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Israelis machen sich stark für Grass

Der israelische Innenminister erklärte Grass zur Persona non grata und hätte ihm am liebsten gleich den Nobelpreis aberkannt. Unterstützung erhält der Dichter nun aber ausgerechnet aus Israel.

«Grass ist kein Antisemit»: Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland Avi Primor.
«Grass ist kein Antisemit»: Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland Avi Primor.
Keystone
Kritisiert das Einreiseverbot an Günter Grass: Der israelische Publizist und Historiker Moshe Zimmermann. (Archivbild)
Kritisiert das Einreiseverbot an Günter Grass: Der israelische Publizist und Historiker Moshe Zimmermann. (Archivbild)
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Mit einem bekannten, nicht minder umstrittenen Kollegen: Grass an der Seite von Salman Rushdie. (Oktober 1997)
Mit einem bekannten, nicht minder umstrittenen Kollegen: Grass an der Seite von Salman Rushdie. (Oktober 1997)
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Der israelische Innenminister Eli Jishai nahm kein Blatt vor den Mund, als er gestern das Einreiseverbot gegen Günter Grass verkündete: Der deutsche Intellektuelle sei für ihn mit seinen Äusserungen vollständig in die Kategorie «Nazi» gerutscht, berichtet die «Financial Times Deutschland». «Es ist mir eine Ehre ihm die Einreise ins Heilige Land zu verbieten», sagte der Vorsitzende der orthodoxen Shas-Partei.

Um die Seitenhiebe auf die Vergangenheit von Grass bei der Waffen-SS zu untermauern griff Jishai für das Einreiseverbot auf ein Gesetz zurück, dass es der Regierung erlaubt, ehemaligen Nazis die Einreise ins Land zu verweigern. «Wenn Grass weiter seine verdrehten und lügnerischen Werke verbreiten will, schlage ich vor, er macht das vom Iran aus», sagte Jishai, wie die Nachrichtenagentur dapd berichtet. Zugleich empfände es der Innenminister als angemessen, wenn Grass der Literaturnobelpreis aberkennt würden, den der 84-Jährige im Jahr 1999 erhalten hatte.

Unterstützug vom israelischen Botschafter

Es gibt aber auch Stimmen, die Grass den Rücken stärken. Die Unterstützung kommt nicht nur aus seinem Heimatland Deutschland oder von Schweizer Berufskollegen (wie Redaktion Tamedia berichtete), sondern auch aus Israel, dem Land, das der Literaturnobelpreisträger in seinem Gedicht «Was gesagt werden muss», scharf kritisierte. Avi Primor, der frühere israelische Botschafter in Deutschland hat das verhängte Einreiseverbot kritisiert. Die Massnahme gegen den Literaturnobelpreisträger sei «übertrieben» und «populistisch» sagte Primor gestern Abend in den ARD-«Tagesthemen».

«Ich glaube, dass der Innenminister gar nichts von Deutschland versteht. Er betreibt Innenpolitik. Ich halte das für falsch», erklärte Primor. Für ihn sei Grass kein Antisemit. «Ich weiss, wovon ich spreche.» Zugleich kritisierte der Diplomat aber auch Grass' israelkritisches Gedicht. Die darin geäusserte Behauptung, Israel wolle den Iran auslöschen, sei lächerlich.

Auch seien die Sorgen der israelischen Regierung berechtigt, dass der Iran Atomwaffen bauen könnte, meinte Primor. Schliesslich habe nicht nur der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad sondern auch der oberste Führer des Irans, Ayatollah Ali Khamenei, von der Auslöschung Israels gesprochen.

«Ein Versuch von Zensur»

Der israelische Publizist und Historiker Moshe Zimmermann kritisierte in einem Gastbeitrag auf «Spiegel online» ebenfalls das Vorgehen der Politik seines Heimatlandes. Es sei nicht Aufgabe der Politik «sich über Aussagen von Künstlern und Schriftstellern zu beschweren und sie als Rechtfertigung für politische Massnahmen zu missbrauchen.» Dies sei «ein Versuch von Zensur» und könne Intellektuelle künftig gleich ganz abschrecken, sich über Israel zu äussern. Ohnehin habe das Einreiseverbot überhaupt keinen praktischen Effekt, weil Grass schon nach einem Israel-Besuch vor rund 40 Jahren beschlossen habe, dieses Land künftig zu meiden, so Zimmermann. Der Schriftsteller wurde damals bei einer Lesung mit Tomaten beworfen.

In Deutschland kam es gestern zu regelrechten Protestmärschen, bei denen Grass die Unterstützung zugesprochen wurde. Wie der «Stern» betonte etwa die bundesweite Informationsstelle Ostermarsch am Ostersonntag in Frankfurt am Main, dass es kein Recht auf Präventivkriege und Erstschläge gebe. Was Grass angestossen habe, könne «nicht als antisemitisch unter den Teppich gekehrt werden», sagte ein Redner.

In seinem Gedicht «Was gesagt werden muss» hatte Grass Israel vorgeworfen, mit seinen Atomwaffen im Iran-Konflik den Weltfrieden zu gefährden. Zudem kritisiert er die deutsche Haltung in der Frage und prangert U-Boot-Lieferungen für Israel an. Der 84-Jährige entfachte mit seinem in der vergangenen Woche in mehreren Zeitungen veröffentlichten Werk eine heftige politische Debatte im In- und Ausland.

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