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«Jeder sollte ein Tagebuch führen»

Über Jahre hinweg hat Künstler Ursus Wehrli seine Gedanken aufgeschrieben. Wieso die Welt eine andere wäre, wenn das alle machen würden.

In seinem Tagebuch schreibt Ursus Wehrli über die Banalitäten des Alltags. Fotos: Ursus Wehrli
In seinem Tagebuch schreibt Ursus Wehrli über die Banalitäten des Alltags. Fotos: Ursus Wehrli

Anne Frank hat Tagebuch geschrieben, weil sie keine richtigen Freunde hatte. Christoph Kolumbus, damit er seine Erlebnisse auf hoher See überliefern konnte. Warum haben Sie es getan?

Ich glaube, es ist ein Festhalten. Viele Dinge sind für mich einen Tag lang wichtig, aber nach einer Woche weiss ich schon nicht mehr, was war. Ich finde es schade, dass alles verpufft.

Weshalb?

Weil ich auch später noch in meinen Erinnerungen und Überlegungen wühlen will. Es ist faszinierend, wie sich die eigene Meinung über die Jahre ändert. Vieles bekommt eine andere Tiefe. Ich räume gerade mit meinen Geschwistern den Nachlass meines Vaters. Zu lesen, welche Sachen ihm 1942 oder 1960 wichtig waren, finde ich sehr spannend.

Haben Sie deshalb Ihr eigenes Tagebuch veröffentlicht? Um Einblick in Ihr Leben zu geben?

Nein. Ich habe dieses Tagebuch als Kunstfigur Herr Wehrli geschrieben, der auch schon Kunst aufgeräumt und Essen nach Grösse sortiert hat. Es geht mir mehr um die Fantasiewelten und Gedankenschlenker, zu denen ich die Leser mitnehmen will. Aber es sind schon auch Sachen drin, die mich als Privat-Urs interessieren. Zusätzlich führe ich aber auch noch ein persönliches Tagebuch.

Als Kunstfigur Herr Wehrli hat Ursus Wehrli auch schon Kunstwerke «aufgeräumt».
Als Kunstfigur Herr Wehrli hat Ursus Wehrli auch schon Kunstwerke «aufgeräumt».

Verarbeiten Sie dort Ihre tiefsten Gefühle, die für das Buch zu privat sind?

Nicht wirklich. Ich finde diese emotionalen Berg- und Talfahrten mässig spannend, weil sie schnell an Relevanz verlieren. Mich faszinieren die Banalitäten des Lebens.

Der österreichische Autor Arthur Schnitzler empfand das Tagebuchschreiben als ein «wohltuendes Gefühl, mit jemandem zu plaudern, der einem nicht widersprechen kann». Stimmen Sie zu?

Definitiv. Es ist wie ein Selbstgespräch, bei dem mir ständig neue Argumente in den Sinn kommen. Es ist nicht nur einfach ein Notieren, von allem, was ich eh schon weiss. Ich habe meistens einen Ansatz und will etwas aufschreiben. Aber plötzlich merke ich, ah, darum denke ich so. Ich lerne mich quasi neu kennen. Das ist schön.

Schnitzler bezeichnete das Tagebuch als «Spucknapf seiner Stimmungen».

Das ist mir zu intellektuell.

Ist das Tagebuch für Sie ein Beichtstuhl?

Nicht wirklich.

«Es gibt Momente, in denen ich merke, das kann ich jetzt niemandem direkt sagen. Trotzdem will ich es irgendwo abladen.»

Ursus Wehrli

Ein Ort zum Ablästern?

Das schon eher. Es gibt Momente, in denen ich merke, das kann ich jetzt niemandem direkt sagen. Trotzdem will ich es irgendwo abladen. Das Tagebuch ist dann ein dankbares Auffangobjekt.

Sind Sie nach dem Schreiben entspannter?

Wahrscheinlich schon. Das Von-Hand-Schreiben an sich ist etwas sehr Meditatives. Es braucht eine gewisse Zeit. Manchmal komme ich nicht zum Schreiben, weil es schon spät ist und ich ins Bett will. Dann fehlt mir etwas.

Wann ist eine gute Zeit zum Schreiben?

Unter dem Tag geht es schlecht. Am Morgen gibt es bei mir oft ein paar Stunden, in denen ich Zeit und Musse habe. Viele Gedanken kommen blöderweise aber just vor dem Einschlafen. Dann kritzle ich sie im Dunkeln auf einen Zettel und frage mich am nächsten Morgen, was ich wohl damit gemeint habe.

Würden Sie das Tagebuchschreiben weiterempfehlen?

Unbedingt, jeder sollte ein Tagebuch führen. Wenn sich alle täglich fünf Minuten Zeit nehmen würden, um die Gedanken fliessen zu lassen, würde die Welt ziemlich anders aussehen.

Inwiefern?

Manche Menschen würden vielleicht nicht das machen, was sie heute tun. Durchs Schreiben lernt man, sich selbst ernster zu nehmen und seine Bedürfnisse besser zu spüren. Viele haben so geregelte Arbeitstage, dass sie gar nicht dazu kommen, auf ihrer täglichen Alltags-Autobahn aus dem Fenster in die Umgebung zu schauen, geschweige denn eine Ausfahrt zu nehmen, die ihrem Leben eine neue Richtung geben könnte.

Ursus Wehrli: Heute habe ich beinahe was erlebt. Ein Tagebuch. Kein & Aber, Zürich 2020. 160 S., ca. 20 Fr.

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