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Mit der Schreibmaschine die Welt verbessern

Mit «Literatur für das, was passiert» lancierten Julia Weber und Gianna Molinari ein reizvolles Literaturformat, das sich für Flüchtlinge einsetzt.

Die beiden Autorinnen Gianna Molinari, links, und Julia Weber initiierten das solidarische Künstlerprojekt «Literatur für das, was passiert»
Die beiden Autorinnen Gianna Molinari, links, und Julia Weber initiierten das solidarische Künstlerprojekt «Literatur für das, was passiert»
zvg

Sie sitzen hinter den mitgebrachten mechanischen Schreibmaschinen und warten auf Bestellungen des Publikums: Welches Thema hätten Sie denn gern? Ein Brief an eine Freundin, ein Gedicht oder gar ein Pamphlet? Keine Stunde später hält die Bestellerin oder der Besteller den Auftragstext in den Händen – gegen einen Obolus, der an ein Hilfsprojekt für Flüchtlinge fliesst.

Mit «Literatur für das, was passiert» initiierten Gianna Molinari und Julia Weber nicht nur ein solidarisches Künstlerprojekt, sondern auch ein reizvolles Literaturformat ohne Delete-Taste. An den Auftritten von «Literatur für das, was passiert» an Buchfestivals, Benefizabenden und sonstigen Veranstaltungen machen mittlerweile zahlreiche Autorinnen und Autoren mit – unter ihnen gestandene Namen wie Ruth Schweikert oder Tim Krohn.

So kamen seit vergangenem Herbst mehrere Tausend Spendenfranken zusammen, deren Verwendung Julia Weber in einem kleinen Notizheft fein säuberlich von Hand auflistet. Ihr und Mitinitiantin Gianna Molinari geht es jedoch nicht nur um das Geldsammeln für einen guten Zweck.

Unfertiges als Literatur

«Wir wollen Literatur im öffentlichen Diskurs einsetzen und zeigen, dass wir als Kollektiv mit Kunst etwas erreichen können», betont Gianna Molinari. Ihren Lebensunterhalt verdient die 28-jährige Autorin als Programmassistentin der Solothurner Literaturtage und mit freien Aufträgen. Julia Weber ihrerseits betreibt als Brotjob den «Literaturdienst» – auch hier ist die portable mechanische Schreibmaschine ihr Markenzeichen. Dabei bietet sie sich gegen Bezahlung als schreibende Beobachterin für private Anlässe an – zum Beispiel an Hochzeiten oder Geburtstagsfeiern.

Kennen gelernt haben sich die beiden jungen Frauen vor mehreren Jahren beim Studium am Literaturinstitut in Biel. Wer dort studierte, sei einen ständigen Austausch gewohnt, meint Julia Weber: «Es fällt uns leichter, etwas Unfertiges vorzuzeigen und das im Moment entstandene auch als Literatur zu bezeichnen.»

Sind denn diese spontan entstandenen Texte überhaupt als Literatur zu verstehen? Mit dieser Frage können die beiden wenig anfangen. «Alle, die beim Projekt mitmachen, üben den Schriftstellerberuf aus. Sie tun es hier einfach in einem anderen Format als üblich», sagt Gianna Molinari.

Natürlich könne man das spontane Auftragsschreiben nicht mit der Arbeit an einem Roman vergleichen. «Das Reizvolle an diesem schnellen Format ist, dass man es nicht überarbeiten kann und auch Tippfehler mit drinbleiben.» Zur Ästhetik gehört auch der Kohlepapierdurchschlag, den die Verfasser für sich behalten.

Darüber hinaus habe jeder sein eigenes Herangehen an den Text. Einige machten sich zunächst handschriftliche Notizen, bevor sie den Text auf der Schreibmaschine in Form bringen. Andere halten einen Moment inne, bevor sie auf die Tastatur hauen.

«Keine Überarbeitung»

Für Julia Weber ist das Format mit der Authentizität des automatischen Schreibens vergleichbar, bei dem Bilder und Gefühle möglichst unzensiert wiedergegeben werden. «Wie beim Notieren in mein Notizbuch komme ich in einen Zustand des Schreibens, in dem es keine Überarbeitung gibt.»

Den Autorinnen und Autoren, die am Projekt mitmachen, gefalle auch die unmittelbare Reaktion des Publikums. Der direkte Kontakt sei gerade auch deshalb spannend, «weil viele Leute die Vorstellung vom Schriftsteller haben, der jahrelang am Schreibtisch sitzt und grübelt».

Dazu kommt, dass es für viele Menschen nicht alltäglich ist, einen nur für die eigene Person verfassten Text zu erhalten. Die Reaktionen des Publikums fallen denn auch sehr unterschiedlich aus. Während einige das Couvert, in dem sie den bestellten Text erhalten, einstecken und später lesen, wollen andere das Resultat sofort sehen.* Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung der Gottlieb-und-Hans-Vogt-Stiftung für Medienförderung realisiert.

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