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Ihre Krimis schreibt sie gerne auf Bali

Die Berner Autorin Christine Brand reist um die ganze Welt und verfasst dabei Krimis. Gerade ist ihr neuer Roman «Blind» erschienen. Er fesselt von der ersten bis zur letzten Seite.

Zwischenstopp in Bern: Christine Brand ist zurzeit auf Promotionstour für ihren neuen Krimi. Eigentlich schreibt sie aber schon am übernächsten Band. Foto: Raphael Moser
Zwischenstopp in Bern: Christine Brand ist zurzeit auf Promotionstour für ihren neuen Krimi. Eigentlich schreibt sie aber schon am übernächsten Band. Foto: Raphael Moser

Davon träumt jede Autorin: Im Mai 2017 erhielt Christine Brand einen Anruf des renommierten deutschen Verlags Blanvalet. Dieser bot ihr einen grosszügigen Vorschuss an für ihren Kriminalroman «Blind». Da wusste die Berner Journalistin, das ist die Chance, ihren Brotjob aufzugeben und ganz auf das Schreiben zu setzen.

«Ich habe zwar weniger Komfort als früher, aber diesen Preis zahle ich gerne für mehr Freiheit.»

Autorin Christine Brand

Kurz entschlossen kündigte sie ihre Stelle als Gerichtsreporterin bei der NZZ am Sonntag, gab ihre Wohnung in Bern auf, verschenkte Möbel und Kleider und reiste los. Seither verbringt die 45-Jährige den grössten Teil des Jahres im Ausland, vorzugsweise auf Bali oder Sansibar. Sie sucht Hausbesitzer, die sie gratis ein paar Wochen bei sich wohnen lassen. Dafür hütet sie im Gegenzug die Haustiere der Verreisten. In der freien Zeit schreibt sie an ihren Büchern.

Eng an Realität angelehnt

Momentan ist Christine Brand in Bern auf Durchreise. Bei einem Treffen erzählt sie von ihrem neuen Leben. Gerade hat sie wieder einen Monat in Afrika verbracht. Ihre Augen strahlen, wenn sie erzählt, wie sie dort – falls sie gerade auf keine Hunde aufpasst – in einem Haus lebt, wo sie das Bad mit sieben anderen Personen teilen muss. «Ich habe zwar weniger Komfort als früher, aber diesen Preis zahle ich gerne für mehr Freiheit», sagt sie.

Existenzängste habe sie keine: «Seit ich meinen Job gekündigt habe, haben sich plötzlich mehrere Leute bei mir gemeldet und mir Projekte angeboten.» So wird Christine Brand unter anderem in einer Podcast-Serie über ein Schweizer Verbrechen berichten.

Die kommenden Wochen verbringt sie in der Schweiz, weil sie für ihren Krimi «Blind» Werbung macht. Auch in dieser Zeit wohnt sie sehr sparsam – in einer Zweizimmerwohnung in Zürich, die sie sich mit einem WG-Kollegen teilt.

Im Zentrum des neuen Buchs steht der blinde Nathaniel. Dieser hat sein Augenlicht bei einem Familiendrama verloren, das er als Einziger überlebt hat. Christine Brand liess sich von einem wahren Fall inspirieren, der sich 1986 in Lotzwil zugetragen hat. Dieser Nathaniel sucht nun über die App Be My Eyes, die es ebenfalls tatsächlich gibt, jemanden, der ihm sagen kann, welches seiner Hemden das blaue ist.

Während er mit einer Frau telefoniert, hört er plötzlich einen Schrei. Die Verbindung reisst ab. Er ist sich sicher, dass der Frau etwas Schlimmes zugestossen ist. Aber keiner glaubt ihm. Immerhin hilft ihm die befreundete Journalistin Milla, mehr zu erfahren. Doch sie kommen dem Rätsel nur langsam auf die Spur – und für die Frau, die sie suchen, wird die Zeit immer knapper.

