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«Im Dialekt gibt man sich preis»

Überraschend aktuell wirken die zeitkritischen und sprachspielerischen Mundarttexte des Berner Schriftstellers Walter Vogt (1927–1988). Publizist Fredi Lerch hat sie nun unter dem Titel «hani xeit» herausgegeben.

Literarischer Vorreiter: Walter Vogt. Foto: Horst Tappe (Keystone)
Literarischer Vorreiter: Walter Vogt. Foto: Horst Tappe (Keystone)

«Do hani xeit, herr diräkkter, hani xeit, dr hirzel hegxeit, herr diräkkter, hani xeit, dr gresly hegxeit, hetter xeit, hani xeit, herr diräkkter – da hanims aber de xeit...» Nein, das ist kein Zitat eines jungen Rappers an einer aktuellen Performance von Spoken Word: Den rhythmischen Text aus etwa dreihundert Wiederholungen schrieb der Berner Autor und Psychiater Walter Vogt vor rund einem halben Jahrhundert.

Ebenso den «ibiganzschtuurmumpferloorebluus» und eine Handvoll kleiner Prosa- oder ­Lyrikstücke, deren kürzestes lautet: «mängisch isch öppis/no schnäu/es Gedicht».

Im Nachlass entdeckt

Dem Vergessen entrissen hat sie der Berner Publizist Fredi Lerch, der im Auftrag der Christoph-Geiser-Stiftung für das Schweizerische Literaturarchiv (SLA) Walter Vogts Nachlass ordnete: «Dreissig Laufmeter Papier im Keller des SLA...», erinnert er sich.

Dabei habe der Schriftsteller seine vor 1974 entstandenen ­Manuskripte weggeworfen, neun Kehrichtsäcke voll. Erhalten geblieben ist, neben dem bereits Gedruckten, ein Dutzend Durchschläge seiner Briefe an Kurt Marti – und in dessen Nachlass rund dreihundert Briefe und Karten Vogts.

«Sie hatten sich viel zu sagen», weiss Lerch, «sie diskutierten über Theologie, Mundart oder die Gruppe Olten, die Vogt 1976 bis 1980 präsidierte.» Für seinen Freund übersetzte Walter Vogt das Vaterunser auf Berndeutsch (siehe Kasten), was dieser für unmöglich gehalten hatte.

Beide traten 1967 auf im Theater am Zytglogge, zusammen mit Peter Bichsel, Ernst Eggimann, Sergius Golowin, Peter Lehner und Gertrud Wilker. «modern mundart», der Titel des denkwürdigen Abends, wurde zum Begriff: als Absage an die Heimattümelei des «Bluemete Trögli», als Manifest für Dialekt als Kunstsprache.

Vorbild war die «Konkrete Poesie» von Eugen Gomringer oder H. C. Artmann mit ihrer phonetischen Schreibweise. Für seine Radiomanuskripte verwendete Vogt eine weniger konsequente und damit leichter lesbare Version.

Dialekt ist direkt

Die ebenso schwierige wie befruchtende Stellung zwischen Dialekt und Hochsprache beschäftigte ihn: «D Tatsach, dass me die Schpraach, wo mir rede, nid cha schribe, und dass me die Schpraach, wo mir wool odr übel müesse schribe, nid cha uusschpräche...» Und darüber hinaus: «Die Verwendung der Hochsprache schützt den Sprecher. Im Dialekt gibt man sich preis.»

Darüber spricht er auch in seinen Kolumnen, die Radio Beromünster zwischen 1970 und 1979 ausstrahlte, erst im Gefäss «Zeitraffer», dann «Zum neuen Tag». Zum Glück sind sie nun zwischen Buchdeckeln erhalten – als Hördokument existiert nur noch ein einziges Beispiel.

Denn was Vogt sagt zur Sinnentleerung christ­licher Traditionen, zur medialen Umsetzung der Wirklichkeit und vor allem zu unserer fehlenden «Umwältkultur», wirkt hoch­aktuell. Ornithologisch versiert, beklagt er zum Beispiel das Verschwinden bestimmter Vogel­arten – kürzlich ein Schlagzeilenthema in der Schweizer Presse.

Bewundernswert ist auch die selbstironische Reflexion seines Berufsstandes, besonders eindrücklich im Radiofeature «Tinnkwisizioon»: das beklemmend inquisitorische Aufnahmegespräch einer in die Psychiatrie eingewiesenen Frau.

Hommage an einen Pionier

Die Deutsch geschriebenen Romane, Erzählungen, Essays und dramatischen Arbeiten des wichtigen Nonkonformisten sind in der zehnbändigen Gesamtausgabe (Nagel & Kimche 1991–1997) greifbar und noch immer lesenswert. Nun wird er auch als innovativer Mundartpionier dokumentiert in der Edition Spoken Script, die sich sonst vor allem Zeitgenössischem widmet.

Für Matthias Burki, den Verlagsleiter von Der gesunde Menschenversand, ist Walter Vogt einer der ­Väter der heutigen performativen Literatur. So sehen es auch die Autoren von «Bern ist überall», Pedro Lenz, Beat Sterchi und Guy Krneta, der Initiant der Vernissage. Vielleicht entdeckt damit auch ein jüngeres Publikum einen zu Unrecht ziemlich vergessenen grossen Berner Schriftsteller.

Walter Vogt: «hani xeit», Der gesunde Menschenversand. Vernissage:Kurt Marti («Wo chiemte mer hi») und Walter Vogt («hani xeit»), mit Andreas Mauz und Fredi Lerch (Hrsg.), Guy Krneta und Meret Matter. Heute, 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher, Bern.

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