Kein Schund

Der Bieler Patrick Savolainen hat ein seltsames Buch geschrieben. «Farantheiner» schwebt zwischen Schund­roman und Schreibübungen, verknüpft Cowboyromantik mit Formfragen. Was geht bloss in diesem 30-Jährigen vor?

Der ewige Gast: Patrick Savolainen pendelt zwischen den nordischen Ländern und Bern. Das hat sich so ergeben, und es klingt gut.

Der ewige Gast: Patrick Savolainen pendelt zwischen den nordischen Ländern und Bern. Das hat sich so ergeben, und es klingt gut. Bild: Susanne Keller

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«Ich habe ja eigentlich keine Lebenspläne. Ausser im Bereich der Sprache: Irgendwann möchte ich gut Finnisch sprechen.» Patrick Savolainen sitzt an einem Sonntagnachmittag in einem Berner Café, den Espresso hat er schon ausgetrunken, auf ex an der Bar, er spricht in einem breiten Berndeutsch, ein waschechter Bieler, der sich am Vortag an der Badi-Eröffnung einen leichten Sonnenbrand zugezogen hat und eben seinen ersten Roman ver­öffentlicht hat: «Farantheiner».

Dabei ist die Biografie des ­30-Jährigen eine internationale: Geboren im spanischen Malaga, «meine Eltern haben damals für einige Zeit dort gelebt, aber ich spreche nicht einmal Spanisch», Kindheit in Biel, der Vater ein Finne. Die Freundin eine schwedischsprachige Finnin, die in Stockholm arbeitet. Und Savo­lainen selbst? Hier und dort zu Hause, «er lebt und schreibt in den nordischen Ländern und in der Schweiz», wie es in Biografien gern betont wird, so auch in seiner.

Trump auf Schwedisch

«In Stockholm bin ich der ewige Gast», sagt er am Bistrotisch und lacht nicht. Er macht oft solche Bemerkungen, zu trocken, als dass er sie ernst meinen könnte. Aber schreiben könne er gut in Stockholm, «ich bin produktiver, wenn ich nicht im deutsch­sprachigen Raum bin, ich spreche dann nur Schwedisch, lese schwedische Zeitungen, und Meldungen über Trump sind in dieser Sprache erträglicher».

In Stockholm, manchmal auch in Helsinki bei seinem Vater schreibt er. Dann kommt er wieder nach Bern, wo er bei Freunden Unterschlupf findet. Das Schreiben ist hier schwieriger, «vielleicht auch, weil ich ein bisschen sozial bin», sagt er nebulös. Und erklärt, er helfe da und dort aus, wenn Not am Mann sei, zum Schreiben komme er weniger als im Ausland. Immerhin verdient er hier Geld.

In der Länggasse betreibt er mit einer Kollegin das Grafikerbüro Affolter/Savolainen, parallel zum Literaturinstitut in Biel hat Savolainen in Bern Grafik studiert. Es ist weit mehr als ein Brotjob, Grafik ist Savolainen ebenso wichtig wie Schreiben. Und in jenem Bereich kann und will er im Gegensatz zum Schreiben auch Geld verdienen. «Schreiben will ich total autonom, das muss finanziell nicht rentieren», sagt er.

«Schreiben will ich total autonom,  das muss finanziell nicht rentieren.»Patrick Savolainen

Texte mit Bostitch

Das Schreiben ist schon lange da, mit 17 Jahren stand er erstmals auf der Poetry-Slam-Bühne, fiel auf mit witzigen Texten über seinen Alltag als Lagerist in der Migros und damit, dass er seine Texte auf kleine Zettelchen schrieb, die er mit Bostitch zu winzigen Heften zusammenfügte. Doch die Schenkelklopfstimmung an Slams war Savolainen schnell zu viel, er hörte wieder auf mit den Auftritten.

Ging ans Literatur­institut, es war damals ganz neu, mit heute bekannten Autoren wie Michelle Steinbeck, Wolfram Höll und Michael Fehr besuchte er den zweiten Ausbildungsgang. Mit ihnen und einigen anderen trifft er sich weiterhin regelmässig, man hat einen Stammtisch, seit der Montagsnachmittagsveranstaltung «Positionen im literarischen Feld», bei der sich Ver­lage präsentieren kamen und dabei immer nach demselben Schema ins trübselige Horn bliesen. «Nach dieser Vorlesung brauchten wir jeweils ein Bier.» Später hat Savolainen zeitweise in einer WG mit Raphael Urweider gewohnt. Dem «Literaturkuchen» weicht er dennoch aus. «Ich interessiere mich mehr für Bücher als den Betrieb.»

Zeitlose Wildwestromantik

Nun hat er trotzdem ein Buch geschrieben. Sechs Jahre nach Abschluss des Literaturinstituts. «Farantheiner» lag schon lange halb fertig herum. Während des Studiums hatte Savolainen daran gearbeitet. Als Ausgangspunkt hatte er einen Schundroman genommen, «den einzigen Schundroman, den ich jemals las». Sein Freund Wolfram Höll hatte ihn ihm geschenkt: «Für eine Nacht ohne Tabus» von Sandy Steen. «Die Handlung ist so stereotyp und allgemeingültig, dass es zum Weiterschreiben animiert», sagt Savolainen.

Tatsächlich spielt auch «Farantheiner» in einer zeitlosen Wildwestromantik, mit Sukkulenten, Pferdepflegern und einem Grossgrundbesitzer, Farantheiner mit Namen. Doch dieser Farantheiner verblutet an einem Pflanzenstich, wird jedoch zuvor vom jungen Kat heldenhaft per Pferd ins Spital gebracht. Das ist der sprachlich sehr starke Anfang der Geschichte. Dieser junge Kat bandelt daraufhin mit der schönen Isabelle, Tochter des Farantheiner, an. Liebe und Leidenschaft, immer wieder einge­streute Zitate aus dem Liebes­roman.

Und irgendwo treibt da noch ein Pferdedieb sein Un­wesen. «Farantheiner» ist mehr Form als Inhalt, mutet stellenweise wie schwer zu lesende Schreibübungen an und ist doch gesamthaft faszinierend: als nicht definierbares Mischwesen eines womöglich sehr begabten Autors. Aber der soll jetzt erst mal Finnisch lernen.


Patrick Savolainen:«Farantheiner», Die Brotsuppe, 192 Seiten. Vernissage: Donnerstag, 17. 5., 18.30 Uhr, Naturhistorisches Museum Bern.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 16.05.2018, 11:47 Uhr

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