Viel Insiderwissen

Einen Blinden zur Hauptperson eines Krimis zu machen, ist ungewöhnlich. Doch genau darin liegt ein grosser Teil des Reizes von «Blind». Gekonnt fühlt sich die Autorin in den jungen Mann ein und bringt den Leserinnen und Lesern den Alltag eines Blinden näher. «Ich kam auf die Idee, weil ich selbst einmal einem Blinden per App geholfen habe, das richtige Kleidungsstück auszuwählen», sagt Christine Brand. «Ich stellte mir vor, was er tun würde, wenn mir plötzlich etwas passieren würde.»

Der Krimi wirkt sehr authentisch: Wenn die Autorin beschreibt, wie die Journalistin Milla arbeitet, kann sie aus ihrer eigenen Erfahrung bei Fernsehen und Printmedien schöpfen. Auch die Mechanismen von Polizei und Justiz kennt sie dank ihrer jahrelangen Arbeit als Gerichtsreporterin: «Ich habe ein grosses Netzwerk und kann zum Beispiel bei einem Rechtsmediziner jederzeit nachfragen, wann sich eine Leiche in welchem Zustand befindet.»

Der Krimi besticht nicht nur durch Fachwissen, auch der Plot überzeugt: Bis zum Schluss tappt man im Dunkeln, wie die verschiedenen Handlungsstränge zusammenhängen. Gespannt folgt man Nathaniel und Milla, welche die einzelnen Puzzleteile langsam zusammensetzen. Die Lösung ist raffiniert und auch psychologisch nachvollziehbar.

Zweiter Band schon fertig

Die Faszination für Tod und Verbrechen sei schon früh in ihr geweckt worden, sagt Christine Brand, die im Emmental aufgewachsen ist. «Rechts von uns wohnte der Jägermeister, links der Metzger – und mein Vater, der Dorfschreiner, führte ein Bestattungsinstitut.» So sah sie regelmässig Tote und verlor die Angst vor ihnen. Vom Vater hörte sie auch die eine oder andere Geschichte von Todesfällen, bei denen jemand nachgeholfenhatte.

Ebenfalls prägend war der Mordfall Zwahlen in Kehrsatz 1985. «Ich schwänzte damals das Lehrerseminar, weil ich unbedingt am Gerichtsprozess dabei sein wollte», erzählt Christine Brand. Dass das Opfer den gleichen Vornamen trug wie sie, dass die Leiche in einer Kühltruhe gefunden wurde – all diese Details faszinierten sie. Bald war klar, dass sie nicht als Lehrerin arbeiten wollte, sondern lieber als Journalistin, die über Gerichtsfälle berichtet.

Im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit schrieb sie auch ihr erstes Buch. Es heisst «Schattentaten» und handelt von spektakulären Verbrechen im Kanton Bern. «Später fragte mich eine Freundin, ob ich für eine Anthologie einmal einen fiktiven Fall erzählen möchte», sagt Christine Brand.

Sie tat es und war begeistert. Seither hat sie mehrere Krimis verfasst – aber immer nur nebenbei. Priorität hatte stets ihre Arbeit auf der Redaktion. «Jetzt habe ich endlich Zeit, richtig in die Geschichten einzutauchen», sagt sie. Das zeigt sich im Ergebnis: «Blind» ist mehr als ein beschaulicher Berner Regionalkrimi. Angesichts seiner Komplexität braucht er den Vergleich mit den beliebten Schweden-Krimis nicht zu scheuen.

Dass bereits eine Trilogie namens «Milla Nova ermittelt» geplant ist, spricht zudem für das Vertrauen, das der Verlag in seine Autorin setzt. Der Fortsetzungsroman zu «Blind» ist schon fertig geschrieben. Erscheinen wird das Buch voraussichtlich im Frühling 2020. Ein wichtiger Schauplatz wird das Berner Inselspital sein. Mit dem dritten Band hat Christine Brand gerade angefangen. Im Juni wird sie wieder abreisen und weiter daran arbeiten. Wohin, weiss sie noch nicht.

Christine Brand: «Blind», Verlag Blanvalet, 446 Seiten.Buchvernissage: 12. 3., 20 Uhr, Orell Füssli im Loeb, Bern.

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