypten abgeschlossenen ­Friedensvertrag geleistet worden seien.

Sein militärischer Hintergrund verschaffte Rabin in Israel Glaubwürdigkeit und Autorität. Er war kein charismatischer Anführer, aber er hat sich zum Staatsmann entwickelt durch seine Fähigkeit, eine Vision zu entwerfen und zu verfolgen.

Der Biograf gibt Netanyahu ­indirekt eine Mitschuld am Tod Rabins. Er habe sich von Mordaufrufen und Hetze nicht offen distanziert und diese salonfähig gemacht. Den Unterschied zwischen Rabin und Netanyahu ­beschreibt Rabinovich so: Rabin habe eine Politik gemacht, damit Israel nicht für immer mit dem Schwert leben müsse. ­Netanyahu dagegen habe am 20. Jahrestag der Ermordung Rabins erklärt: «Wir werden für immer mit dem Schwert leben.» Das Buch ist so ein Schlüssel zum besseren Verständnis von Israels Politik.

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