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«Imperium mit blutigen Händen»

Drastische Worte des Chinesen Liao Yiwu: Der neue Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels kritisierte die «brutale Unterdrückung» in seinem Heimatland.

Wegen «Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda» verurteilt: Yiwu Liao vor der Preisübergabe in Frankfurt. (14. Oktober 2012)
Wegen «Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda» verurteilt: Yiwu Liao vor der Preisübergabe in Frankfurt. (14. Oktober 2012)
Keystone

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu hat anlässlich der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am Sonntag in Frankfurt die Regierenden in Peking scharf kritisiert. China sei ein «menschenverachtendes Imperium mit blutigen Händen», das nur noch vom Profitdenken zusammengehalten werde, sagte der 53-Jährige, der in seiner früheren Heimat vier Jahre im Gefängnis sass und gefoltert wurde.

Liao zeichnete in seiner auf Chinesisch gehaltenen Rede ein düsteres Bild Chinas als Staat, der seine Bürger brutal unterdrücke. «Dieses Imperium muss auseinanderbrechen», wiederholte der Schriftsteller während seiner Rede mehrfach auch auf Deutsch. «Dieses menschenverachtende Imperium mit den blutigen Händen, die Ursache für so viel Leid in der Welt, dieser unendlich grosse Müllhaufen muss auseinanderbrechen.»

Der Schriftsteller nannte das Beispiel eines neunjährigen Jungen, der am 4. Juni 1989 aus Neugier zu den Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens ging und von einer Kugel niedergestreckt worden sei. «Noch viele andere starben in diesem Augenblick im Kugelhagel. Doch er war der Jüngste.»

Gedicht zum Tiananmen-Platz

Liao war in China Anfang der 90er Jahre wegen «Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda» zu vier Jahren Haft verurteilt worden, unter anderem weil er in seinem Gedicht «Massaker» die brutale Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz an deren Vorabend fast prophetisch vorweggenommen hatte.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis verfasste Liao den Reportagezyklus «Fräulein Hall und der Bauernkaiser» über Chinesen am unteren Rand der Gesellschaft. Wegen der anhaltenden Repressalien durch die Behörden reiste er schliesslich aus. Seit 2011 lebt Liao mit einem Künstlerstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD in Deutschland.

Liao, dessen Werke und selbst die Nennung seines Namens in China untersagt sind, erhielt den mit 25'000 Euro dotierten Friedenspreis in der Frankfurter Paulskirche. Anwesend waren auch Bundespräsident Joachim Gauck, der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier und weitere Würdenträger aus Politik und Gesellschaft.

Kritik auch am Westen

Schwere Vorwürfe erhob der Autor auch gegen den Westen. Viele seien heute der Ansicht, der wirtschaftliche Aufschwung Chinas werde zwangsläufig politische Reformen nach sich ziehen «und aus einer Diktatur eine Demokratie machen». Deshalb wollten jetzt die Staaten, die einst wegen des Tiananmen-Massakers Sanktionen verhängten, «die ersten sein, die den Henkern die Hand schütteln und mit ihnen Geschäfte machen». Sie würden dies tun, «obwohl dieselben Henker noch immer Menschen inhaftieren und umbringen».

Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, würdigte Liao als unerschrockenen und sprachmächtigen Volksschriftsteller, der «den unter Repression und Unterdrückung leidenden Menschen seines Volkes zu einer Stimme verholfen hat». Er stehe ein für Menschenwürde, Freiheit und Demokratie.

Liaos neuestes Werk «Die Kugel und das Opium» handelt von Gesprächen des Autors mit Überlebenden des Tiananmen-Massakers. Für die Mütter, die damals ihre Kinder verloren haben, schrieb Liao ein Lied, das er am Sonntag erstmals vortrug. Darin heisst es: «Mein Kind, bist du im Jenseits einsam?» Die Anwesenden ehrten Liao danach mit anhaltendem, stehendem Applaus.

(AFP)

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